Laut, hie und da etwas hysterisch und manchmal auch ein bisschen müde von den vielen Drehstunden sei Regisseur Peter Kern gewesen. Das sagt zumindest sein Regieassistent. Sogar vor Publikum – wenn Kern persönlich von ihm hören will, wie viel sein Team unter ihm gelitten hat.
So passiert ist das am vergangenen Donnerstag bei der zweiten Premiere (gibt es dafür eigentlich einen Fachbegriff?) von Kerns Film „Blutsfreundschaft“. Die erste (man könnte sagen: die Welturaufführung) fand schon während der Viennale statt. Am Tag vor dem offiziellen Kinostart des Films über eine Freundschaft zwischen einem alternden Homosexuellen (großartig: Helmut Berger) und einem halbwüchsigen Arbeitslosen, der in eine Neonaziclique gerät (Harry Lampl), luden die Filmproduktion Novotny & Novotny, der Stadtkino-Filmverleih und „Die Presse“ erneut zur Premiere. Die angesichts der vielen anwesenden Crewmitglieder zu einer fast familiären Feier wurde.
Eigentlich wollte „Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker nach dem Film mit Kern über den Film diskutieren. Aber der hatte da bereits – ganz geborener Schauspieler – das Künstlerhauskino zu seiner Bühne erklärt und das Interviewen selbst in die Hand genommen.
Austern für Helmut Berger
Soll heißen: Alle anwesenden Schauspieler und Nichtschauspieler, die an dem Film mitgewirkt haben, wurden von ihm pointiert, aber eben auch ein bisschen indiskret befragt. So erfuhr der Premierengast, wie unangenehm die Dreharbeiten für die Maskenbildnerin gewesen sein müssen: Viele Szenen wurden in der Wohnung von Katzenbesitzern gedreht, die Maskenbildnerin plagte ihre Katzenhaarallergie.
Sandra Gigerl von der Produktionsleitung war unter anderem für die Verpflegung der Crew zuständig. Auf Kerns Nachfrage erfuhr man also, was Hauptdarsteller Helmut Berger, der einst als schönster und begabtester Schauspieler Europas galt und bei den Wien-Premieren leider fehlte, in den Drehpausen zu essen bekam: Austern.
Die Jazz Gitti, die im Film eine Nebenrolle als klerikale Lesbe (genannt „Die Päpstin“) hat, gab dem üppigen Regisseur einen Tipp: „Ich weiß, wie das ist, wenn man so viel unnötiges Fleisch mit sich herumzaht. Ich sag's dir: Tu diesen Scheiß weg.“ Auch wenn derlei Geplänkel über Körpergewicht im Grunde nichts mehr mit dem Film zu tun hatte: Noch bei der anschließenden Premierenparty im „Lobsterdock“ waren Jazz Gittis Erzählungen Gesprächsthema an vielen Tischen.
Kern jedenfalls dürfte bei Dreharbeiten zwar schwierig sein, von seiner Crew und den Schauspielern ist er aber hör- und sichtbar begeistert. So lobte er die Nazidarsteller Michael Steinocher, Manuel Rubey, Matthias Franz Stein und Oliver Rosskopf, nannte die junge Schauspielerin Sophie Schlichting „so wunderschön und so echt“ und attestierte dem jungen Hauptdarsteller Harry Lampl eine große Schauspielkarriere. Der glaubt daran noch nicht so ganz und studiert erst mal weiter Technische Physik. „Man braucht ein zweites Standbein“, sagte Lampl ganz pragmatisch.
Aufregung um Plakate
Der Film „Blutsfreundschaft“ hatte schon im Vorfeld für Aufsehen gesorgt. Weil das Team gefakte Inserate der fiktiven politischen Partei RWT (Partei für Recht Würde und Tugend) aus dem Film in mehreren Tageszeitungen (auch in der „Presse“) abdrucken ließ und viele Menschen empört auf die Hetzsprüche wie „Soziale Wärme statt Woarme“ oder „Stopp der Überfremdung“ reagierten. Produzent Franz Novotny würde sich eine ähnliche Sensibilisierung für politische Kampagnen existierender Parteien wünschen. Kern gab zu, dass das Publikum bei dieser Kampagne „natürlich zum Opfer“ wurde. Aber: „Die, die sich verführen lassen, tun mir nicht so leid.“
Kern hat jahrelang einen Produzenten für den Film gesucht, Novotny war innerhalb weniger Wochen bereit, den Film zu drehen. Allerdings nicht mit Big Budget: Nur 900.000 Euro und 24 Drehtage standen dem Drehteam zur Verfügung. Die doppelte Premiere war redlich verdient.