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Fisch, Käse und Wurst: Wir wollen unser Eis zurück!

18.08.2012 | 18:35 | von Siobhán Geets (Die Presse)

Schokolade, Vanille und Erdbeer waren gestern – mittlerweile finden Gemüse und Käse den Weg ins Stanitzel - in Japan wird sogar Eis aus Pferdefleisch verkauft, inklusive roher Stücke. Muss das sein?

Ständig wird unseren Geschmacksknospen mit neuen Eissorten gedroht, eine bizarrer als die andere. Warum sind Schokolade und Vanilleeis nicht mehr genug? Warum muss Eis immer exotischer, skurriler – und immer weniger essbar werden?

Eigentlich fing es harmlos an. Kekse im Vanilleeis, Marshmallows in der Schokolade, dann kamen Nutella, Raffaello, After Eight und Oreo. Selbst das nach Kaugummi schmeckende Schlumpfeis war noch irgendwie lustig. Aber mittlerweile lässt sich anscheinend fast alles zu Eis verarbeiten. Und die Hersteller scheinen keine Schamgrenzen zu kennen. Ziegenkäse-Honig-Eis mit Himbeeren gibt es schon, so wie auch Gurkeneis mit Basilikum. Was kommt noch? Schweinsbrateneis, Leberwurstsorbet oder Eis mit Schnitzelgeschmack? Womöglich gibt es das bereits – die Engländer haben ihre Nationalspeise, Fish and Chips, schließlich auch schon zum Eis gemacht.

Vermutlich überleben all diese Sorten nur, weil es Menschen gibt, die sie kosten wollen, um später damit anzugeben. Ähnlich dem Thailand-Urlauber, der mikroskopisch kleine Stücke eines „Hundertjährigen Eies“ kostet, um die Erfahrung später – als Beweis seiner Weltoffenheit und transkulturellen kulinarischen Expertise – jedem zu erzählen, der nicht schnell genug das Weite sucht.

 

Kräuter, Blumen und Kürbiskerne

Die Zutaten mancher Eissorten mögen für eine Vorspeise infrage kommen, kaum aber würde man sie mit einem Dessert in Verbindung bringen: Käse, Kräuter, auch Blumen (etwa Veilchen) und andere Pflanzen spielen eine Rolle – Dinge, die man gar nicht in die Kategorie essbar eingeordnet hätte. Wer hätte gedacht, dass es massenhaft Rezepte für Lavendeleis gibt? Die neue Molekularküche für Arme? Wer sich kein molekulares Dessert im Haubenrestaurant leisten kann, darf sich zu Hause sein eigenes Rosensorbet zubereiten.

Wenn auf ausgefallene Zutaten verzichtet wird, muss zumindest der Name schräg klingen. So gibt es beim Eisgreißler auf der Rotenturmstraße etwa „Pferdeäpfel“ zu kaufen: Die Kugeln sehen aus wie vom Pferd gefallen, doch immerhin: Es handelt sich nur um Schokoeis mit Streusel.

 

Joghurt und ein halbes Kilo Topping

Das war noch cool: Vanille oder Erdbeer oder beides – in cremiger Konsistenz heruntergelassen aus der Maschine, Softeis hieß die Versuchung der Kindheit. Die evolutionäre Fortsetzung nennt sich Frozen Joghurt und sucht mittlerweile ganze Städte heim. Wobei das gefrorene Joghurt an sich ja noch okay wäre – wären da nicht die hunderten Toppings wie Cookie Crumble, Mochi (japanischer Reiskuchen), Brownie oder Dark Chocolate Fudge. Wo sind die Zeiten, in denen man ein Eis essen konnte, ohne einen halben Liter klebrige Flüssigkeit oder Tonnen bunter Zuckerstückchen darüber leeren zu müssen?

 

Grüner Tee, Safran, Guave und Avocado

Und wer isst eigentlich Wasabi-Gurkeneis mit Buttermilch? Wie hat sich ein Markt für diese Sorten entwickeln können? Anscheinend brauchen wir polarisierende Nahrungsmittel, damit uns nicht langweilig wird. Je ausgefallener und skurriler die Geschmacksrichtungen, desto lauter die Rufe nach dem neuesten Trend.

Der Eissalon am Schwedenplatz etwa bietet auch „orientalische Sorten“ an. Dort gibt es ein steigendes Interesse an Geschmacksrichtungen wie Grüner Tee, Sesam-Joghurt, Safran-Honig oder Guave. Auch die Avocado hat sich als Eissorte etabliert, in Brasilien wird sie längst zu Milchshakes und Eis verarbeitet. Am Schwedenplatz kommt auch noch Ricotta-Zimt mit Orangen ganz gut an. Die Leute trauen sich heute scheinbar mehr.

 

Fleisch, Fisch, Käse und Wurst

Wobei es schlimmer immer noch geht: So wird in Japan Eis aus Pferdefleisch verkauft, inklusive roher Stücke. Auch das Quallensorbet geht dort gut – es hat kaum Kalorien und ist reich an Eiweiß. Oder Eis aus Meeresfrüchten wie Tintenfisch, Krabben oder gar Algen – in Asien wird vieles zu Eis verarbeitet. In England gibt es dagegen Viagra-Eis, es enthält aphrodisierende Stoffe wie Gingko, Bilboa und Guarana.

Und so manches Eisgeschäft setzt im Wettbewerb um die ungewöhnlichsten Ideen auch auf regionale Spezialitäten, die man nicht unbedingt in Eisform erwartet. So verarbeitet ein Geschäft in Bayern Weißwurst zu Speiseeis. Und ein Salon in Dublin bezeichnet Eis aus Räucherlachs wohl zu Recht als „die schlimmste Sorte, die wir je gemacht haben“.

Aktuelle Statistiken der Wirtschaftskammer zeigen allerdings, dass die Österreicher klassische Eissorten wie Schokolade, Vanille, Haselnuss und Erdbeere den exotischen Geschmacksrichtungen immer noch vorziehen. Schokolade nimmt den ersten Platz ein. Es wird also, dem konservativen Geschmack der Österreicher sei Dank, so bald doch nicht aussterben.

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