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Hausfrauen heute: Verzweifelt? Nein!

10.11.2012 | 18:27 | von Doris Kraus (Die Presse)

Kein Beruf entzweit so gründlich. Derzeit steht der Zeiger gerade wieder auf Anerkennung. Doch auch wenn die Betroffenen als von gestern gesehen werden, ist die Zeit für sie nicht stehen geblieben.

Das, was Tanja J. auf die Palme bringt, passiert meist auf Partys oder bei Empfängen. Als Begleitung ihres Mannes kommt sie nämlich sehr oft in kleinere und größere Gesellschaften. Die hübsche, selbstbewusste und redegewandte Frau wird dabei gern zum Mittelpunkt einer Runde, zumindest so lange, bis irgendwann die verhängnisvolle Frage gestellt wird: „Und was machen Sie so?“ Denn Tanja macht das, was oft mit „nichts“ gleichgesetzt wird: Hausfrau und Mutter von drei teilweise schon großen Kindern. „Kaum habe ich das gesagt, wird der Blick glasig, das Lächeln ein wenig verkrampft und dann sehe ich bald nur noch Rücken. Wenn es nicht so lustig wäre, wäre es ziemlich demütigend.“

Noch vor kurzer Zeit hätte Tanja J. als Reaktion auf ihre Klage nur Schulterzucken geerntet. Nicht so in Tagen wie diesen. Denn gerade ist wieder einmal die Ehrenrettung jenes Berufs angesagt, der eigentlich gar keiner ist: die Hausfrau. Niemand geringerer als die „Zeit“, Bollwerk der intellektuellen deutschen Mittelschicht, setzte eine Frau aufs Cover, die sich offen dazu bekennt, „nur“ Hausfrau und Mutter zu sein. Dass die fesche Rothaarige aussieht, als würde sie den Feuilleton-Teil der Wochenzeitung tatsächlich lesen, ehe sie die Erdäpfel darin einwickelt, macht das Thema noch griffiger. Dieser aparte Widerspruch manövriert den Begriff „Hausfrau“ aus einem Eck heraus, das bisher für die eher Uninteressanten reserviert war.

Wettkampf der Lebensmodelle

Die brisante Frage ist, ob und warum auch gut ausgebildete Frauen sich entschließen, gegen den feministischen Mainstream zu schwimmen. Noch hat sich die Gesellschaft nicht entschieden, was sie von jenen halten soll, die aus freien Stücken sagen: „Ich verzichte auf die Arbeit, ich bleibe daheim bei den Kindern – und zwar solange ich will.“ Aus der konservativen Sicht bestätigt das den „natürlichen“ Platz der Frau, an den sie nach Jahrzehnten des Doppelbelastungsexperiments reumütig zurückkehrt. Aus der Sicht progressiverer Denker sind die freiwilligen Hausfrauen Verräterinnen, die nach Jahren feministischen Kampfes die herrschende gesellschaftspolitische Lehre wieder in Zweifel ziehen. Beide Seiten instrumentalisieren die Frage für eigene ideologische Zwecke und spielen Lebensmodelle gegeneinander aus anstatt gegenseitig Respekt zu zollen.

Auch die eigene Sicht der neuen Hausfrauen auf sich selbst ist noch etwas trüb. Eines ist allerdings offensichtlich: Wirklich gern als „Hausfrau“ lässt sich kaum jemand bezeichnen, öffentlich darüber redet man auch nicht so gern. Alles zu sehr Staubwedel, zu wenig Swiffer. Dabei sind die neuen Hausfrauen eine Art Gender-Guerilla, die in erster Linie um das Recht auf Selbstbestimmung kämpft. Ohne Rechtfertigungszwang.

So sieht das zumindest Martina Gürtlschmidt. Die heute 45-Jährige kehrte nach der Geburt ihres ersten Kindes nicht mehr in ihren Job im Marketing zurück. Sie habe sich in der „glücklichen Lage“ befunden, wählen zu können und nicht zwingend arbeiten gehen zu müssen, sagt Gürtlschmidt.

Ungewisse Abhängigkeit

Die Aufgabe ihrer Unabhängigkeit war für Gürtlschmidt nicht leicht. Wie für viele einst berufstätige Frauen sei es auch für sie „ein gewisser Lernprozess“ gewesen, das Geld ihres Mannes auszugeben. Eine Putzfrau hat die 45-Jährige nicht. „Da würde ich mir komisch vorkommen, das würde ich dann doch als Ausbeutung meines Mannes sehen.“ Unter dem Strich aber hätten alle Seiten von ihrer Entscheidung profitiert: „Mein Mann hat dafür in meinem Bereich nichts zu tun. Wenn er zu Hause ist, kann er mit den Kindern spielen und sich entspannen und muss sich im Haushalt um nichts kümmern.“

Die Reaktion ihrer näheren und ferneren Umgebung sieht Gürtlschmidt hingegen mit gemischten Gefühlen. Ihre eigene Familie bewundere die Konsequenz, mit der sie ihre Entscheidung umsetze. „Wir waren daheim fünf Kinder, meine Mutter war immer berufstätig. Darunter litt nicht nur sie, das war Stress für die gesamte Familie.“ Ihre Freunde wiederum teilten sich in jene, die ihr dafür auf die Schulter klopften, und jene, die nicht verstünden, wie sie das aushalte.

