Herr Fosbury, über Ihren Namen stolpert jeder Schüler einmal, wenn er im Sportunterricht so hoch springen soll wie möglich. Bevor die Lehrer zum Anlauf bitten, erzählen sie dann die Geschichte des Mannes, der einst den Hochsprung revolutionierte.
Richard Fosbury: In ihrer Ausbildung lernen die Lehrer die alte Sprungvariante heute gar nicht mehr. Mich ehrt es natürlich sehr, in so einer Form anerkannt zu sein. Wirklich sehr.
Als Hochspringer stellten Sie bei den Olympischen Spielen 1968 Ihre Disziplin auf den Kopf. Die herkömmliche Art zu springen sah eine der Latte zugewandte, halbe Drehung des Körpers vor. Sie sprangen aber mit dem Rücken gen Boden zeigend viel höher und gewannen damit Gold. Der „Fosbury-Flop“ war geboren. Wie kam es dazu?
Den Sprung hatte ich zum ersten Mal 1963 bei einem Schülerturnier ausprobiert. Damals war ich 16 und der Schlechteste von allen, wollte aber unbedingt besser werden. Ich hatte so eine Intuition, dass der Sprung auch andersrum funktionieren müsste. Ich machte einfach einen Versuch, und es lief gleich überraschend gut.
Haben Sie das Turnier gewonnen?
Bei Weitem nicht. Der erste Sprung war so etwas wie eine Revolution, dem eine langsame Evolution folgte. Höhe um Höhe wurde ich etwas stärker. Bei dem Schulturnier schloss ich immerhin als Vierter ab und war schon sechs Inches (15 Zentimeter) höher als vorher. Das war eine enorme Verbesserung.
1968 in Mexiko-Stadt stellten Sie Ihren Sprung dann der Weltöffentlichkeit vor. Vorher hatten Sie fünf Jahre lang daran gearbeitet. Gab es keinen Trainingspartner, der Ihre Technik auch ausprobieren wollte?
Meine Kollegen sahen meine Übungen schon mal an, aber jeder machte sein eigenes Ding. Damals konnte ich auch noch niemandem beweisen, dass meine Technik die bessere war. Es brauchte eben die olympische Goldmedaille, bis sich die Leute sagten: „Vielleicht sollte ich das mal versuchen.“
Hatten Sie erwartet, dass Sie mit dem „Flop“ Gold gewinnen würden?
Nein. Bei den Spielen in Mexiko-Stadt war ich ein Kandidat für eine Medaille, aber nicht unbedingt mehr als das. Während der Qualifikationswettkämpfe hatten alle US-Hochspringer persönliche Bestleistungen aufgestellt, obwohl einer von uns Kriegsveteran war und ein anderer noch die Highschool besuchte. Dann gab es starke Athleten aus anderen Ländern, zum Beispiel den Russen Walentin Gawrilow, der schließlich Bronze gewann. Bei den letzten Sprüngen waren es nur noch mein Teamkollege Ed Caruthers und ich. Wir beide mussten unsere Bestleistungen noch einmal übertreffen, um zu gewinnen. Und ich hatte dann Glück, die 2,24 Meter zu überspringen.
Als Sie rückwärts über die Latte sprangen, beschrieb der Reporter Ihre Technik erst mal als „awkward“, merkwürdig. Vier Jahre später, bei den Spielen in München, benutzte schon die Mehrheit der Athleten Ihre Technik. Heute gibt es derartige Innovationen kaum noch im Sport.
Da bin ich mir nicht so sicher. Wir erfinden unsere Art, Dinge zu tun, doch ständig neu. Kinder sind sehr kreativ, wenn sie spielen. Es gibt auch immer wieder neue Sportarten, die olympische Disziplin werden. Vor 20 Jahren gab es zum Beispiel noch keine Mountainbikes oder Snowboards. Aber wenn mehr Leute solche jungen Disziplinen betreiben, gibt es auch mehr Neuerung. Und es war bei mir ja auch nicht so, als hätte ich an dem Abend des Finales 1968 zum ersten Mal meinen Sprung gemacht. Zu dem Zeitpunkt wusste ich schon ganz genau, was ich tat.
In Mexiko-Stadt erreichten Sie Weltruhm, aber es blieben Ihre einzigen Olympischen Spiele. Warum?
1973 trat ich der International Track Association in den USA bei und wurde Profisportler, weshalb ich damals nicht mehr an Olympischen Spielen teilnehmen durfte. 1974 nahm ich dann als Profi an Wettkämpfen teil.
Und kurz danach wurden Sie Ingenieur.
