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Stones verschlafene Revolution

03.08.2012 | 18:48 | von Samir H. Köck (Die Presse)

Der Australier Angus Stone betört mit „Broken Brights“, seinem meist sanften, zuweilen aber aufbrausenden Solodebüt.

Ich nehme es, wie es kommt. Wenn das mit den Alben mal nicht mehr klappt, dann entwerfe ich Lampen oder baue Kanus. Ich bin da entspannt.“ sagt Angus Stone mit jener Leichtigkeit, wie sie nur Hippiekünstlerkindern zu eigen ist. Die Eltern vazierten als Folk-Duo in Australien, ehe sie mit ihren beiden Kindern Julia und Angus sesshaft wurden. Musiziert wurde aber weiter. Der Probekeller der Eltern war schnell Sehnsuchtsort der neugierigen Sprösslinge. Ihm entströmten sanfte Klänge, aber auch würziger Haschischduft und aromatische Whiskeydämpfe. Frei flottierende Melodien prägten ihr Bewusstsein, das urbane Realitätsprinzip hatte wenig Chance. Dazu kam ein schwärmerisches, beinah esoterisches Verhältnis zur Natur. Aus beidem entwickelten Julia und Angus eine extrem entspannte musikalische Ästhetik, die aus der Perspektive der westlichen Hemisphäre völlig aus der Zeit gefallen scheint. Licht, Luft und Sonne regieren die Songs des Geschwisterpaars, das seit seinem ersten Auftauchen 2006 vor allem Bewohner großer Städte fasziniert.

 

Maulfaulster Refrain der Popgeschichte

Bereits die erste, luftige Single, „Paper Aeroplane“, wurde zum internationalen Hit. Ein sachter Gitarrengroove, darüber eine unwiderstehliche Melodie, die von einem Schulszenario kündet, das jeder kennt: die geheime Verliebtheit. Den Gesang teilt man sich. Hier die charmant brüchige Stimme von Julia, dort das nasale Organ des weltfremd wirkenden Angus. Die ungleichen Ausdrucksweisen harmonieren erstaunlich gut. Noch wichtiger war wohl, dass Julia und Angus in diesem introvertierten Song den wohl maulfaulsten Refrain der Popgeschichte zelebrierten: „Got to say mm, mm, mm.“

Jetzt hat Angus Stone, der seit einigen Jahren ein raueres musikalisches Nebenprojekt namens Lady of the Sunshine leitet, sein erstes Soloalbum unter eigenem Namen herausgebracht. Es heißt „Broken Brights“ und steht ganz in der Tradition schwereloser, hippiesker Meisterwerke wie „Harvest“, „Veedon Fleece“ und „Planet Waves“. Erst gegen Ende überrascht Stone mit drei wuchtigen, metallisch glänzenden Krachern. Die mögen für Stones Psychohygiene wichtig gewesen sein, für den Triumph von „Broken Brights“ sind sie es nicht.

Wesentlich für die Güte dieser Liedersammlung ist die Rückkehr der Figur des Zweiflers, des introvertierten Einzelgängers, der wichtige Fragen stellt. Schon im countryesken Opener „River Love“ taucht ein Protagonist auf, der wie ein Romanheld von Wilhelm Faulkner die Natur nach Zeichen absucht, die ihm im Umgang mit Menschen weiterhelfen können. Da galoppieren „wild horses“ in seinem Kopf, wenn er sich der Angebeteten nähert. Der Verliebte rätselt: „Do I love her for her beauty, do I love her because she makes me smile?“ Und vielleicht noch wichtiger: „Will she bring roses when I'm dead?“ Auch hier ist der Refrain markant: zögerliche La-La-Las, die signifikant an den mittleren Bob Dylan gemahnen. Im Titelsong „Broken Bright“ wirft Stone einen verwunderten Blick auf die Figur des alten Mannes, ähnlich wie es einst Neil Young in „Old Man“ tat. Bei Stone ist Alter nur Teil eines Vexierbilds. Er erahnt das Greisenhafte selbst im frischesten Antlitz. Und er erkennt das Agile in Faltenwurf und existenzieller Patina. Auch musikalisch.

 

Beschwörung des Gemeinschaftsgeists

Das mit giftiger E-Gitarre gewürzte „Bird on the Buffalo“ ist auf Augenhöhe mit US-Westcoast-Highlights der 1970er, ohne die Spur epigonal zu sein. Stone zaubert unwiderstehliche Melodien hervor. Doch bloß Daseinsfreude zu verströmen, ist ihm zu wenig. Mit charmant verschlafener Stimme beschwört er den Gemeinschaftsgeist von Menschen, die wissen, was es heißt, Stürmen ausgesetzt zu sein. „So convince the others of the change of the wind“, singt Stone sanft. Was da klingt wie eine Wetterwarnung, ist nichts weniger als eine Art Revolutionsaufruf. Mit erstaunlich wenigen Worten kommt Stone mit der Kompliziertheit des Lebens in Berührung. „In your father's tears, in all your mother's fears, in all the world's fear, we'd be the same“, heißt es in „Wooden Chair“. Das Unannehmbare des Lebens, selten wurde es gleichzeitig so lapidar und weise formuliert. Angst essen Seele auf? Mit Angus Stone nicht!


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