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Tod in der Sattelzeit

26.06.2009 | 18:35 | MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Michael Jackson ist tot. Mit ihm starb auch das Symbol einer verloren gegangenen Harm- und Sorglosigkeit.

Was ist wichtiger? Der Tod von Michael Jackson oder die jüngsten Prognosen der österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitute? Die Redaktionskonferenz der „Presse“ hat sich, wie Sie anhand der Titelseite dieser Zeitung sehen können, für Michael Jackson entschieden.

Vielleicht sehen einzelne Leserinnen und Leser das als endgültigen Beweis des Abstiegs einer altehrwürdigen Zeitung in die Niederungen des Boulevards. Oder als Anbiederung an ein Massenpublikum, dessen Idol der Verstorbene über zwei Jahrzehnte gewesen ist. Oder als Befriedigung der niederen Instinkte derer, die sich während der letzten Jahre an der Selbstdemontage eines Weltstars durch angeblichen Kindesmissbrauch und tatsächliches Finanzdebakel weideten.

Tatsächlich fiel die Entscheidung zugunstes der Jackson-Titelseite aber, weil wir der Ansicht waren, dass seine Geschichte die Geschichte der vergangenen drei Jahrzehnte weit über das Popgeschäft hinaus illustriert. Der Rückblick auf die 80er- und 90er-Jahre, in denen Michael Jackson das weltweite Musikgeschäft beherrschte wie niemand vor und niemand nach ihm, ist eine Gelegenheit, sich anzusehen, was da „wirklich passiert ist“.


Wirklich passiert ist in dieser Zeit das Ende der Moderne. Michael Jackson repräsentiert künstlerisch und in seiner öffentlichen Wahrnehmung einen entscheidenden Umschwung im Lebensgefühl der westlichen Gesellschaften. Der kritische bis revolutionäre Habitus, der in den 60er- und 70er-Jahren Kunst, Musik und intellektuellen Diskurs geprägt hat, wird abgelöst durch das „Anything goes“-Paradigma der Postmoderne. Dass sich ein globaler Popstar auf der Weltbühne in den Schritt fasst, regt niemanden mehr auf. Was noch ein Jahrzehnt zuvor einen programmatischen Angriff auf das gesellschaftliche Establishment dargestellt hätte, gehört nun zur Grundausstattung von Kinder- und Jugendzimmern auf allen Erdteilen.

Jacksons weltweiter Erfolg ist einerseits eine direkte Folge des kämpferischen Habitus seiner Vorläufer und egalisiert ihn zugleich. Er steht wie kaum eine andere Figur des öffentlichen Interesses für die Harmlosigkeit des Ungehörigen. Sein Erfolg ist untrennbar mit der Entwicklung elektronischer Unterhaltungsformate verbunden, die sich im Lauf von zwei Jahrzehnten zu einer Art globaler Beruhigungspille entwickelt haben: Alles ist gut.

Wenn man so will, war das die gesellschaftliche „Blase“, innerhalb derer sich die wirtschaftliche in Form der längsten Hochkonjunkturphase des 20. Jahrhunderts erst entwickeln konnte. Es hatte sich, begünstigt durch das Ende der globalen Konfrontation des Kalten Krieges, eine Kultur der Harm- und Sorglosigkeit entwickelt, die erst durch das traumatische Erlebnis der Terroranschläge vom 11. September 2001 ernsthaft erschüttert wurde.


Ungefähr in jene Zeit datieren die Anfänge der großen Krise des weltweiten Musikgeschäfts und das Ende der großen Zeit des Michael Jackson. Was danach kam, war die Zeit der Überhitzung: Das Musik- und Showgeschäft verbraucht heute Stars und Geschäftsmodelle genau so schnell wie viele andere Branchen. Im Rückblick sieht das so aus, als wären wir kollektiv der Konfrontation mit der Tatsache davongelaufen, dass die Zeit der Harm- und Sorglosigkeit vorbei ist.

Mit dem Platzen der Immobilienblase und der darauffolgenden Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich das Gefühl verbreitet, dass es „so nicht mehr weitergehen kann“. Man lebt im Bewusstsein, Zeuge eines großen Veränderungsprozesses zu sein. Der Historiker Reinhart Koselleck hat dafür – mit Blick auf die Zeit vor und nach der Französischen Revolution – den Begriff der „Sattelzeit“ geprägt. Im Zentrum seiner Überlegungen stand dabei – wie heute – der grundlegende Bedeutungswandel von Schlüsselbegriffen des politischen Denkens wie „Staat“ oder „Bürger“.

Üblicherweise finden in solchen Zeiten Auseinandersetzungen zwischen „reaktionären“ Kräften, die für die Wiederherstellung der alten Ordnung plädieren, und „progressiven“ Kämpfern für das Neue statt. Oft stellt sich auch heraus, dass das Neue das „ganz Alte“ ist. Das lässt sich an den gegenwärtigen Ideologiedebatten über Liberalismus und Etatismus ablesen.

Mag sein, dass der Tod eines Popstars für solche Überlegungen etwas weit hergeholt ist. Aber viel spekulativer als die Prognosen über den Zeitpunkt des ökonomischen Wiederaufschwungs sind sie auch nicht. Und in der Zwischenzeit kann es nicht schaden, jede Gelegenheit, zu verstehen, „was da wirklich passiert“, auch zu nutzen.


michael.fleischhacker@diepresse.com


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