Es ist, als ginge eine kollektive Trauerwelle durchs Land, die sich von der West- an die Ostküste fortpflanzt. Eine Trauer, die den Keim einer Massenhysterie in sich trägt und die in der Musik ihren tröstenden Ausdruck findet. Aus den Autoradios, aus den Lokalen, aus den Wohnzimmern: Überall erschallen Michael Jacksons große Hits der 80-er Jahre – Billie Jean, Beat It, Black and White. „Jacko“ ist wieder in aller Munde und in allen Ohren. In zahllosen Sondersendungen hüpft der niedliche Kinderstar der Jackson Five im Afro-Look über die Bühne.
Internetforen quellen über, Websites brechen zusammen. Der abrupte Tod des selbst ernannten „King of Pop“ hat mehrere Generationen von Amerikanern, die mit der Musik Jacksons aufgewachsen sind, emotional aufgewühlt. Kaum jemand der 15- bis 55-Jährigen, der nicht eine Erinnerung mit dem „Peter Pan der Popmusik“ verbindet. Präsident Barack Obama würdigte den Entertainer, der die Rassengrenzen gesprengt hat, als tragische „Musikikone“. Das Repräsentantenhaus in Washington hielt eine Gedenkminute ab. Schwarze Politiker wie Jesse Jackson und Al Sharpton, Kollegen wie Quincy Jones und Smokey Robinson legten bewegt Zeugnis über den erratischen Star ab. Die enge Freundin Elizabeth Taylor, die, obwohl selbst ein Pflegefall, im Juli zu der Comeback-Konzertreihe nach London reisen wollte, hat nach dem ersten Schock eine herzzerreißende Erklärung abgegeben.
Die Fans überschlagen sich in Superlativen: „Er war der Größte, ein Genie, ein Phänomen.“ Nur vereinzelt klingt Kritik an: „Ruhe in Frieden, Päderast“, vermerkte einer. Zu Hunderten versammeln sie sich tanzend und den Moonwalk imitierend, umschlungen und an den Händen haltend vor dem Apollo Theater in New York, dem legendären Konzertsaal in Harlem. Vor dem UCLA Medical Center in Los Angeles, wo die Ärzte vergeblich um das Leben des Stars gekämpft haben, brennen Kerzen. Die Stelle des Walk of Fame in Hollywood, wo Jackson mit einem Stern verewigt ist, ist mit Blumen, Fotos und Notizen übersät. „Das ist ein Elvis-Moment“, sagt ein Musiker. So ähnlich muss es sich im August 1977 nach dem Tod Elvis Presleys und im Dezember 1980 nach dem Attentat auf John Lennon in den Straßen der US-Städte abgespielt haben.
Inzwischen richtet sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Umstände des Todes des 50-Jährigen, der zeitlebens ein Mysterium geblieben ist. Die Nachrichtensender strahlten den Notruf aus, der Donnerstag mittags unter der Nummer 911 bei der Feuerwehr eingegangen ist: „Wir brauchen Hilfe. Wir haben hier einen Gentleman, der nicht mehr atmet. Er ist bewusstlos, er reagiert nicht auf Wiederbelebungsversuche.“ Und sie zeigen Aufnahmen vom Einsatz in Jacksons Mietvilla im Stadtteil Holmby Hills. Der Palast ist im Begriff, ein Pilgerort zu werden wie Graceland, das Presley-Domizil in Memphis. Bustouren haben den Ort bereits in ihr Sightseeing-Programm aufgenommen.
Eine Veröffentlichung des Fotos des leblosen Körpers haben die Medien bisher gescheut. Die Polizei hat unterdessen Jacksons Leibarzt Conrad Murray über die letzten Minuten vor dem Herzstillstand einvernommen. Noch eine Stunde zuvor soll er ihm eine Spritze Demerol gesetzt haben. Bis das Ergebnis der Autopsie vorliegt, werden indes Wochen vergehen.
Brian Oxman, der Anwalt der Jackson-Familie, hat Spekulationen über Medikamentenmissbrauch neue Nahrung gegeben. Er zeichnete das Bild eines chronisch Süchtigen, der sich gegen eine Rehabilitation gewehrt hat. „Ich habe ein solches Ende befürchtet. Gegen Michaels Tablettensucht verblasste sogar der Pillenkonsum von Anne Nicole Smith.“ Jackson soll regelmäßig einen Cocktail aus Schmerzmitteln und Pharmazeutika zu sich genommen haben. Jacksons Freund Deepak Chopra erhob schwere Vorwürfe gegen die Ärzte, die den Popstar mit Medikamenten vollgepumpt haben.
Noch in der Nacht zum Donnerstag hat Jackson an seinen Musik- und Tanzeinlagen geprobt. In Kombination mit dem Fitnessprogramm, mit dem er seinen ausgezehrten Körper vor dem Comeback wieder in Schuss zu bringen hoffte, könnte eine Überdosis zum akuten Herztod geführt haben. Von einem Tod à la Elvis Presley habe der „schwarze Elvis“ bereits während ihrer Kurzzeit-Ehe fabuliert, berichtete Lisa Marie Presley auf ihrer Homepage. Als ob er eine Vorahnung gehabt hätte.