Ja, während meiner Athletenkarriere hatte ich Bauingenieurwesen studiert. Die Mathematik daran ist etwas, das mir immer schon lag und mich interessierte. Ich habe dann vor allem Straßen, Wege, Wassersysteme und Brücken entworfen und entwickelt. Da habe ich sogar oft Parallelen zum Sport erkannt: Auch im Ingenieurwesen gibt es straffe Regeln, an die sich alle halten müssen. Wenn es ein konkretes Problem gibt, ist aber Kreativität nötig. Im Leben nach meiner Hochsprungkarriere war ich um die Erfahrung meines „Flops“ immer wieder dankbar.
Also war der Fosbury-Flop das Resultat Ihrer ersten Berechnungen?
Das wäre übertrieben. Vor allem war es Intuition. Auf dem Papier war das nicht geplant, auch nicht einmal richtig überlegt. Also ein Modell, dem ich folgen konnte, hatte ich nicht.
In welcher Weise bleiben Sie dem Sport heute verbunden?
Mittlerweile bin ich in Pension. Aber ich gebe noch Leichtathletik-Kurse für Kinder und arbeite Vollzeit für die Olympische Bewegung weltweit. Aber das tue ich alles ehrenamtlich.
Wenn Sie an den Spitzensport aus Ihrer aktiven Zeit denken, vermissen Sie irgendetwas am heutigen Geschäft?
Das Geld, das heute im Sport steckt, ist schon eine konstante Bedrohung. Die Athleten verdienen ihr Einkommen mit dem Sport. So ist das Doping, das es früher nicht gab, erst populär geworden. Obwohl das athletische Niveau immer höher wird, gibt es alte Bestleistungen, an die auch heute keiner herankommt, und das finde ich toll. Der Rekord von meinem damaligen Mannschaftskollegen, Bob Beamon, im Weitsprung ist seit 44 Jahren bei keinen Olympischen Spielen gebrochen worden. Beamon war nicht gedopt, er hat einfach etwas Besonderes geleistet. Manchmal führt uns eine Hand, die uns zu Außergewöhnlichem befähigt. Das war auch bei meinem letzten Sprung 1968 in Mexiko-Stadt so.
Eine Hand führte Sie? Das klingt nach Metaphysik.
Ich bin nicht Mitglied irgendeiner religiösen Organisation, so meine ich das nicht. Was es genau ist, weiß ich auch nicht. Aber ich habe mit Athleten verschiedener Disziplinen darüber gesprochen, und alle waren sich einig, dass es Momente gibt, in denen man Leistungen erbringt, die man nie zuvor erreicht hat und vielleicht auch nie wieder erreichen wird. Da sind Kräfte im Spiel, die wir nicht verstehen.
Bei den aktuellen Olympischen Spielen erreichte die 16-jährige Chinesin Ye Shiwen so eine märchenhafte Leistung. Sie schwamm nicht nur Weltrekord, sondern war auf den letzten 50 Metern über 400 Meter Lagen schneller als der männliche Goldmedaillengewinner Ryan Lochte. Im Gegensatz zu ihm vermutet die Welt bei Ye Shiwen aber keine führende Hand, sondern Doping. Ist das nicht unfair?
Ich glaube, es ist eher unglücklich. Doping ist seit Jahrzehnten Teil des Spitzensports, und wir sind misstrauisch geworden. Mit Doping wurde nicht nur der Geist des fairen Wettbewerbs betrogen, es sind auch Athleten gestorben.
Die Debatte dreht sich um die chinesische Goldmedaillengewinnerin, die zum Schluss die US-Amerikanerin Elizabeth Beisel abhängte. Ist das so etwas wie ein neuer kalter Krieg zwischen China und den USA, zumindest auf sportlicher Ebene?
Die Leistung von Ye Shiwen war einfach außergewöhnlich. Bei Michael Phelps und Ryan Lochte kannte man die starken Leistungen schon vorher. Ye Shiwen holte zu einem Zeitpunkt des Rennens aber auf unglaubliche Art auf, als alle anderen müde waren. Daher kommen die aktuellen Fragen. Ich glaube, dabei geht es nicht um China und die USA, sondern um Sport und die Grenzen des Körpers. Und es ist schade, dass wir dann gleich an Betrug denken. Aber so ist es seit 1988, als der Sprinter Ben Johnson kurz nach seinem Weltrekord mit Doping aufflog.
Bei Olympischen Spielen geht es immer auch darum, welche Nation die meisten Medaillen gewinnt. Früher hatten die USA einen Zweikampf mit der Sowjetunion. Spätestens seit Peking 2008 sind die Chinesen die großen Konkurrenten. Ist das Sportlern so wichtig wie den Medien?
Athleten treten meistens mit einer Portion Patriotismus für ihr Land an und sind stolz, wenn am Ende ihre Hymne ertönt. Ich drücke auch immer den Amerikanern die Daumen und bin stolz, wenn wir den Medaillenspiegel anführen. Aber das ist nicht alles. Es sind ja Momentaufnahmen, bei denen die Sieger erklärt werden. Das ist eben auch das Aufregende am Sport.

