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Welle Wien: Club der Fusionäre

28.06.2012 | 12:18 | von Sabine Hottowy (Die Presse - Schaufenster)

Wiener Szenen, gebt euch die Hand! In dem musikalischen Kollektiv Welle Wien klingt jeder Song anders: Trashpunk, Wienerlied und queerer Pop – alles ist dabei.

"Als Erstes stand im Raum, dass wir spielen. Dann war klar, wir spielen am Popfest. Dann hatten wir ein Problem: Was ist das jetzt?" Die Frage stellte sich Kristian Musser vulgo Mu, der hauptmusikalisch für seine postmoderne Schlagerband Tanz Baby! komponiert und die Saiten kitzelt. Anders als dort geht es in seinem neuen Freundeskreis, der Welle Wien, nicht um plüschige Gefühle und vor Einsamkeit gen Himmel stinkende Herzen, es geht um eine Stadt, einen Kanal und die passende Filmmusik, „auch wenn der Film noch gedreht werden muss“, gibt Mu Rätsel auf. Die Erklärung kommt am besten von ihm selbst: „Das ganze Projekt ist entstanden, nachdem ich letzten Herbst ein paar Songs produziert hatte und sie aufnehmen wollte. Mir ist die Idee gekommen, unterschiedlichste Freunde oder Leute, auf die ich stehe, ins Studio zu holen, daraus ist ein richtiges Feldforschungsprojekt geworden. Manche habe ich auch neu kennengelernt, wie Al Bird von den Happy Kids. Schlussendlich waren bei der Platte zehn bis 15 Leute involviert. Band sollte daraus eigentlich keine werden“. Wurde es dann aber doch.

Welle kommt von wollen. Ein paar Worte zur Besetzung: Neben Tanz Baby! waren am Ende Teile von The Happy Kids (Garagen-Trash-Punk), Glutamat (Punkrock-Chanson), Bo Candy and his Broken Hearts (1960er-Jahre-Indiepop-Perle) Sterzinger Experience (Wiener Schrammelmusik), Bomb the Bass (Englischer Wahlwiener und Produzent von David Bowie, Björk und Depeche Mode), Pop:sch (grenzüberschreitender queerer Elektropop) und die zeitgenössische Tänzerin Stephanie Cumming (als Sängerin) an der Welle beteiligt. Auf der selbst betitelten Platte, die am 5. Oktober erscheint, werden unterschiedlichste musikalische Genres und Ansätze bedient, vom Punkrock bis zum Wienerlied, jede Nummer kommt aus einer anderen Richtung. „Es ist so unterschiedlich, dass du merkst, dass es keine Band ist. Compilation ist es aber auch keine, weil es die Klammer Wien gibt. Die Lösung war, es Filmmusik zu nennen.“Ein fiktiver Soundtrack zur Stadt.

Die Songs drehen sich textlich zu einem großen Teil um Wien, um das Leben in der Stadt und den Donaukanal, mit dem Mu nächtliche Musik- und Fahrradgeschichten verbindet. Von einer Liebeserklärung ist die Welle aber weit entfernt. „Wien ist, wie ich es empfinde, zu klein – und intern zu kleinkariert –, um als Ganzes gegen den Rest anzukommen“, poltert Thomas „Kantine“ Pronai, früher bei The Beautiful Kantine Band, heute Vorstand von Bo Candy and his Broken Hearts. „Wien geht ziemlich stark in die Richtung ‚pay to play‘. Viele Lokale sind nicht mehr darauf angewiesen, dass eine Band spielt, die Partykultur macht mehr Umsatz.“ Was Thomas kritisiert, sieht die blond geschopfte Martti Winkler, die bei Pop:sch, Mika Vember, Tanz Baby! u. a. mitmischt, ganz ähnlich: „Für junge Musiker fehlt oft die Möglichkeit, dass sie aus ihren Proberäumen rauskommen. Es gibt keine Förderungen wie in Frankreich oder Schweden, wo Musiker und Bands finanziell gestützt werden. Das gibt einem die Möglichkeit, sich komplett auf etwas einzulassen. Das vermisse ich hier.“ Was Mu an diesem Punkt interessiert? „Dass in der Stadt eigentlich extrem viel passiert, ab einem gewissen Punkt aber keiner den entscheidenden Schritt schafft“. Die Erklärung folgt auf dem Fuße: „So etwas wie die Indieszene ist viel zu klein und wird durch die Radiotrennung Ö3/FM4 auch absichtlich klein gehalten. Das fängt schon damit an, dass sich die Musiker untereinander nicht anschauen“, erklärt Thomas Pronai.

Reißt euch zusammen. Am Popfest tritt die Patchwork-Welle dann zum ersten Mal gemeinsam auf, wie das genau aussieht, wissen sie noch nicht. Es werden alle Leute auf der Bühne stehen und es soll keine „öde Nummernrevue“ werden. „Wir treten auf und dann wird man schon sehen, was passiert. Rezipieren wird man uns wahrscheinlich als Band, aber es sind Leute, die man kennt“ und die für sich ebenfalls am Line-up stehen. „Ich finde das super, da machen jetzt alle mit und das ist die Message. Dass wir zusammen etwas machen. Wir arbeiten, teilen alles auf und es gibt keine Diskussion. Da passiert etwas und wir wissen noch nicht, wie es wird, aber es wird, ganz sicher“, feuert Mu an. Thomas Pronai bringt es auf den Punkt: „Die Welle Wien hat eine Aussage, man soll sich jetzt zusammenreißen und etwas gemeinsam auf die Beine stellen. Diese vielen kleinen Szenen können nur etwas ausrichten, wenn sie sich zusammentun“.

Faktbox (24bb8da6)


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