Ich bin kein Geschöpf von eurer Art, Österreicher! Ja, wir haben dieselben Hoffnungen und Träume. Denn ich bin alles, was ihr über euch selbst wisst. Ich bin, weil ihr mich geschaffen habt.“
Diese (hoffentlich halbwegs korrekt notierten) Worte richtete Stefani Joanne Angelina Germanotta vulgo Lady Gaga an das freudig erregte Wiener Publikum. Was wollte sie uns damit sagen?
„Rah, rah, ah, ah, ah; roma, roma, ma gaga, ooh la la“, so lauten die eingängigsten Zeilen des eingängigen Hits „Bad Romance“, den sie davor sang, eingeleitet durch eine kurze Predigt, in der sie u.a. „the beginning of a new race“ verkündete.
??? – !!! – ???
„Pop Art“ werde das nächste Album von Lady Gaga heißen, wird gemunkelt, das wäre wohl etwas zu plump. Denn diese Frau kann sowieso schlecht verbergen, dass sie ihre Haus- und Seminararbeiten über Popkulturtheorie, Strategien der Mediendekonstruktion, Diskurssemantik für Fortgeschrittene, Andywarhologie etc. gemacht hat. Jetzt macht sie Pop, unverschämt trivialen Pop, lässt sich ein aberwitziges, auf geschmackssichere Weise geschmacksloses Bühnentheater inszenieren, schreibt Manifeste dazu, in denen sie erklärt, warum sie und das Publikum ineinanderfließen, und ja, es geht ihr wirklich nahe, man meint, dass nicht nur in dem Zerrbild ihres Gesichts auf dem Videoschirm die Tränen tropfen. Sie spielt eine Frau, die einen Popstar spielt, der ein naives Mädchen spielt, und alle Mädchen im Publikum, die gern Frauen wären, die Popstars spielen (oder umgekehrt), fühlen mit ihr. „The men don't know, but the little girls understand“, selten haben diese Zeilen aus „Back Door Man“ von Willie Dixon so gut zu einem Popspektakel gepasst.
Erst hoch zu Ross, dann auf dem Motorrad
Was wissen die Männer nicht? Warum Lady Gaga erst auf einem Pferd und dann auf einem Motorrad reitet? Warum sie den Mann, mit dem sie soeben als Hochzeitspaar posiert hat, erschießt? Warum die riesigen Schenkel, zwischen denen sie geboren wird, Netzstrümpfe tragen? Warum bei „Americano“ (in dem es um Liebe zu einer Lateinamerikanerin geht) so viel rohes Fleisch auf der Bühne hängt? Warum bald geblutet, bald geliebt und bald gekämpft wird? Und all das auf den vielen Böden einer Ritterburg, die genau aussieht wie von Playmobil, nur mit weißen Kreuzen drauf.
Egal. Man muss nicht alles verstehen. Bei einer Castorf-Inszenierung versteht man auch nicht alles. Wenigstens ist die Dichte an religiösen Symbolen etwas geringer als beim anderen, älteren italoamerikanischen Star, der unlängst in Wien war. Und die neue Gaga-Show („Born This Way Ball“) ist kein so arger Wurstelprater wie der „Monster Ball“, den sie das letzte Mal aufgeführt hat. Dass sie überladen ist wie die Lugner-City, das gehört wohl zur Idee. Problematisch ist die Überlänge: Mehr als neun mal 15 Minuten, das ist zu viel, da werden einem die offensiv gut gelaunten Refrains schon in den Ohren sauer.
Cool ist die neue Ballade: In „Princess Die“ gibt sie ein Mädchen, das vom Boulevard-Tod einer Celebrity-Schönheit träumt, die alle weinen sehen wollen. „So bob your head for another dead blonde“, singt Lady Gaga, die bei manchen Liedern so blond ist, dass es schon nicht mehr blond ist. Das Klavier, das sie dazu spielt, ist in ein Motorrad eingebaut: So versöhnt man Höhere-Tochter-Reminiszenzen mit der Sehnsucht nach Benzinbrüdern aus dem Volk!
„I'm on the edge of glory“, hieß es endlich, und dann noch: „I'm gonna marry the night, I won't give up on my life, I'm a warrior queen, live passionately tonight.“ Da sah man Männer „Rock'n'Roll“ murmeln. Vielleicht haben sie's doch verstanden?
