Die Presse: Ihre „Liebesg'schichten und Heiratssachen“ gehen in die zwölfte Saison. Abgesehen vom ORF, der Sie wegen der guten Quoten wohl drängt – worin liegt Ihre Motivation?
Elizabeth T. Spira: Es macht mir Spaß. Und ich bin neugierig: Was passieren mir für Menschen? Und die veränderten Menschen dann zu sehen! Da gibt es Überraschungen.
Zu sehen in den Resümee-Sendungen, die zu Beginn jeder Staffel laufen, auch heute Abend (21.10 Uhr, ORF2; Anm.).
Spira: Ja, ein Kandidat, der noch nie mit einer Frau zusammen war, hat geheiratet – ein Highlight für meinen Gefühlshaushalt.
Es wird diesmal wirklich Ihre letzte Saison?
Spira: Das sag' ich ja immer. Jedes Jahr überleg ich's mir. Ich war 66 Jahre alt im Dezember. Jedes Jahr stell' ich mir vor, – vor allem im Hochsommer – im Schatten zu sitzen und Krimis zu lesen. Aber kaum sind die drei Wochen Urlaub vorbei, bin ich wieder gierig auf Geschichten.
Würden Sie Ihre „Liebesg'schichten“ dem Genre Reality-TV zuordnen?
Spira: Nein. Wir gestalten relativ viel, das sind Miniporträts. Aber wir sperren die Kandidaten nicht in einen Käfig und sagen: „Beweg' dich einmal!“
Es gibt aber den Vorwurf, Sie führten die Leute vor: Die Bewerber begeben sich zwar in die Öffentlichkeit, Sie „gestalten“ aber Porträts.
Spira: Das Interview ist offen. Natürlich blödel ich auch, ich kann mir ja nicht auf die Zunge beißen. Es ist manchmal komisch, manchmal tragisch. Zum anderen gibt es die „Entspannungsteile“. Man kann ja nicht ständig reden, also: Was will jemand machen? Beim Fünften, der „Radfahren“ sagt, wird's fad. Wir sind heilfroh, wenn einer einmal Fallschirmspringen will, wobei ich nicht mitflieg', weil mir schlecht wird. Wir sagen aber nie: „Machen Sie das oder das!“
Wie groß ist Ihr Respekt vor den Menschen?
Spira: Wenn sich jemand so öffnet, muss man damit behutsam umgehen. Verschiedene Kandidaten werden gar nicht gesendet, weil sie zu verletzbar sind. Ich bin ein relativ prüder Mensch. Dem Publikum mute ich nur zu, was ich mir zumute.
Und der ORF will nicht manchmal zuspitzen?
Spira: Der ORF nimmt da keinen Einfluss.
Finden Sie, dass Reality-TV – mittlerweile eine Domäne der Privatsender – weniger Respekt vor den Menschen hat?
Spira: Ich tu wahnsinnig wenig fernsehen. Nach fünf Minuten schlaf' ich ein.
Wie suchen Sie die Kandidaten aus?
Spira: Zwei Damen sortieren die Bewerbungen, recherchieren nach, führen lange Telefongespräche. Ich rede vorher nicht mit den Kandidaten, das hat sich bewährt. Und dann schauen wir, was haben die Leute für Geschichten, und vor allem: Können sie die erzählen, und wollen sie die erzählen?
Der „Kleinen Zeitung“ sagten Sie, Sie hätten so viele Steirer unter den Bewerbern?
Spira: Ohne Steiermark könnten wir zusperren. Wir hatten viele Homosexuelle aus Graz, aber heuer war's dann zu Ende. Wahrscheinlich haben wir jetzt alle durch. (lacht)
Sind Ihre „Alltagsgeschichten“ beendet?
Spira: Wahrscheinlich. Die „Liebesg'schichten“ machen 450 Minuten aus, die ich pro Jahr gestalte, das ist sehr viel. Zuletzt gab's daneben immer nur eine „Alltagsgeschichte“, 2007 ein Porträt für 3sat. Im September folgt einmal ein langer Urlaub in Ägypten.
Wie hat Ihnen die Bühnenfassung der „Alltagsgeschichten“ (in den Kammerspielen; Inszenierung von Dolores Schmidinger; Anm.) gefallen?
Spira: Wenn ich ehrlich bin: net wirklich. Ein bissl weniger wär' mehr gewesen. Wenn man die realen Leute kennt, will man sie nicht ironisiert haben. Bei ein paar Szenen hatte ich Bauchweh.
Welcher Journalist im ORF könnte Sie in der Sparte Sozialreportage beerben?
Spira: Das „Schauplatz“-Team macht das eh gut. Das ist andere Machart, aber das Feld ist nicht unbeackert.
ORF-Kulturchef Martin Traxl sagt, Sie blicken in die Seele des Österreichers. Wie charakterisieren Sie diesen Österreicher?
Spira: Es gibt nicht den Österreicher oder den Franzosen oder den Afrikaner oder den Juden. Man muss sich selbst kennenlernen, um die anderen kennenzulernen – über Dinge, die man an sich selbst entdeckt. Da kann ich über Österreicher sagen: Wir schummeln uns durch, wir analysieren weniger, meiden die Konfrontation. Im Unterschied zu den Deutschen: Die sprechen besser, analysieren besser, denken klarer. Wir kommen hinten herum. Wir sind Wadlbeißer.
Gusenbauer hat nach dem Fall Josef F. auch ausländischen Medien erklärt, es gebe nichts „typisch Österreichisches“ bzw. keinen „Fall Österreich“? War das nötig?
Spira: Ich denke, das war ein bissl Fleißaufgabe. Wenn so eine Tragödie passiert, stürzt sich die internationale Presse drauf. Aber nächste Woche zieht sie weiter. Man sollte das mit einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis nehmen. Wir brauchen nicht den Kanzler, der uns sagt, dass wir eh brav sind.
