Der Symbolkraft der Bilder vom offenen Sarg des am 30. Dezember 2006 aufgebahrten James Brown konnte man sich nicht entziehen: Michael Jackson beugte sich über den Godfather of Soul, streichelte sein Haar, küsste seine Stirn. Da vergaß der King of Pop alle Angst vor Bakterien, vor der sterblichen Hülle jenes Künstlers, der ihn vor langer Zeit zu seinem Tun inspiriert hatte. Ohne James hätte es nie einen Moonwalk gegeben.
Begonnen hatte Michael Jackson als Kinderstar – wie Judy Garland, Shirley Temple, Sammy Davis jr., Stevie Wonder. Vater Joe Jackson drillte seine Kids. Erste Erfolge zeigten sich auf dem lokalen Label Steeltown, dann bei den Amateur-Nights im New Yorker Apollo. Die gezüchtigten Knaben gewannen – und fanden sich bald in Obhut des in der afroamerikanischen Hierarchie nächsthöheren Sklaventreibers: Berry Gordy war sein Name, das Soul-Label Motown sein Reich. Leadsänger der „Jackson 5“ war damals noch der vier Jahre ältere Bruder Jermaine. Aber Michael holte rasant auf, stimmlich wie tänzerisch. Gordy in einem Statement zum Tod seines einstigen Schützlings: „When I first heard him sing Smokey's song, ,Who's Lovin' You‘ at 10 years‘ old, it felt like he had lived the song for 50 years.“
Funk-Hämmer mit Piepsstimme
Solche Frühreife schien sich auch anzudeuten, als er James Browns sexuell aufgeladene Tänze zunächst kopierte, dann weiterentwickelte. Bizarr war nur seine piepsige, präpubertäre Stimme, mit der er Funk-Hämmer wie Browns „Cold Sweat“ nachsang. Als er die Leadsänger-Stelle übernahm, begann er sich im Rampenlicht wohlzufühlen. Schließlich war die Bühne der einzige Ort, an den sich der gestrenge, niemals zufriedene Vater niemals wagte. So wurde sie jener Ort der Verheißung, auf dem Jackson all die aufgestaute Frustration und nach seiner Pubertät auch seine erstaunlich ungerichtete Libido ausagieren konnte.
1972 nahm er sein erstes Soloalbum „Got To Be There“ auf, ein Jahr später folgte das Album und die Single „Ben“. Michael Jackson war 14 Jahre alt. Der Titeltrack, ein romantisches Lied über eine zahme Ratte, war sein erster Nummer-eins-Hit als Solokünstler. 1975 lösten sich die Jackson 5 auf. Jermaine Jackson blieb als Solokünstler bei Motown, statt ihm stieß Randy Jackson zur Gruppe, die sich fortan The Jacksons nannte. Auf dem Debütalbum (1976) hörte man erste Kiekser von Michael, die später zu einem seiner Markenzeichen wurden. Die Brüder landeten mit der sanft pulsierenden 2-Step-Soulnummer „Show You The Way To Go“ sogar einen Nummer-eins-Hit. Dann konzentrierte sich Jackson auf die Solokarriere. Bei den Dreharbeiten zum Filmmusical „The Wiz“ lernte er 1978 den Musiker und Produzenten Quincy Jones kennen. Ein Jahr später war das erste Meisterwerk „Off The Wall“ eingespielt. Mit dabei war der erfahrene britische Songwriter Rod Temperton: Für „Off The Wall“ schrieb er u.a. die Ballade „Rock With You“ und das leicht bombastische Titelstück, in dem Jacksons androgyne Stimme ihre Biegsamkeit beweisen konnte. Der Überhit jedoch war „Don't Stop 'Til You Get Enough“, der sich aus Ghettoblastern wie aus piekfeinen High-End-Anlagen gleich gut anhörte. 1983 wurde das nächste Album „Thriller“ wieder unter der Regie des genialen Quincy Jones gefertigt. Zig Millionen Mal verkaufte es sich und machte Jackson zur Ikone; Songs wie „Beat It“ und „Billie Jean“ brachten die Kids zur Ekstase. Die hielt sich auch nach dem 1988 edierten Album „Bad“, für das sich Quincy Jones ganz auf die Erfolgsformel verließ: basslastigen funky R&B mit Jazz- und Rockpartikeln aufmotzen und zuweilen orchestral ummanteln.
Michael Jackson wurde zum „King of Pop“ und nicht zu einem weiteren „Godfather of Soul“, weil er ganz in der Tradition Berry Gordys afroamerikanische Genres – wohl in sehr kulinarischer Form – verwässerte. Mit Quincy Jones kreierte er einen Sound, der nicht nur beim weißen Mainstream ankam, sondern auch die arabischen Länder, Asien, Afrika und Südamerika eroberte. Michael Jackson war wie Bob Marley einer der wenigen wahren Weltstars. Amerikas Schwarze wandten sich indessen vom immer heller werdenden Superstar ab. Die älteren Hörer erforschten die wunderbaren frühen Jackson-5- und Jacksons-Alben, die jüngeren entwickelten neue Stile. An einen davon, den computergenerierten „New Jack Swing“ warf sich auch Jackson erfolgreich. Mit dem Produzenten Teddy Riley kreierte er das famose Album „Dangerous“, das mit knackigen Dancefloorfillern wie „Why You Wanna Trip On Me“ wie eine Bombe in den schwarzen Communities einschlug.
Eine Kooperation mit einem angesagten aktuellen Produzenten, das hätte man sich noch gewünscht. Es bleibt ein reicher Songkatalog, mit vielen Schätzen abseits der Hits.
