diepresse.com

Textversion
Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

Artikel drucken

Michael Jackson: Die Leibärzte der Könige

29.06.2009 | 11:22 | THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Er identifizierte sich mit Elvis Presley, heiratete dessen Tochter. Und er war wie dieser ein Opfer von - ärztlich gefördertem - Medikamentenmissbrauch.

Ich befürchte, dass ich genauso enden werde wie er, auf seine Art.“ Wie Elvis Presley nämlich. Das soll ihr Michael Jackson „mit einer fast ruhigen Gewissheit“ gesagt haben, schreibt Lisa Marie Presley, Elvis' Tochter, Ehefrau Jacksons von 1994 bis 1996, auf ihrer MySpace-Seite im Internet. Titel des in seiner Schlichtheit berührenden Blog-Eintrags: „He knew.“

Lisa Marie Presley nennt Jacksons Tod „a predicted ending by him, my loved ones and by me“. Von ihrem Exehemann spricht sie als „the person I failed to help“: Beim Versuch, ihn zu retten, habe sie sich beinahe selbst verloren. „Ich musste mich um meine Kinder kümmern, ich musste eine Entscheidung treffen.“ Nun sei die Gleichgültigkeit, die sie sich erarbeitet habe, verschwunden, „into the bowels of hell“, sie sei schwer getroffen – und hoffe nur, dass Jackson nun von seinem Schmerz, seinem Druck und seiner Unruhe befreit sei.

 

In Presleys Familie eingeheiratet

Die Identifikation mit Elvis Presley, dem mit nur 42 Jahren verstorbenen „King of Rock'n'Roll“, war eine prägende Obsession des tragischen „King of Pop“ Michael Jackson. Wie Elvis wollte er „schwarze“ und „weiße“ Musik einen und über das Produkt der Einigung gütig herrschen. Wenn er seine Ranch Neverland nannte, drückte das zwar zunächst seine Identifikation mit Peter Pan, dem Buben, der nicht erwachsen werden will, aus, die Assoziation mit Elvis' märchenhaftem Anwesen Graceland war aber durchaus beabsichtigt. Seine unglückliche Ehe, mit der er sich offiziell zu Elvis' Schwiegersohn – zum „Son-in-law“, wie es auf Englisch viel deutlicher heißt – machte, sollte gewiss auch den Anspruch aufs Thronerbe fixieren. Vor diesem Hintergrund wirken die Parallelen in den Umständen des „vorhergesagten Todes“ umso makabrer.

Elvis Presley wurde am 16. August 1977 von seiner Freundin leblos am Boden seines Badezimmers gefunden und eine Dreiviertelstunde später für tot erklärt. Als Todesursache wurde „Herzstillstand durch zentrales Versagen der Atemorgane“ angegeben. Sein Leibarzt George C.Nichopoulos wurde von der Anklage der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Der offizielle Totenschein muss laut Gesetz des Landes Tennessee erst 50 Jahre nach dem Tod – also 2027 – veröffentlicht werden. Das hat Spekulationen aller Art genährt, bis hin zu lange flackernden Elvis-lebt-Gerüchten.

Immerhin der Bericht aus dem Spital wurde bekannt: Laut diesen wurden zehn Medikamente respektive Drogen identifiziert, die zu Presleys Tod durch Lähmung des Atemzentrums im Hirn beigetragen haben könnten. Darunter waren Codein, Valium und andere Tranquilizer, Spuren von Opium – und Demerol, ein synthetisches Opioid, das in Deutschland als Pethidin, in Österreich als Alodan gehandelt wird. Es wird als Schmerzmittel eingesetzt, allerdings nur bei akuten Schmerzen, nicht bei chronischen. Das nicht nur wegen seiner kurzen Wirkungsdauer, sondern auch, weil Norpethidin, zu dem es im Stoffwechsel umgewandelt wird, Krämpfe auslösen kann.

Just solches Demerol soll Michael Jackson weniger als eine Stunde vor seinem Herzstillstand gespritzt worden sein – von seinem Leibarzt Conrad Murray, der nun unter heftiger Kritik steht. Auch weil er laut Nachrichtenagentur AP vom Konzertveranstalter AEG bezahlt wurde, der Michael Jacksons geplante Comeback-Konzerte in London organisiert hatte. Jacksons Familie, deren Anwalt bereits die Möglichkeit einer Überdosis von Medikamenten ins Spiel gebracht hat, macht nun AEG für den Tod mitverantwortlich: Sie habe dem 50-jährigen Popstar für die gewaltige Serie von 50 Konzerten Leistungen abverlangt, die er nicht mehr erbringen können hätte.

Es ist naheliegend, dass Aufputsch- und Schmerzmittel, verabreicht von einem „freizügigen“ Arzt, bei einem solchen Vorhaben eine Rolle spielen. Dass also ein Mediziner wie Murray, der laut AP 400.000 Dollar Schulden und mehrere Gerichtsprozesse anhängig hat, gefragt war. Er soll seine Praxis erst am 15.Juni geschlossen und seinen Patienten erklärt haben, dass er nun „die Chance seines Lebens“ wahrnehmen müsse. Murray sei auf Jacksons Wunsch als Leibarzt angestellt worden, sagte dazu AEG-Chef Randy Phillips, seine Firma habe daran kein Interesse gehabt, schon wegen der zusätzlichen Kosten für Hotelzimmer.

 

Medikamente gegen die Angst

Murray, an sich Herzspezialist, dürfte bei seinen Verschreibungen hemmungslos gewesen sein: Außer einer täglichen Spritze Demerol (!) soll er ihm andere starke Schmerzmittel wie Hydromorphon und Hydrocodon, beides Morphiumverwandte, verabreicht haben, aber auch Benzodiazepine (z.B. Alprazolam) gegen Angstzustände. Diese ärztlich geförderte Medikamentenflut erinnert fatal an Elvis Presley, über den ein ehemaliger Freund sagte: „Er nimmt Tabletten, um schlafen zu können. Er nimmt Tabletten, um wach zu werden. Er nimmt Tabletten, um aufs Klo gehen zu können, und er nimmt Tabletten, um nicht mehr aufs Klo gehen zu müssen.“

Im Gegensatz zu Elvis, der neben psychischen Problemen vor allem an seiner Esssucht und folgendem Hang zur Fettleibigkeit litt, wirkte Michael Jacksons Körper laut Pathologen überraschend kräftig und fit, sein Gesicht sei allerdings voller „signifikanter Narben“ gewesen. Es ist gut vorstellbar, dass vor allem die Gesichtsverletzungen – die ja, noch vor den Operationen mit schweren Verbrennungen bei den Dreharbeiten zu einem Pepsi-Spot begannen – ständige Schmerzen bereiteten, verstärkt durch die Abstoßungsreaktionen auf Fremdgewebe.

Ob und wie Jacksons Leibarzt sich straffällig gemacht hat, ist zumindest vor dem toxikologischen Befund – der erst in vier bis sechs Wochen erwartet wird – sicher nicht zu sagen. Bisher wurde Conrad Murray nur als Zeuge vernommen, nicht als Verdächtiger, betonen die Behörden.

Elvis' Leibarzt Nichopoulos, der auch den Rock'n'Roll-Kollegen Jerry Lee Lewis behandelt hatte, wurde 1995 nach jahrelangen Verhandlungen von der zuständigen Ärztekommission wegen seiner Verschreibungspraxis die Lizenz entzogen. Er habe zu viel Mitleid mit seinen Patienten gehabt, sagte er zu seiner Verteidigung: „I cared too much.“

Faktbox


Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

© DiePresse.com