Schnell wird noch der Küchentisch abgewischt. Richard Melville Hall, auch genannt Moby, ist nämlich Jungfrau im Sternzeichen, und Jungfrauen sind ordnungsliebende Menschen. In Schlabberhose und T-Shirt mit dem Aufdruck „Gimme a Dollar“ hat er die Tür zu seinem New Yorker Apartment geöffnet. Es ist ein relativ geräumiges und für New York sehr helles Wohn- und Arbeitsloft, aber alles andere als eine Millionärsresidenz. Bereitwillig zeigt Moby jeden Winkel seiner Wohnung, selbst vor Bad, Schlafzimmer und dem veganen Menü im Kühlschrank macht er nicht Halt. So wenig der Musiker einst an seinen Erfolg geglaubt hat, so stolz ist er heute auf sein Schaffen: An den Wänden hängen Platin- und Goldplatten und Musikinstrumente stehen herum. Vom Klavier bis zum Schlagzeug und Syntheziser.
Leben mit Comicfiguren. Moby spielt seit dem neunten Lebensjahr alle möglichen Musikinstrumente. Auf sein neuestes Projekt, „The Little Death“, eine noch unbekannte Blues-Punk-Band, angesprochen, wirft er sofort eine CD in die Stereoanlage. „Eigentlich haben wir diese Band nur gegründet, damit wir einen Grund haben, uns hemmungslos zu betrinken“, erzählt er. Aber auch andere Facetten hat der kleine Mann: Im nächsten Moment wirkt er kindlich – wie ein kleiner Bub, der gemeinsam mit seinen selbst gezeichneten Comicfiguren in seinem New Yorker Loft lebt. Moby zeichnet, seit er dreizehn ist, und manchmal haucht er seinen kleinen Freunden für ein Musikvideo Leben ein.
So geschehen bei „In this World“. Wenn Moby über die kleinen Aliens spricht, leuchten seine Augen, und fragt man ihn, welches der liebste Gegenstand in seiner Wohnung ist, dann präsentiert er einen solchen. Es scheint fast so, als ob sich Moby eine Parallelwelt geschaffen hat. In der echten Welt lebt der Künstler seit mehr als zwanzig Jahren vegan und setzt sich für Tierrechte ein. Die Medien haben ihn deshalb oft als militanten „Vegan Jesus“ beschrieben. „Dieses Image habe ich einfach satt, und es trifft auch nicht zu“, sagt Moby und wird plötzlich ernst. Denn er setzt sich nicht nur für Tiere ein, sondern auch für Menschen. Da er selbst lange an Panikattacken litt, hat er eine Anlaufstelle für Betroffene gegründet, und auf einer seiner Websites, mobygratis.com, stellt er unabhängigen Filmemachern seine Musik zur Verfügung.
„Ich kenne so viele Regisseure, die sich sehr schwer tun, an Musik ranzukommen. Denen möchte ich einfach helfen“, sagt er. Sehr sozial: „Ja, ich bin einfach ein alter Punk!“, sagt er und lacht.
Angefangen hat er als DJ, in den frühen 80ern, als New York noch gefährlich und billig war. Trotzdem konnte er sich nicht einmal Essen leisten und wohnte in einer „Crack-Neighborhood“ in Connecticut. Dort gab es weder Strom noch Wasser. „Ich habe bei Punkpartys immer die Flaschen eingesammelt und dann in der Früh zur Flaschenrückgabe gebracht. Für hundert Flaschen bekamst du früher fünf Dollar. Damals war das noch mehr wert“, erzählt er. Wenig Geld zu haben war er aber gewöhnt: Nach dem Tod seines Vaters, damals war Moby erst zwei, mussten seine Mutter und er von der Sozialhilfe leben.
High Society ist nichts für ihn. 1999 kam für Richard Melville Hall dann der Durchbruch, sein Album „Play“ verkaufte sich über neun Millionen Mal. Es gab nur einen kurzen Abstecher in die High Society, als er sich ein Apartment im Dakota Building kaufte. Dem Gebäude, in dem auch John Lennon wohnte. Nach ein paar Jahren verkaufte Moby das Apartment wieder und zog zurück in sein Downtown-Loft, in dem sich auch sein Studio befindet. „Ich liebe meine Wohnung und besonders meine Dachterrasse, so oft ich kann, frühstücke ich da oben.“ Als er sein neues Album „Last Night“ produzierte, war er fast nur daheim. Derzeit lässt ihn die Tour aber nur selten zur Ruhe kommen. Deshalb ist das Interview auch schon wieder vorbei, Moby muss zum nächsten Termin. Und was ist da jetzt so dringend? „Ich muss noch schnell die Wäsche aus der Waschküche holen, ich hab nämlich keine eigene Waschmaschine und auch kaum mehr frische Socken, und die sperren ganz pünklich zu.“