Ich sehe euch dann im Juli, und ich liebe euch alle aus tiefstem Herzen.“ Mit diesen Worten kündigte Michael Jackson, gebrechlich, verstört, ja: zerstört wirkend, im März seine Comeback-Konzertserie in London an, die – bereits nach einer Verschiebung – am 13.Juli beginnen hätte sollen.
Auf seiner Homepage fasste Jackson zum selben Anlass seine Mission abermals in große Worte: „To be a part of a music that will not just connect but make all feel one, one in joy, one in love, one in service and consciousness.“ Wirre Worte eines seltsamen, durch eine traumatische Kindheit neurotisierten Laienpredigers? Gewiss. Doch hinter dem kränklichen Pathos stand eine Wahrheit: Michael Jackson hat den Pop globalisiert wie kein anderer, weit über Europa und Nordamerika hinaus. Seit 1982, seit seinem Jahrhundertalbum „Thriller“, weiß man in jeder City, in jedem Suburb, in jedem Slum der ersten, zweiten, dritten und vierten Welt, wie man tanzt und singt, wie man hüpft und piepst, wie man sich in den Schritt greift, wenn man tut, als ob man Michael Jackson wäre.
Vor allem die Kinder wissen es. „Dedicated to all my children of the world“, schrieb Jackson auf das Cover des Albums „History“, 1995, als er schon unter dem Verdacht des Kindesmissbrauchs stand, und sang im Song „Childhood“: „Es ist mein Schicksal zu kompensieren, für die Kindheit, die ich nie gekannt habe.“
„Ich imitiere Jesus, ich sage nicht, dass ich Jesus bin“, sagte er 1992 bescheiden: „Auch Jesus hatte ein besonderes Verhältnis zu Kindern.“ So war er in aller Öffentlichkeit das ewige, das „magische Kind“ (so der Titel eines seiner Gedichte) – und rief die Kinder zu sich, vor seine Videos, zu seinen Konzerten oder gar auf seine Ranch Neverland, benannt nach der Insel, auf der Peter Pan lebt, der märchenhafte Bub, der nie erwachsen werden will.
So hat Michael Jackson, wertfrei gesprochen, zur Infantilisierung des Pop beigetragen. Vor ihm war Popmusik – in der großen Traditionslinie des Rock'n'Roll – ab Einsetzen der Pubertät interessant, als Soundtrack zum Erwachsenwerden, zur sexuellen und charakterlichen Reifung, zur Ablösung vom Elternhaus, zum Teenage. Nach ihm ist sie – auch – eine Angelegenheit für Kinder, sie liegt im globalen Supermarkt imselben Regal wie Gummibärchen und Bubblegum. In dem Regal, in das Kinder, Eltern und Großeltern weltweit gleichermaßen greifen. Generation Gap? Wo bitte? Wir sind doch alle gestillt!
Diese Infantilisierung war naturgemäß eine Entsexualisierung, eine Verharmlosung, eine Zähmung: Die Explosion des Rock'n'Roll und ihre beiden heftigen Nachschläge in den Sechzigerjahren und im Punk der späten Siebziger, sie verhallten in den Achtzigern. Die Fiktion, dass Pop auf irgendeine Weise eine „Gegenwelt“, eine Alternative zum „herrschenden System“ sein könnte, zumindest einen dritten Weg zwischen greller „Konsumwelt“ und grauer Planwirtschaft begleiten könnte, schien obsolet. „There is no alternative“, sagte Margaret Thatcher. Die Befriedigung – nicht unbedingt die von Mick Jagger besungene – wartete nun auf alle Kreditwürdigen im Megastore, befüllt von einer Tonträgerindustrie, die das Wort Krise nicht einmal kannte. Michael Jackson bestieg seinen Thron als Vertreter einer siegreichen Unterhaltungsbranche. Und als Vertreter Amerikas, des guten Amerika, in dem es, wie er sang, „nichts ausmacht, ob du schwarz oder weiß bist“.
Wobei die Story seiner Bleichung, seiner chirurgischen Anpassung an ein „europäisches“ Schönheitsideal, zeigt, dass es (ihm) nicht egal war. Er war kein selbstbewusster Repräsentant der Afroamerikaner, kein popkultureller Vorbote Barack Obamas, nur ein geschlagenes Kind, das seine Traumata mit seiner musikalischen Hochbegabung in – oft bezwingende, oft bestürzende – Songs goss.
Wer meint, dass mit Michael Jackson die afroamerikanische Musiktradition erstmals die „weißen“ Charts erobert hat, liegt ebenso falsch: Das hat ein Vierteljahrhundert vorher der Rock'n'Roll besorgt, in dem tatsächlich Schwarze (Chuck Berry, Little Richard) und Weiße (Elvis Presley, Jerry Lee Lewis) zumindest künstlerisch gleichberechtigt waren. Michael Jackson hat diesem Fusionsgericht einige Schärfe genommen, es damit aber auch für alle, rechts und links, Jung und Alt, Schwarz und Weiß, konsumierbar gemacht. So sehr seine Plattentitel – „Thriller“, „Bad“, „Dangerous“ – mit Gefahr kokettierten, so deutlich signalisierte er: Ich bin harmlos, berechenbar. Ich bin ein Kind. Ein braves amerikanisches Kind.
„Heal the World“
So blieben auch die Allmachtsfantasien, die er in Texten, Videos und auf der Bühne auslebte, kindlich-naiv. Wobei er mit „Heal the World“ (1992) noch mit einem Fuß in der parareligiösen Soul-Tradition stand (und zugleich zum leicht gönnerhaften „Live Aid“-Zeitgeist passte). Bei seiner „History“-Tour (1997) in Wien ließ er sich per Video als Befreier des Ostblocks feiern, als martialischer, diktatorischer Befreier allerdings: Die Statuen, die seine Plattenfirma in aller Welt – unter anderem im Einkaufszentrum Vösendorf – aufstellen ließ, erinnerten an Stalin-Statuen. Sie wurden freilich mit weniger Aufsehen demontiert.
Wie das Original verfiel, immer respektloser und verächtlicher begleitet von Neugierigen, die gern einen König schwinden sehen, das bleibt ein wirklich tragisches Kapitel der Popgeschichte. In jedem Sinn: Einen Megastar wie ihn wird es nicht mehr geben.