Herr Eichinger, Sie kuratieren eine Ausstellung zur Zukunft des Cafés. Irgendwie hätte ich erwartet, dass wir einander im Café Korb oder Stein treffen, einem der Kaffeehäuser, die Sie hergerichtet haben. Was machen wir im Prückel?
Gregor Eichinger: Das Korb ist ein kleines, das Stein eine Szenecafé. Mein Thema sind aber die großen, einst unglaublich eleganten Kaffeehäuser. Deren Existenzkampf erleben wir gerade live mit, ohne dass wir es merken, bzw. merken wir es nur daran, dass in großen Cafés nicht mehr in die Architektur investiert wird. Das Prückel ist noch toll, aber gehen Sie ins Westend, Ritter, Eiles, den Bräunerhof. Da wird nur noch mit Farbe gearbeitet und dürftig geflickt.
Das Kaffeehaussterben ist doch ein Mythos.
Tatsache ist, dass viele, teils von außen konstruierte Hindernisse die Weiterentwicklung des Wiener Cafés seit Ende des zweiten Weltkriegs erschweren. Es begann mit der Espressomaschine, die den Kaffee zum Friseur brachte, geht weiter mit Besteuerungsmechanismen und endet damit, dass Cafés anders als die umsatzorientierte Systemgastronomie funktionieren. Im Kaffeehaus kann man Stunden beim Verlängerten sitzen und Spezialwünsche formulieren, auch wenn wir Letzteres zunehmend verlernen. Es geht nicht darum, etwas künstlich am Leben zu erhalten, aber denken Sie sich mal die großen Kaffeehäuser weg. Was bleibt der Stadt? Ein Teppich von Kaffeeangeboten, die zwar alle in Ordnung, aber Notlösungen sind. Coffee-to-go, die neuen, jungen Cafés...das hat doch mit dem ursprünglichen Service nichts mehr zu tun. Ein echtes Kaffeehaus ist eine Aufmerksamkeitsmaschine, die beim Gast das Gefühl des Verstandenwerdens und der Geborgenheit produziert.
Apropos Geborgenheit: Kaffeehäuser herzurichten ist heikel.
Wieso?
Weil Stammgäste ein Café als Wohnzimmer betrachten und empfindlich reagieren, wenn etwas verändert wird.
Aber Cafés wurden immer wieder verändert, sie haben bei der Architektur sogar oft den ersten Schritt gemacht. Sie waren ein Spiegel ihrer Zeit. Erst jetzt, da sie das finanziell nicht mehr können, sagen die Besitzer: Nur nichts verändern, unsere Gäste wollen das so. Und die Gäste, die das wollen, sterben dann mit dem Kaffeehaus. Und wenn doch renoviert wird, geschieht das oft so, dass nur mehr Touristen hingehen können – und die Stadt fördert diese museale Zurückversetzung auch noch, statt die Evolution zu unterstützen.
Weil Sie das Prückel gelobt haben: Die Renovierung durch Spalt in den 90ern war gelungen, aber doch nicht revolutionär.
Es ist ja legitim, Dinge zu bewahren. Das muss man je nach Situation entscheiden. Es gibt aber auch Situationen, in denen es legitim ist, das Prückel wieder neu zu machen. Den Schritt, den das Café damals mit Haerdtl gemacht hat – alles hell, alles neu – kann es wieder machen. Natürlich hätte die Besitzerin dann sofort die ganze Presse gegen sich, weil man in Wien Angst vor der Zukunft hat. Aber es wäre ihr Recht und lebendige Kaffeehauskultur.
Die Zukunft, vor der wir uns so fürchten, wie sieht die denn konkret aus?
