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Salzburg: Die nächtlichen Orgien der Ameisen

27.07.2012 | 18:25 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Der Schweizer Germanist Peter von Matt eröffnete die Festspiele mit dem, was man erwartete: einer schönen Rede. Die Politiker lieferten ebenfalls erwartbare moralische Aufrufe.

Peter von Matt, renommierter Schweizer Germanist, ist kein Festredner, von dem man sich einen Skandal zu erwarten hat. Einen Aufruf zur Revolution. Oder eine Absage in letzter Sekunde. Peter von Matt als Eröffnungsredner der Salzburger Festspiele zu engagieren, war ein sicheres Ticket. Er hat es mit Bravour eingelöst. Ebenso wie die Spitzen der österreichischen Politik, die lieferten, was man erwartete: ihre traditionellen, leicht quälenden moralischen (Selbst-)Geißelungen.

Wenn Kulturministerin Claudia Schmied die ökonomische Absicherung von Kunst fordert, obwohl die von ihr verhandelten Budgets dafür jährlich zumindest stagnieren. Wenn Bundespräsident Heinz Fischer Beschwörungsformeln des europäischen Gedankens vom Blatt abliest und mit praktischen Tipps unterlegt: sich etwa auf die Bühnenschicksale fremder Menschen einzulassen, um die Empathie für reale Schicksale zu vertiefen. Und wenn alle gemeinsam die bösen Geldmenschen verurteilen. Bestes Zitat dazu lieferte heuer Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, die eine Anregung des Ex-Festspielintendanten Gerard Mortier aus dem Jänner dieses Jahres fortspann: Den „Jedermann“ neu schreiben zu lassen wäre gewiss spannend, „ich fürchte jedoch, dass dieser Auftrag bereits vergeben ist, an skrupellose Finanzspekulanten“.

Kräftiger Applaus von einer gewiss erklecklichen Anzahl genau dieser aus dem Publikum. Am Beginn von Salzburger Festspielen der ambivalenten Superlative, die der neue Intendant Alexander Pereira sowohl mit einer „Ouverture spirituelle“ als auch mit einem medial ausgetragenen Streit ums Budget begann, die um zehn Tage länger dauern als sonst, die heuer erstmals mit einem gesellschaftlichen, keinem kulturellen Programmpunkt enden werden, nämlich einem Ball.

Für den schwierigen „Spagat zwischen Tradition und Zukunft“ (Schmied), den die Festspiele schaffen wollen, bat Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler um Beistand: „Helfen Sie uns, das wichtige Alte weiter zu pflegen und das richtige Neue zu wagen.“

Viel Worte um die schönste Verschwendung der Welt, die Kunst ja schließlich auch bedeute, wie Festredner Peter von Matt anschließend erklärte (siehe Abdruck der Rede Seite 32). Aber sie hat dennoch einen tieferen, psychohygienischen Sinn, den sie mit dem des Festes an sich teilt – nämlich auf bestimmte Zeit und unter bestimmten Vorgaben die Grenzen der Gesellschaft, des Alltags zu sprengen. Selbst den fleißigen Ameisen gestand Peter von Matt das Potenzial „nächtlicher Orgien“ zu, um den „gesetzlosen Kern der Kunst“ und des Fests zu genießen – das Ereignis der Freiheit. Eine schöne Erinnerung im Brennpunkt aller gesellschaftlicher und kultureller Zwänge von Budget, Qualität und Protokoll.


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