diepresse.com

Textversion
Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

Artikel drucken

"Wunderbeere": Süße Zitronen

07.11.2009 | 18:25 | von Karin Schuh (Die Presse)

Man nennt sie nicht ohne Grund "Wunderbeere", denn sie kann Saures in Süßes verwandeln. Ein Wundermittel für die Diätindustrie? Noch nicht. Denn es gibt technische Hürden bei der synthetischen Herstellung.

Sie ist klein, rot und wirkt auf den ersten Blick recht unscheinbar: die Mirakelbeere (Synsepalum dulcificum), auch „Wunderbeere“ genannt. Unscheinbar bleibt sie auch noch, wenn man sie isst. Die afrikanische Beere hinterlässt lediglich einen angenehm süß-fruchtigen Geschmack. Sobald man kurz darauf jedoch etwas Saures zu sich nimmt, wird es interessant. Denn dann schmecken Zitronen plötzlich picksüß, und Essig erinnert mehr an Fruchtsaft oder Honig statt an saure Salatmarinade.

Schuld an dieser Geschmacksverwirrung ist das Miraculin, ein Glycoprotein. „Es ist noch nicht genau erforscht, wie es wirkt. Die Hauptidee ist jedoch, dass das Miraculin Süßrezeptoren auf der Zunge aktiviert und die Sauerrezeptoren blockiert“, erklärt Hanns Hatt, Zellphysiologe an der Ruhr-Universität Bochum.

„Eine andere Erklärung lautet, dass das Miraculin selbst ein hochpotenter Süßstoff ist, der erst bei Kontakt mit dem niedrigen pH-Wert saurer Lebensmittel wirksam wird“, meint Klaus Dürrschmid von der Abteilung für Lebensmittelqualitätssicherung der Universität für Bodenkultur in Wien. Dafür sprechen würde, dass die Mirakelbeere den Geschmack nicht saurer Lebensmittel nicht verändert. Die Wirkung der Wunderbeere hält zwischen 15 Minuten und zwei Stunden an. Wem das zu lange dauert, der kann mit heißen Speisen oder Getränken dem Zauber ein Ende bereiten. „Miraculin ist sehr hitzeempfindlich, wie andere Proteine auch. Ein heißer Kaffee reicht schon, um die Wirkung zu beenden“, erklärt Dürrschmid.


Westafrikanischer Zuckerersatz. Entdeckt wurde die westafrikanische Beere dank schlauer Feinspitze aus der Tierwelt. „Man hat Vögel beobachtet, die immer zuerst die rote Mirakelbeere gefressen haben, bevor sie sich über unreife Früchte hermachten“, so Dürrschmid. In Westafrika kommt sie seit Langem als Mittel zur Geschmacksveränderung sowie als Süßungsmittel zum Einsatz. In den 70er-Jahren wurde man auch in Europa und den USA darauf aufmerksam. Mitte der 70er-Jahre wurde ein Zulassungsverfahren in den USA aufgrund von Interventionen der Zucker- und Süßstoffindustrie und mangels wissenschaftlicher Grundlagen eingestellt.

Auch in der EU ist die Wunderbeere nicht zugelassen. Im Internet kann sie jedoch problemlos in Tablettenform bestellt werden. Frische Beeren sind außerdem besonders leicht verderblich und deshalb für lange Transportwege ungeeignet.

„Flavour Tripping Parties“. Dass sich die Zuckerindustrie vor der Mirakelbeere fürchten müsste, glaubt Hatt allerdings nicht. „Es wäre zwar nicht uninteressant, Miraculin als Süßstoff zu verwenden und damit alle Kalorienbomben auszuschalten. Die synthetische Herstellung wäre aber so aufwendig und teuer, dass es sich einfach nicht rechnen würde“, erklärt der deutsche Wissenschaftler. Somit müssen sich Fans der Geschmacksverwirrung wohl mit dem Internet begnügen.

Dort können sie sich für „Flavour Tripping Parties“ eindecken, wie es sie in New York, San Francisco oder London gibt. Statt die Sinne mit Drogen oder Alkohol zu berauschen, täuscht man einfach die Geschmacksempfindungen mit Hilfe der kleinen Wunderbeere und konsumiert Saures. „Bei uns ist das weniger verbreitet. Wir haben zwar einmal im Rahmen eines Projektabschlusses eine ,Flavour Tripping Party‘ veranstaltet, ich denke aber nicht, dass wir damit Trendsetter geworden sind“, sagt Dürrschmid.

Gesundheitliche Risiken durch die Einnahme der Wunderbeere sind keine bekannt, wobei allergische Reaktionen bei allen pflanzlichen Inhaltsstoffen auftreten können. Das größere Problem dürfte wohl eher die Aufnahme von zu viel Saurem sein. Denn dann macht sauer nicht mehr lustig, sondern verursacht einfach nur ziemliche Magenprobleme.

Die „Miracle Fruit“ (Synsepalum dulcificum) stammt aus Westafrika. Der Wirkstoff Miraculin manipuliert das Geschmacksempfinden und lässt saure Speisen süß erscheinen. Die Wunderbeere ist in der EU nur in Tablettenform übers Internet erhältlich.


Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

© DiePresse.com