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Theater in der Josefstadt: Feine Hirnnahrung im Dschungelcamp

18.03.2017 | 11:14 | von BARBARA PETSCH (Die Presse)

Kritik Stephanie Mohr inszenierte erfinderisch, berührend und amüsant die Uraufführung von Felix Mitterers „Galápagos“, ein rohes Sozialexperiment und ein Krimi: Pauline Knof und Peter Scholz entzücken als Pionier-Paar.

Die Geschichte ist Freunden von Expeditionen im Kopf geläufig: In den 1920er-, 1930er-Jahren machten sich Aussteiger zur Galápagos-Insel Floreana auf, das ersehnte Paradies wandelte sich rasch zur Menschenhölle. Die Streitigkeiten gipfelten in einer Mordserie . . . Klingt nach einer Mischung aus „Goodbye Deutschland“ (Vox), Dschungelcamp und anderem Stoff zum Relaxen am Feierabend vor der Flimmerkiste mit TV-Doku-Reality-Soap, Schadenfreude inklusive. Nicht bei Felix Mitterer, dem zarten Weltverbesserer aus Tirol, der einst seine Kritiker mit der galligen Piefke-Saga verblüffte, meist aber mit milder Empathie auf die Welt blickt.

Der Dichter entwirft in „Galápagos“, seinem neuen Stück, seit Donnerstagabend im Theater in der Josefstadt zu sehen, ein Panorama mit vielen Bezügen. Die Entdeckung der Welt, ihre Eroberung mittels Kolonialismus und die Industrialisierung schürten die Ahnung, dass umfassende Zerstörung drohte. Heute weiß man mehr darüber. BBC-Serien schildern Naturidyllen, die der Tourist längst nicht mehr zu sehen bekommt.

 

Kampf um Ressourcen wie Wasser

Vielleicht ein Glück. Um die vorletzte Jahrhundertwende blühte wie in den 1960er-, 1970er-Jahren die Zivilisationsflucht, befeuert von krausen Philosophien. Christian Kracht publizierte 2012 den tollen Roman „Imperium“ über Kokosnuss-Anbeter August Engelhardt (1875–1919) und seinen Sonnenorden in der Südsee, die Aufführung im Schauspielhaus Wien entriet in Trash. Ein Nietzsche-Anbeter ist wiederum der Held von „Galápagos“, Friedrich Ritter, Arzt und Philosoph aus Baden-Württemberg. Die Leidenschaft für seine Jüngerin Dore ist auf der Insel rasch erkaltet, die Frau leidet an multipler Sklerose. Aus dem Schwarzwald zieht ein bodenständiges Paar nach Floreana, Heinz Wittmer und seine Frau Margaret, Nachwuchs stellt sich ein.

Die schrillste Figur ist eine angebliche Baronin aus Wien, Gattin eines französischen Militärpiloten, Spionin, Femme fatale, Nymphomanin. Nach Abtreibungen ist die Dame unfruchtbar, zwei Liebhaber hat sie mitgebracht, aber sie macht sich auch an den schroffen Ritter heran. Mitterer erzählt von fernen Ländern, von der Insel, für die keiner reif ist, weil jeder seine Probleme mitnimmt. Er erzählt von Wetterkapriolen, Fehden um Ressourcen (Wasser!), von Revierkämpfen zwischen Tier und Mensch, Mensch und Mensch, von der Hackordnung, die sich auch in der Wildnis rasch einstellt, von Einsamkeit, die nicht jedem frommt, von Verrücktheit, die jederzeit in jedem lauert. Und er blättert einen Krimi auf.

 

Satire, Melodram und Slapstick

Polizist Felipe will wissen, was auf der Insel vorgegangen ist, und erfährt von jedem eine völlig andere Version der Ereignisse. „Es ist spät, wir werden morgen weitermachen“, sagt er – und hier hätte die Aufführung genialer Weise aufhören müssen. Doch Mitterers Recherchen waren Regisseurin Stephanie Mohr heilig. Sie mischt munter Melodram, echte Emotionen mit Satire, Slapstick – und hat ein halbwegs motiviertes Ensemble zur Verfügung. Peter Scholz ist köstlich als forscher Biedermann Heinz Wittmer, großartig: Pauline Knof als seine tüchtige Pionierfrau Margaret, die auf der Insel einen deutschen Haushalt mit Landwirtschaft einrichtet. Auch Dore (berührend: Eva Mayer) wollte ihrem Feuerkopf Ritter (hinreißend klotzig und grausam: Raphael von Bargen mit Wuschelhaar) eine tüchtige Kameradin sein, aber er schubst sie herum – und sie kränkelt zunehmend. Ljubiša Lupo Grujčić als Polizist spielt seine nicht allzu schwere Rolle grinsend und schematisch.

Ruth Brauer-Kvam agiert hektisch wie beim Kindergeburtstag, jede halbe Sekunde Hüpfen, jede ganze ein Gag, der schillernden Baronin wird sie nicht gerecht. Roman Schmelzer als Liebhaber Bubi wirkt schwach, speziell in der Erzählung seiner Tragödie: Er ist Jude, seine Mutter in Nazi-Deutschland „verschwunden“. Matthias Franz Stein begeistert als lungenkranker zweiter Lover der hohen Frau, Rudolf, wie ein Gigolo muss er einmal ausgesehen haben, nun ist er ein hohlwangiges, weißblondes Wrack. Steins jungenhafter Ernst in jeder Rolle hat wirklich etwas Sympathisches.

Die Fotos der Aufführung signalisieren, dass hier eine Art Film abläuft. Davon kann keine Rede sein. Die Produktion wirkt teilweise schleißig, manchmal unfreiwillig komisch in ihrem Annäherungsversuch an die Wildnis – die im Theater nie leicht herzustellen ist. Miriam Buschs herabrauschende Bilder mit Sonnenuntergang, Nietzsche-Porträt oder Comics von der Eberjagd gefallen, sie sind augenzwinkernd gemeint und sagen: Prospektwahrheit? Gibt es nicht. Hier ist die Realität. Dies ist ein Abend für Geduldige, die Mitterers gründliche Erkundung des Themas zu schätzen wissen.


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