Nachdem das so lange kein Thema war, wurden weder Kaffeehausbetreiber noch Architekten oder Designer damit konfrontiert. Ich habe fünf junge Designgruppen eingeladen, die beginnen sollen, wieder an der DNA des Kaffeehauses zu arbeiten. Das ist ein erster Schritt, noch keine fertige Lösung. Für die Ausstellung haben sich die Teilnehmer eher an der Vergangenheit orientiert. Im Herrenhof gab es etwa einen Kellner, der für Bestellungen eine Farbkarte mit verschiedenen Brauntönen verwendete. Graulicht Design hat jetzt einen Kaffeehaustisch mit solchen Farbsegmenten entworfen.
Es muss doch aber auch um neue Nutzungsarten gehen. Heute kommen viele mit Laptop, es bräuchte Steckdosen beim Tisch.
Alles, was Kommunikation, Information, Arbeit betrifft, muss man unterstützen. Das Café war immer ein Ort, an dem man in der Öffentlichkeit arbeiten und dabei gut aussehen konnte. Das Café müsste sich aber auch mehr der Straße öffnen, etwa durch eine räumlich abgetrennte Kaffeebar. Eine Prückel-Bar wäre toll. Überhaupt muss man die gesellschaftlichen Rituale des Cafés auf unsere Zeit übertragen. Man sitzt heute anders als früher. Junge Leute ziehen sich gern die Schuhe aus und setzen sich auf die Knie. Dafür könnte es Logen geben. Man bräuchte auch Platz für Kinderwägen.
So wichtig Design ist, wenn ich an ein durchdesigntes Café denke, bekomme ich...
...Angst?
Ja, ein Café braucht eine gewisse Lässigkeit.
Statt „durchdesignt“ sollte man „durchdacht“ sagen. Es gibt nun mal bestimmte Erkenntnisse: wie das Licht sein muss, wie man Bedürfnisse befriedigt.
Das Bedürfnis nach Kaffee scheint jedenfalls groß wie noch nie. Dank Nespresso ist Kaffee Designthema. Hilft das den Kaffeehäusern?
Es sollte. Kaffeehäuser hatten immer diesen modischen Anspruch. Seltsam, dass sie jetzt, da Kaffee Lifestyle ist, als altmodisch gelten. Denn genau jetzt wäre für sie der richtige Moment, wieder mitzumischen, mit George Clooney, Coffee-to-go und dem Rest. Die Versuche der Kaffeesieder, an den Trend anzuschließen, sind zwar nett, aber man kann mit viel mehr Selbstbewusstsein herangehen. Es gibt den ungehobenen Schatz von 300-jährigem Know-how, das Wissen um viel bessere Kaffeezubereitung und Sorten. In den USA beschäftigen sich junge Kaffeehausbetreiber wie „Intelligentsia“ intensiv mit dem Thema Qualität. Dieses Bewusstsein will ich reimportieren.
Stichwort USA: Im McCafé-Werbespot wird der Mythos vom unfreundlichen Ober persifliert. Ist Grant im Café der Zukunft passé?
Da kommt viel zusammen. Erstens ist das ein Klischee, zweitens hat das mit dem extrem freundlichen Serviceverständnis der Amerikaner zu tun, drittens mit tatsächlicher Personaleinsparung und viertens mit der Architektur. In Lokalen, in denen man unfreundlich behandelt wird, hat der Kellner meist lange Wege, muss rennen, kommt zu spät, was den Gast ärgert. So schaukelt sich das auf. Die Wege des Kellners proportionieren die Freundlichkeit zwischen Kellner und Gast.
Gregor Eichinger ist Architekt und gründete 1984 mit Christian Knechtl (bis 2005) das Büro „eichinger oder knechtl“. Er ist Gastprofessor an der Akademie der bildenden Künste in Wien und seit 2004 außerordentlicher Professor an der ETH Zürich.
Arbeiten:
ZumBeispiel Café Stein (1985), Wrenkh (1987), verschiedene internationale Helmut-Lang-Stores, Österreicher im MAK (2005), Song Shop (2006), Skopik und Lohn (2006), Renovierung des Café Korb (2009).