„Zu den ehernen Regeln bei meinen Konzerten gehört, dass das erste Stück stets komplett improvisiert ist. Danach mache ich, wozu ich gerade Lust habe.“ So pflegt der elastische 58-jährige Bobby McFerrin in Workshops seine Konzertdramaturgie zu erklären – wohl auch die Strategie dieses Staatsopernabends, an dem er erst ein außer Rand und Band geratenes Jazzorchester simulierte. Um den Rhythmus zu entriegeln, fuhr seine Faust beherzt gegen die Brust. Mit der anderen Hand vollführte er jene stubenfliegenartigen Bewegungen, die der hiesige Bundeskanzler exekutiert, wenn er leeren Metaphern etwas Aroma beigesellen will.
Dann pumpte McFerrin die geeignete Dosis Wind in seine Viereinhalb-Oktaven-Stimme: Schon waren wir im Urwald der großen Gefühle. Voller Freude transzendierte er Epochen und Kulturräume, ließ Johann Sebastian Bach ein Fußbad im Amazonas nehmen, Duke Ellington in sakralen Räumen improvisieren. Faszinierend, mit welch simplen Mitteln er komplex tönende Kunst aus sich wuchtete. Nach gut 40 Minuten war es mit der Passivität im Auditorium vorbei: stimmliche Ausbrüche statt stummen Mitwippens. Man spitzte die Lippen, sang allerhand Nonsens-Phoneme jubilierend mit.
Voss brachte ausgerechnet Bananen
Hochkulturekstase dann, als der unvergleichliche Gert Voss einen Rollstuhl aus der Stückevernichtungsmaschine Burgtheater ins Herz des Opernhauses schob. Im Gepäck hatte er zwei Bananen: eine für sich, eine für Musikmediziner McFerrin. Der versuchte dann 20 Monologminuten lang mittels Echo, Hall und raffinierter Musikalisierung, Voss' genial herausgewürgte Tiraden aus Thomas Bernhards „Elisabeth II.“ zu konterkarieren. Berührend gab Voss das im alten Körper eingesperrte Kind, nuanciert die als Bosheit maskierte Liebesbedürftigkeit des Einsamen. Gemeinsam zeigte man, dass Tragik und Humor einander nicht ausschließen müssen. Intensiver Applaus.
Hernach der eigentlichen Hauptteil: die unmittelbare Pflege des Klientels. Meisterdidaktiker McFerrin will in Zeiten des Konsumismus noch dem amusischsten Konzertbesucher nahebringen, dass auch er über eine Stimme verfügt, mit der sich schöne Klänge gestalten lassen.
So rekrutierte er Freiwillige: Sie eilten in den Radius des Meisters, als hätten sie sich jahrelang in Pfarren und Volkshochschullehrgängen auf so einen Moment der Spontaneität vorbereitet. Ob pathetisches Trällern oder schüchtern ins Mikro gepupste Magenwinde: McFerrin wusste stets in der rechten Weise zu reagieren, suchte gar noch größere Herausforderung – die in Gestalt einer Ausdruckstänzerin kam, die ungeniertes Gliederschlackern für ein schamanistisches Ritual zu halten schien. Da ernst zu bleiben, war eine nicht zu unterschätzende Leistung.
Nun wandte sich McFerrin an das amüsierte Publikum, das sich in den Logen verschanzte, befahl: „Ave Maria“. Das zaghafte Echo zitterte eher wie die Kennmelodie von „Autofahrer unterwegs“. Den Künstler focht es nicht an. Er entfleuchte mit dem hübsches Beatles-Stück „Blackbird“. Zurück blieb nichts als gute Laune.