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Wien autofrei: Willkommen in Slow City

06.07.2009 | 11:32 | von Amelie Znidaric (Die Presse)

Was wäre, wenn der Wiener Gürtel autofrei wäre? Architekturstudenten haben sich den Kopf darüber zerbrochen, wie eine entschleunigte Stadt funktionieren könnte.

Der Mann taucht tief in das gläserne Schwimmbecken ein. Unter Wasser öffnet er die Augen und sieht – den Zug einfahren. Auf der anderen Seite der Beckenwand eilen Menschen mit Koffern den Bahnsteig entlang. Wir befinden uns im Jahr 2020, auf dem Wiener Zentralbahnhof. Hier gibt es nicht nur Züge und darüber Büros, sondern auch Freizeiteinrichtungen. Das Schwimmbad etwa, das man im Stockwerk über den Bahngleisen betritt, dessen Becken zum Teil aber bis zu den lichtdurchfluteten Perrons hinunter reicht. Hier gibt es außerdem viele Fahrräder – und draußen auf dem Gürtel keine Autos. Stattdessen: viel Grün, viele Rad- und Fußgängerwege, viel Lebensqualität.

Zugegeben, die Vision ist kühn. Aber das haben Studentenarbeiten im Idealfall ja an sich: dass sie sich über schnöde Zweckmäßigkeiten hinwegsetzen. Initiiert wurde das Projekt vom Architekturbüro Querkraft, dessen drei Gründer Jakob Dunkl, Gerd Erhartt und Peter Sapp eine Gastprofessur an der TU Wien genützt haben, um die Studenten ein Semester lang über einen autofreien Gürtel nachdenken zu lassen. Eine schöne Idee, ebenso wie der Titel, unter dem das Ganze läuft: Gürtelrose.


Rosen statt Autos. Das weckt erst einmal unangenehme Assoziationen, mit Absicht: „Heute haben wir Selfstorage und Parkgaragen am Gürtel“, sagt Erhartt, „in einem urbanen Raum, der so zentral ist!“ Asphaltwüste, leer stehende Geschäfte, schmuddelige Hotels und Lokale. Zigtausende Quadratmeter, die den Menschen zur Verfügung stünden, gäbe es keine Autos. „Wohnen im Erdgeschoß“, schwärmt Dunkl, „jede Wohnung könnte einen Garten von zehn oder 20 Meter Tiefe haben; das wären die attraktivsten Wohnungen der Stadt!“ Rosen also am Gürtel. Daneben sieht er Museen, Theater, Universitäten, Restaurants, Geschäfte und Sportmöglichkeiten. Und nicht nur Konzernheadquarter, so wie jetzt etwa beim neuen Zentralbahnhof geplant. Eine Slow City soll Wien werden, so Erhartt, analog zum Slow Food, und in der Lebensqualität allen Städten weltweit davongaloppieren.

„Ein autofreier Gürtel ist keine Vision der Stadt Wien“, widerspricht Vera Layr, Sprecherin von Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker. Es sei zwar auch die Fußgängerzone in der Kärntner Straße unter Protest errichtet worden, damals 1974, aber: „Der Gürtel hatte schon immer eine andere Funktion als die Kärntner Straße.“ Die sei nämlich immer Einkaufsstraße gewesen. Dennoch sehe der Masterplan der Stadt eine deutliche Reduktion des Individualverkehrs bis 2020 vor. Und schon heute sei viel erreicht worden: Auf 1000 Einwohner seien 2007 nur noch 395,1 Autos gekommen, 2005 waren es noch 409,8. 14,7 Autos weniger sind ja nun nicht so viele, möchte man einwenden, aber Layr legt noch mehr Zahlen nach. 2004 etwa seien noch 2000 Autos mehr pro Tag über den Gürtel gebraust als heute, „das ist eine ordentliche Menge“.

Grün und langsam. Nicht genug, finden die Querkraft-Architekten. „Was wir einfordern, sind Visionen“, sagt Jakob Dunkl. „Die Stadt ist perfekt verwaltet, aber es fehlen die Visionen.“ Die für einen autofreien Gürtel zumindest.


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