Lässt man die Bemühungen des Burgtheaters um den Nachwuchs Revue passieren, findet sich weithin Konvention: Claus Peymann spielte das 100 Jahre alte „Dschungelbuch“ und den Berliner Aufklärungsklassiker der Siebziger „Was heißt hier Liebe?“. Klaus Bachler zeigte „Hänsel und Gretel“ und „Reineke Fuchs“. Matthias Hartmann wählte den 1900 erstmals erschienenen „Zauberer von Oz“. Lauter mehr oder minder ehrwürdige Altertümer sind hier versammelt.
Für die Großen moderne Dramen und verfremdete Klassiker, für die Kleinen: Bildungsauftrag von anno Schnee. Angesichts des gewaltigen Angebots von Kinder- und Jugendbüchern, von der vielfältig verfilmten Fantasy ganz zu schweigen, wirkt solche Programmierung milde gesagt kleinmütig. Dass sich beim „Zauberer von Oz“ auch über 100 Jahre nach seinem Entstehen keiner um die tieferen Hintergründe kümmert – auch in der Burg nicht –, passt ins Bild. Inszeniert wird neuerlich das bunte Märchen.
In dessen Tiefe zu steigen wäre womöglich ähnlich heikel wie bei der viel und auf ähnliche Weise strapazierten „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Geht es dort um die englische Klassengesellschaft und um Verführungen, denen sehr junge Mädchen ausgesetzt sind, ist der „Oz“ auch Kapitalismuskritik: Die böse Hexe des Ostens, das sind die bösen Großbanken von der Ostküste, der Blechmann symbolisiert die Industriearbeiter, der feige Löwe die reformwilligen, aber erfolglosen Politiker und Dorothy die warmherzige, geradlinige US-Bevölkerung. „Oz“-Erfinder Lyman Frank Baum – die Familie wanderte aus Deutschland in die USA ein – war der Sohn eines reichen Erdölmagnaten. Baum junior (1856–1919) heiratete die Tochter einer führenden Frauenrechtlerin und wandte sich den Theosophen zu, einer Bruderschaft mit esoterisch-arisch-okkulter Schlagseite. Ihre Anhänger glaubten an ein universelles kosmisches Bewusstsein und widmeten sich der Welt- und Menschenverbesserung.
Der „Oz“ hat also einen vielschichtigen Subtext, ist aber auch ohne diesen ausreichend originell. Vor allem der zweite Teil, wenn das Geheimnis des großen Zauberers in verblüffend emanzipatorischer Weise enthüllt wird und sich herausstellt, dass die „Loser“ mit dem Waisenkind Dorothy an der Spitze in Wahrheit ihres eigenen Glückes Schmied sind, erfreut immer wieder.
Eine Dorothy wie Pippi Langstrumpf
Im Burgtheater hat Annette Raffalt, die für die neue Schiene „Junge Burg“ zuständig ist, inszeniert – mit Profis und über drei Dutzend Kindern als Laiendarstellern; diese bilden das Mäuseheer – und wenn sie sich am Ende verbeugen, sieht das nicht nur entzückend aus, sondern man weiß auch: Diese Kids, unter ihnen ein paar Sprösslinge von Prominenten, nehmen eine unvergessliche Erinnerung mit ins Erwachsenenleben. Anders als die neue Disney-Version von Dickens' „A Christmas Carol“ im Kino kann diese Aufführung auch für Zartbesaitete empfohlen werden. Der Schrecken hält sich in Grenzen, auch die Lautstärke.
Yohanna Schwertfegers Dorothy erinnert an Pippi Langstrumpf. Das Liebliche von Judy Garland aus der berühmten Filmfassung von 1939 fehlt ihr ganz, was durchaus zeitgemäß ist. Die Älteren hängen ein wenig steif in ihren Kostümen: Elisabeth Augustin als süßliche Hexe des Nordens, Therese Affolter und Peter Wolfsberger als Dorothys Onkel und Tante. Affolter spielt außerdem die effektvolle Rolle der superbösen Hexe des Westens, diese kommt bei den Kids besser an als die Guten. Ebenfalls statisch, aber trotzdem einfach hinreißend: Udo Samel als clownesk-ratloser Zauberer von Oz. Witzig: Stefanie Dvorak als Hexe des Südens. Dorothys Reisegefährten übertreiben kräftig, wie es im Kindertheater leider beliebt ist: am meisten Juergen Maurer als Löwe. Der beste ist der rockig rappende Strohmann (André Meyer).
Mit Bernhard Kleber ist ein echter Maestro unter den Bühnenbildnern aufgeboten, der die Märchenwunderkiste souverän bedient – mit fliegenden Objekten, einem stotternden Oldtimer, Projektionen, Feuerzauber. Auch Ele Blefferts Kostüme sind originell und wirken nicht wie sonst bei solchen Gelegenheiten wie aus dem Fundus. Man sieht: Bei dieser ersten großen Präsentation der „Jungen Burg“ wurde nicht gespart.
Der erste Teil zieht sich wie meist beim „Oz“, der zweite ist spannender. Ob dies der geeignete Stoff für Film-und TV-Kids ist? Der Premierenapplaus klang sehr angetan. Und jetzt bitte mal etwas wirklich Neues!
