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»Wer in die Luft geht, kann auch mal herunterfallen«

04.07.2009 | 17:57 | von TERESA SCHAUR (Die Presse)

Elisabeth Längle überlebte einen Flugzeugabsturz und eine Notlandung. Angst vorm Fliegen hat sie dennoch nicht: »Wer reist, geht eben ein Risiko ein.«

Es gibt Leute, die drehen um, wenn sie sehen, dass Elisabeth Längle ein Flugzeug besteigt. Es klingt absurd, doch die Wienerin scheint Flugzeugunglücke anzuziehen. „Hätten Sie mir das bloß früher gesagt“, seufzte ein junger Ingenieur, als er im Jänner neben ihr über Dubai kreiste – in einem der schlimmsten Gewitter des Jahrhunderts. „Inschallah“, verkündete der Pilot nach drei Stunden. „So Gott will, landen wir jetzt.“

Schon die erste Reise in Elisabeth Längles Leben war abenteuerlich – auch ohne Flugzeug. Mit sechs Jahren floh sie mit ihren Eltern zu Fuß von Russland nach Wien. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg in Kiew geboren, „das Resultat einer verbotenen Liebe zwischen Feinden“. Der Vater ein österreichischer Schiffsbauer, die russische Mutter seine Dolmetscherin – und Partisanin gegen die Kommunisten. Beide waren „Todeskandidaten“, als sie sich auf den Weg machten, in der Nacht marschierend, untertags versteckt. „Das war aber nichts Besonderes“, relativiert Längle. „Das mussten viele.“

In der Schule in Wien war sie das verachtete „Russenbankert“. Seither weiß sie, wie es Ausländern geht. Anfang der 1960er ging sie als Welthandelsstudentin für ein Semester nach Moskau. Und stürzte prompt mit dem Flugzeug ab.


Sturz in die Teeplantage. Sie war übers Wochenende in Sotschi gewesen, um sich die zaristischen Villen anzusehen. Auf dem Rückweg wollte sie ihre Verwandten in Kiew besuchen, doch dort kam sie nie an. Die klapprige Iljuschin-Maschine geriet in ein Gewitter. „Es hat geblitzt, gerumpelt, an mehr kann ich mich nicht erinnern“, erzählt sie. Die Maschine stürzte in die Teeplantage einer Kolchose. Ob es Tote gab, weiß sie nicht. Sie selbst wurde von Arbeitern gefunden, hatte nicht einmal eine Schramme davongetragen. Nach Wien zurück nahm sie den Zug.

Als sie das nächste Mal in Gefahr geriet, war Fliegen längst Teil ihres Berufs geworden. Da hatte sie bereits in einer Vermögensverwaltung Briefe an jüdische Kunden verfasst, um sie über den Zustand ihrer Häuser zu informieren und dabei ihr Talent im Schreiben entdeckt. Sie ergatterte eine Stelle im Marketing der Getzner Textilwerke, indem sie sich als Mann ausgab und als solcher sogar die psychologischen Tests unerkannt überstand. Und sie machte sich schließlich als Modejournalistin und Beraterin in der Textilbranche selbstständig, um für ihre Kinder da sein und gleichzeitig in der Modeszene „herumsausen“ zu können. Immerhin hatte sie gute Kontakte und brachte sogar Modeschöpfer von Jean Paul Gaultier bis Christian Lacroix nach Österreich.

Es war auf dem Rückflug von Mailand, als sich das Fahrwerk der Alitalia-Maschine verklemmte. Über den Alpen erklärte der Pilot das Problem. In Wien wurde der Flughafen geräumt, im Flugzeug wurden die Passagiere nach Gewicht verteilt. „Es war ein Tumult“, erinnert sich Längle. „Jeder hat gelogen.“

Dann kamen die Instruktionen: Falsche Gebisse und Ohrringe entfernen, Brillen absetzen, Schuhe ausziehen. Rechtzeitig Schutzhaltung einnehmen und dann nicht mehr bewegen. Als die Maschine auf den Flughafen zusegelte und Längle die Phalanx an Rettungskräften erblickte, die auf dem Flugfeld bereitstand, „da habe ich gedacht, ich sitze im falschen Film. Nicht schon wieder!“ Am Ende ging alles ganz schnell. „Das letzte Stück fiel das Flugzeug regelrecht vom Himmel.“ Ein Rumpler, dann Finsternis und Totenstille.

Dann kam schon der Schaum, die Rutsche nach draußen. Längle fuhr heim und verlor kein Wort über das Erlebte. „Ich habe es erst einmal einfach verdrängt.“ Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass sich ihr Schicksal mit dem der Luftfahrt kreuzte. Obwohl, beim dritten Mal streifte es sie nur: Da war sie auf einer Unglücksmaschine gebucht, hatte aber in letzter Minute umdisponiert – und konnte die Beileidsanrufe ihrer Freunde selbst entgegennehmen.


Turbulenzen. All das sieht sie heute gelassener. „Irgendwann schlägt einem eben die Stunde. Man braucht einen gewissen Fatalismus.“ Bilder wie jene der Air-France- und Yemen-Air-Abstürze wecken bei ihr denn auch keine Erinnerungen. Die kommen erst, wenn ihr Flugzeug in arge Turbulenzen gerät, „nichts mehr serviert wird, der Pilot schweigt und die Sauerstoffmasken herunterfallen.“ Auch das ist ihr schon öfter passiert. Ihre Strategie, um Flüge entspannt zu überstehen: schlafen. Eines jedoch sei sicher: Sie würde lieber abstürzen als notlanden. „Die psychische Belastung bei einer Notlandung, die über Stunden vorbereitet wird, ist ungleich schlimmer.“ Zumal sie bei der Alitalia-Notlandung vor allem an ihre Kinder denken musste.

Heute sind ihre drei Kinder erwachsen, haben studiert und sie mit ihnen. Den Titel hatte sie schneller in der Tasche als der Nachwuchs. „Da habe ich gedacht, jetzt könnte ich mein Leben noch einmal ändern.“ Sie kündigt ihren Job, zieht nach Kairo. Sie kauft sich ein Boot am Nil, streunt durch die kosmopolitische Stadt. Doch dann „dieser blöde 11. September“, und alles ist anders. Ihr wird abgeraten, allein auf die Straße zu gehen, sie wird angespuckt, eine „schmutzige Amerikanerin“ genannt. Ende 2002 packt sie ihre Sachen.

Mittlerweile hat die Reiselust die 66-Jährige längst wieder gepackt, der neue Traum kreist um Syrien. „Warum nicht? Ich habe ja einen Laptop; und dazu bin ich schließlich Freiberuflerin.“ Am liebsten, lacht sie, „wäre ich Palastköchin bei einem Scheich“. Und nach Syrien würde sie „natürlich“ fliegen: „Wer in die Luft geht, muss wissen, dass er herunterfallen kann. Wer reist, geht eben ein Risiko ein.“


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