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Olympia 1968: Ein stummer Protest bleibt laut

03.08.2012 | 18:49 | von Duygu Özkan (Die Presse)

Die Sprinter Tommie Smith und John Carlos haben bei ihrer Siegerehrung für Menschenrechte protestiert. Nun traten sie in London auf.

Von all den Protesten im ohnehin nicht konfliktarmen Jahr 1968 war eine Aktion besonders bemerkenswert: Sie war stumm. Und sie fand in einem Umfeld statt, das gemeinhin als unpolitisch gilt: Olympische Spiele. Die afroamerikanischen Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos – beide waren über 200 Meter gestartet und hatten Gold bzw. Bronze gewonnen – erschienen zur Siegerehrung in Mexiko City in schwarzen Socken, um an die in Armut und Elend lebenden Menschen zu erinnern. Carlos hatte den Reißverschluss seiner Trainingsjacke offen gelassen, um Solidarität mit den Schichtarbeitern in den Fabriken zu zeigen – und trug eine Kette, gewidmet jenen Toten, für die niemand betete. Smith hingegen trug ein schwarzes Halstuch als Zeichen dafür, schwarz und stolz zu sein.

Und die Hände natürlich, schwarz behandschuht, zur Faust geballt in den Himmel gereckt: Smith die rechte, Carlos die linke (weil Smith' Frau nur ein Paar gekauft hatte). Die Handschuhe waren auch dazu gedacht, Avery Brundage, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees und Nazi-Sympathisant, nicht die bloße Hand geben zu müssen. Das Bild der Siegerehrung war die Seite eins der Weltpresse. Dass die Geste als „Black Power Salute“ gedeutet wurde, als Symbol für die Bürgerrechte der Afroamerikaner, haben die Athleten bestritten. Die Aktion, schrieb Smith in seiner Autobiografie „Silent Gesture“, sei ein Zeichen für die allgemeinen Menschenrechte gewesen.

Über Menschenrechte sprechen die beiden noch immer, besonders zu Olympia-Zeiten. Als sich die Athletenwelt 2008 in Peking getroffen hat, gaben Smith und Carlos ein Interview nach dem anderen zu den Themen Sport und Menschenrechte. Und auch in London, bevor die aktuellen Spiele eröffnet worden waren, zogen die beiden durch das Land, nahmen an Diskussionsrunden teil, gaben Interviews und berichteten im Rahmen der Premiere der Dokumentation „Salute“ in London Mitte Juli von ihren Erfahrungen. Der Film wurde vor einigen Jahren von Matt Norman produziert – dem Neffen des australischen Sprinters Peter Norman, der damals Silber gewonnen und Smith und Carlos bei ihrem Protest unterstützt hatte: moralisch und mit dem Tragen des Ansteckers „Olympic Project for Human Rights“ (schwarze Menschenrechtsorganisation).

Erzählt wird in „Salute“ nicht nur der Lebensweg von Norman, dessen Karriere – wie auch die von Smith und Carlos – nach der Siegerehrung zu Ende war. Erzählt wird auch, wie sich die zwei afroamerikanischen Athleten in gesonderten Badezimmern waschen mussten, während in der Nachbarschaft der Ku-Klux-Klan sein Unwesen trieb. Nur ein paar Monate vor den Spielen in Mexiko war der Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet worden. Die Stimmung in den USA war mehr als angespannt, auch in Mexiko wurden gerade Studentenproteste gewaltsam unterdrückt. Dass da noch zwei Athleten derart offen protestierten – das schmeckte den wenigsten Organisatoren. Binnen 48 Stunden hatten Smith und Carlos das olympische Dorf zu verlassen. Amerika zürnte; Die Athleten hätten ihre Flagge und Hymne verächtlich gemacht.

Und selbst von den sonst so demonstrierfreudigen 68ern hätten sie weder Zuspruch noch Unterstützung bekommen, erzählt Smith. Carlos meint rückblickend, er hätte nie gedacht, dass die Aktion sein Leben derartig beeinflussen würde. Nach ihrer Rückkehr hielten sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser – heute ist Smith Leichtathletiktrainer in Los Angeles, Carlos unterrichtet an der Highschool in Palm Springs. Als seine Frau Selbstmord beging, war Carlos überzeugt davon, dass sie den Druck, der durch den Protest auf der Familie lastete, nicht mehr ausgehalten hatte.

Dennoch betonen Smith und Carlos, dass sie die Aktion nicht bereuen. Im Gegenteil: Heute würden sie es genauso machen. Die Kritik, dass politische Statements bei einer Veranstaltung wie den Olympischen Spielen nichts verloren hätten, weist Carlos zurück: „Ist das Hissen von amerikanischen, chinesischen oder russischen Flaggen etwa kein politisches Signal? Olympische Spiele sind politisch. Sie waren das schon immer, sie werden es immer sein.“

Wie Smith und Carlos musste auch Peter Norman für seine Solidarität mit Konsequenzen rechnen. Obwohl er sich sportlich qualifiziert hatte, wurde ihm die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1972 in München verweigert. Selbst bei den Spielen in Sydney 2000 wurde der Australier nicht bedacht (worauf ihn die Amerikaner in ihre Reihen als „Gast“ einluden). Als Norman im Oktober 2006 nach einem Herzinfarkt starb, waren Smith und Carlos unter den Sargträgern.

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