Österreichs Sportler haben bei Olympischen Spielen bisher versagt. Was geht in diesen Sportlern jetzt vor?
Louis Schützenhöfer: Aus meiner Sicht ist es so, dass der Sport die Dinge, die im normalen Leben passieren, massiv verstärkt. Da spielen sich in kurzer Zeit Dinge ab, die sich sonst gemächlich entwickeln.
Was bedeutet das für die Psyche?
Wenn ein Sportler alles auf eine Karte setzt, ist er mit dem Scheitern enorm geschädigt. Da zeigt sich, ob ein Mensch sagen kann: Ich bin auch ohne diesen Sieg etwas wert. Ist das nicht der Fall, schaut es schlimm aus für Leute mit einem großen Ego wie den Herrn Rogan. Seine Bewährungsprobe kommt jetzt: Wie wird er damit umgehen?
Wie soll er damit umgehen? Gibt es so etwas wie richtiges Scheitern?
Absolut. Wenn ich alles auf eine Karte setze, bewege ich mich auf einem schmalen Grat. Das ist wahnsinnig gefährlich. Weil wir zwar die Leute, die es geschafft haben, bewundern, aber die Tausenden, die das nicht tun, vergessen. Die können dann aber ihr Leben lang einen Knacks haben. Lebensträume gehören zum problematischsten und gefährlichsten überhaupt.
Wir brauchen also einen Back-up-Plan? Dann können wir das Scheitern zulassen?
Davon bin ich überzeugt. Es gibt viel zu viele Leute, die sagen: „Um Gottes willen, an das Scheitern darf ich gar nicht denken, das darf nicht passieren.“ Aber das schafft ja erst eine Verkrampfung. Man hat Angst davor, weil es nicht passieren darf. Wenn ich einen Plan für nachher habe, dann hat das Scheitern seinen Schreck verloren.
Wie würden Sie die Scheiterkultur in Österreich beschreiben?
Ganz schlecht. Weil wir erstens mitmachen und „Erfolg ist alles“ sagen und die Leute vergessen, die nicht im Rampenlicht stehen. Und zweitens sind wir nicht bereit, den Gescheiterten zu akzeptieren. Der wird dann mit Häme verfolgt: Dabei hat der ja wenigstens etwas ausprobiert. Er ist an seine Grenzen gegangen. Er hat etwas riskiert, und das ist tadellos.
Scheitern ist also auch wichtig für uns.
Unglaublich wichtig. Für jeden einzelnen als Persönlichkeitsbildung, aber auch für die Gesellschaft. Es geht nicht ohne Scheitern. Jeder Wissenschaftler ist x-mal gescheitert, weil bei seinem Experiment etwas anderes herausgekommen ist als erwartet. Wir sind darauf angewiesen, dass Leute das Scheitern riskieren, damit wir alle daraus lernen: „Aha, so geht's nicht.“
Scheitern Frauen anders als Männer?
Das tun sie. Für Männer liegt der Selbstwert in der Einzelleistung. Sie wollen sich unterscheiden, der Beste sein. Frauen begründen ihren Selbstwert in der sozialen Integration. Sie sind daher oft viel schneller bei Niederlagen entmutigt. Männer probieren es immer wieder und sagen: „Das gibt es ja nicht. Das muss ja gehen.“ Frauen sind auch viel selbstkritischer. Das ist eine wunderbare Eigenschaft, aber sie hindert einen auch daran zu sagen: „Okay, schiefgegangen. Ich probiere es noch einmal.“
Ist es nicht besser, manchmal aufzugeben?
Das ist natürlich immer die Frage. Da gibt es keinen allgemeinen Rat. Weil es von der Person und den Umständen abhängig ist. Allgemein würde ich sagen: Unsere Gesellschaft bewertet das Klammern und Festhalten viel höher als das Aufgeben. Meiner Meinung nach zu Unrecht.
Wieso?
Es geht so viel Zeit und Energie für Dinge drauf, die es einfach nicht wert sind. Sei es jetzt eine Partnerschaft, sei es ein Beruf, der einem in Wirklichkeit gar nicht gefällt.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass man Ehen viel früher beenden sollte.
Ja. Ich glaube, es halten viel zu viele Leute aus Bequemlichkeit und Stolz an ihrer Partnerschaft fest. Obwohl die gar nicht mehr zu retten ist.
Also wenn man Scheitern zulassen kann, ist man glücklicher.
Ja, Scheitern macht glücklicher. Weil man eine ganze Reihe von positiven Eigenschaften daraus zieht. Wo sind meine Grenzen, was kann ich, wo liegen meine Stärken? Vielleicht entdecke ich ja, dass ich mich vorher zu viel unter Druck gesetzt habe, und mache jetzt etwas, was mir besser liegt.
Aber Scheitern ist und bleibt unangenehm.
Wir bewundern zwar die erfolgreichen Menschen. Das bewirkt aber auch, dass das Selbstbewusstsein dieser Leute quasi ins Unendliche steigt. Sie werden dann schnell zu narzisstischen Persönlichkeiten. Das ist die Kehrseite der Medaille. Ehrlich gesagt, beim Schreiben des Buches (siehe Kasten) habe ich mir gedacht: Kruzifix, die Gescheiterten sind mir sympathischer.