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Leitsysteme: Farbe im Schilderwald

07.11.2009 | 18:24 | von Georg Renner (Die Presse)

Ob in Häusern, auf Bahnhöfen oder Autobahnen: Leitsysteme sollen möglichst rasch Überblick über den schnellsten Weg zum Ziel verschaffen. Dahinter steckt viel Arbeit.

Wenn die Studenten, die das Audimax der Universität Wien besetzt halten, darüber diskutieren, ob sie den Weg zur Toilette ausschildern sollen, könnte sich Florian Köck angesprochen fühlen. Der Wiener Grafikdesigner– Köck ist eine Hälfte des Grafikbüros d-licious – ist seit 2002 für das Leitsystem der Universität Wien verantwortlich. Also dafür, dass sich Studenten und Professoren, Putztrupps und Besucher in den labyrinthischen Gängen und Stiegenhäusern der Universität zurechtfinden und auf schnellstem Wege zu den Hörsälen gelangen, die sie suchen – oder eben zu den Toiletten.

Wer aber denkt, dass es bei so einem Leitsystem bloß darum geht, hier und da einen Wegweiser mit einer Hörsaalnummer aufzuhängen, der irrt. „Als Erstes versuchen wir, das Gebäude grundlegend zu analysieren“, erklärt Köck die Vorgangsweise beim Aufbau eines Systems. Über mehrere Wochen haben sich er und sein Partner Christoph Rastbichler mit dem Universitätsgebäude vertraut gemacht, haben die Menschen darin beobachtet und aufgezeichnet, wie sie sich wohin bewegen, welche Räume sie häufig und welche nur selten ansteuern.

Dazu kamen dann noch verschiedene Experimente, erzählt Köck: Etwa das Aushängen von provisorischen Wegbeschreibungen an verschiedenen Stellen, um herauszufinden, wie die Menschen darauf reagieren und wo sie nach entsprechenden Informationen suchen würden. Außerdem analysierten die beiden Grafikdesigner anhand von Plänen des Gebäudes, wo potenzielle Problemstellen auftauchen könnten, wenn etwa mehrere Verkehrsströme in einem engen Gang aufeinandertreffen.

Erst nach diesem umfangreichen Analyse- und Planungsprozess konnten Köck und Rastbichler mit der eigentlichen Gestaltung des Leitsystems beginnen, etwa der Gestaltung und Platzierung von Schildern und Wegweisern. Was freilich auch wiederum einfacher klingt, als es ist: denn in vielen Positionen, an denen ein Schild sinnvoll gewesen wäre, erhob das Bundesdenkmalamt Einspruch, das etwa die Entwertung der Feststiege durch Hinweisschilder befürchtete. Aber auch damit ist die Erstellung eines Leitsystems noch lange nicht vorbei: Denn wie in jedem öffentlichen Gebäude ändern sich an der Universität immer wieder Wege und Räume– was auf den Wegweisern berücksichtigt werden muss.

Prozesse wie dieser finden an vielen öffentlichen Orten in Österreich statt – und zwar besonders dort, wo sich täglich viele Menschen bewegen, etwa an öffentlichen Verkehrsflächen. Im Zuge der Bahnhofsoffensive der ÖBB hat der Architekt Alfred Ritter etwa deren Leitsystem neu überarbeitet. Seine Prioritäten: „Die Informationen müssen komprimiert und vor allem durchgängig sein.“

Soll heißen: Der Fahrgast soll an jedem Punkt des Bahnhofes wissen, welchen Weg er einschlagen muss, um zu seinem Ziel zu gelangen – und das möglichst schnell. Denn wenn sich der Informationsempfänger erst lange darüber Gedanken machen muss, wie ein bestimmtes Symbol zu deuten sei, bleibt er vor den Orientierungshilfen einfach stehen, was an Problempunkten wiederum zu Staus führen kann.

Im Idealfall beginnt die Planung für das Leitsystem eines Gebäudes sehr früh. „Am besten arbeiten die Leute, die das Leitsystem planen sollen, schon mit den Architekten zusammen“, findet auch Veronika Egger, Informationsdesignerin von is-design. Sie legt den Fokus nicht auf Wegweiser und Schilder: „Das Wichtigste ist die Umgebung. Wir orientieren uns an Objekten, am besten kann man Wege also steuern, wenn das Leitsystem schon bei der Gebäudeplanung mitbedacht wird.“ Zudem können so bereits benötigte Freiräume eingeplant werden – vor einer Informationstafel sollte etwa ausreichend Freiraum sein.


Schau nach auf dem Flughafen. Als „best practice“-Beispiel gilt in Österreich der Flughafen Wien in Schwechat. Dessen Leitsystem mit den markanten schwarz-weißen Piktogrammen auf leuchtend gelbem Hintergrund hat vor 20 Jahren der Architekt und Informationsdesigner Peter Simlinger entwickelt.

Er hat eigens für dieses Leitsystem eine eigene Bildsprache geschaffen, die aus öffentlich vorgegeben und neu erfundenen Piktogrammen besteht. „Das Design von Leitsystemen bewegt sich immer zwischen der schnellen Erkennbarkeit für den Rezipienten und den Vorschriften“, sagt Simlinger. In vielen Fällen sei ein vorgeschriebenes Piktogramm schlechter erkennbar als das, was sich die Designer ausdenken: „Das Zeichen für Erste Hilfe ist als weißes Kreuz auf grünem Hintergrund vorgeschrieben“, nennt Simlinger ein Beispiel. Besser erkennbar wäre es aber, wenn man noch eine Hand mit einem Verband darauf hinzufüge – was am Flughafen aber durch Sicherheitsvorschriften verhindert wurde. So gut Simlingers Leitsystem über die Jahre angenommen worden sei, bald dürfte es nur noch Nostalgie sein – mit dem Bau des neuen „Skylink“-Terminals soll auch das Leitsystem auf dem ganzen Flughafen durch ein neues ersetzt werden.
Verkehrszeichen sind suboptimal. Am geringsten ist die Gestaltungsfreiheit freilich bei einem anderen Leitsystem: den Verkehrszeichen. Die sind international durch die „Vienna Convention on Road Signs and Signals“ von 1968 standardisiert – sollte man glauben. Tatsächlich seien die Verkehrsschilder innerhalb von Österreich höchst verschieden – zumindest was Details, etwa verwendete Schriftarten, angeht, sagt Stefan Egger vom Internationalen Institut für Informationsdesign in Wien.

Egger hat im Rahmen des EU-weiten „Infrastructure and Safety“-Programms unter anderem die Lesbarkeit verschiedener Schriften getestet und die „ideale“ Schrift für Verkehrszeichen kreiert: Sie soll die Zeichen Sekundenbruchteile schneller erfassbar machen – die im Straßenverkehr über Leben und Tod entscheiden können. 2010 soll die neue Schrift in einer Novelle zur Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung niedergeschrieben und in den folgenden zehn Jahren alle Verkehrsschilder nach und nach durch neu beschriftete ersetzt werden – da sage noch einmal jemand, Design könne nichts ändern.


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