Jeder hat ein Recht auf seine Meinung, meint Martina Gürtlschmidt. Was sie aber ärgert, ist die Haltung der Gesellschaft zu ihrem Lebensmodell. „Ich finde es gut, dass Frauen ermutigt werden, arbeiten zu gehen. Ich finde es weniger gut, dass wir von anderen oft als Schmarotzer dargestellt werden. Wem nehme ich denn etwas weg?“ Es werde Frauen sehr deutlich die Botschaft vermittelt: Jetzt gibt es endlich für jedes Kind einen Betreuungsplatz, dazu viele verschiedene Arbeitsmodelle, da wird doch wohl für jede etwas dabei sein. Diese Rechnung gehe jedoch nicht immer auf, sagt Gürtlschmidt: „Wir reden da oft von schlecht bezahlten Arbeitsplätzen im Handel, von kinderunverträglichen Arbeitszeiten. Um 19 Uhr hat kein Kindergarten oder Hort mehr offen.“

Das Los der berufstätigen Mutter, die von Termin zu Termin hetzt, oft zu spät, meistens beladen und immer mit dem schlechten Gewissen, Job und/oder Kinder zu vernachlässigen, ist Martina Gürtlschmidt fremd. „Beneidenswert“, mag sich da so manche denken, „sich einmal nur um Kinder und Haushalt kümmern zu müssen.“ Diese Erschöpfung der „Mutti-Tasker“ dürfte ein Grund sein, warum das Schlagwort vom „Traumberuf Hausfrau“ immer öfter auftaucht (wie bereits in der „Presse am Sonntag“ am 29. Mai 2011).

Denken die Töchter um?

Diese heimliche Sehnsucht kennen aber nicht nur Frauen mit Kindern; die Einstellung greift mittlerweile auch unter ihren erwachsenen und heranwachsenden Töchtern um sich. 55 Prozent der 14- bis 24-jährigen Mädchen, die 2011 für den Jugendmonitor des Familienministeriums befragt wurden, gaben an, gern Hausfrau sein zu wollen – vorausgesetzt, der Partner verdiene genug. Theoretisch sehen das auch 34 Prozent der jungen Männer so.

In England sorgte vor einiger Zeit eine Studie der Soziologin Catherine Hakim von der London School of Economics für Aufregung, derzufolge heute mehr Frauen Hausfrauen sein wollen als in den 1940er-Jahren. Hakim behauptet, dass nach Jahrzehnten des Feminismus sich viele Frauen nach wie vor gegen einen Beruf und für einen gut verdienenden Ehemann entscheiden würden. „Manbition“ nannten das die englischen Medien. Nicht ganz zufällig liegt die Hausfrauen-Hochburg Englands in Surrey: In Tandridge sind 64 Prozent der weiblichen Bevölkerung daheim. Die Gegend ist eine der wohlhabendsten Regionen Großbritanniens.

Was einen der wichtigsten Aspekte in der Hausfrauendiskussion beleuchtet: nämlich den, dass sie oft ein Luxusproblem ist. „Ob ich eine Hausfrau kenne?“, meinte ein Kollege. „Wer kann sich das leisten? Wenn wir nicht beide arbeiten gingen, wären wir bald bankrott.“ Viele Frauen können sich aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht aussuchen, ob sie zu Hause bleiben.

Hausfrau auf Dauer? Keine Chance

Viele junge Frauen wollen sich aber auch gar nicht gegen den Beruf entscheiden. Eine Studie der Soziologin Sonja Dörfler widerspricht der These, dass derzeit eine neue Generation von Heimchen am Herd heranwachsen könnte. Für die Mehrheit der 15- bis 25-jährigen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund, die sie nach ihren Lebensmustern befragte, ist Hausfrau auf Dauer nämlich keine Option. Die Burschen sind dagegen, weil sie wollen, dass die Frauen zum Familieneinkommen beitragen und Angst haben, dass sie bei einer Scheidung zu viel zahlen müssten. Die jungen Frauen wiederum wollen ihre erworbene (Aus-)Bildung anwenden, unabhängig sein und Kontakte außerhalb der Familie pflegen.

Ein Modell, das in der gut situierten Mittelklasse sehr wohl an Reiz gewinnt, ist die „Hausfrau auf Zeit“. Vor allem so lange kleine Kinder im Spiel sind, können sich viele Frauen vorstellen, länger als die Karenzzeit daheim zu bleiben. Gut ausgebildete Frauen sind dabei auch selbstbewusst genug, um ein paar Jahre damit zu kokettieren, „nur Hausfrau“ zu sein. Bei Bedarf können sie ja auf einen alternativen Lebensentwurf zurückgreifen. Im Gegensatz zu den vielen schlecht ausgebildeten Frauen, die sich in Kinder statt Karriere flüchten, nie den Einstieg ins Arbeitsleben schaffen und irgendwann in einer Armutsspirale hängen bleiben. Auch sie sind Hausfrauen, allerdings offenbar nicht ganz so interessante.

Ein bestimmender Faktor ist das Alter der Kinder. Je größer sie werden, umso weniger werden die Hausfrauen. Das zeigt sich auch in der Erwerbsquote in Österreich. Im Jahr 2011 lag diese bei Frauen mit einem Kind unter drei Jahren bei 33,4 Prozent. Bei Frauen mit einem Kind zwischen drei und sechs Jahren war sie mit 72,8 Prozent bereits mehr als doppelt so hoch. „Mit Schulkindern hat man so viel Zeit, so viel putzen und wischen kann man gar nicht“, meint Martina Gürtlschmidt. Auch ihr wird mittlerweile „ein bisschen fad“, die Lust, wieder in den Arbeitsprozess einzusteigen, wächst.

Mehr Unternehmerinnen

Diese Rückkehr ist allerdings oft gar nicht so leicht. Deshalb wählen immer mehr Frauen eine dritte Alternative, mit der sie unabhängig am öffentlichen Arbeitsleben teilnehmen können: Sie machen sich selbstständig. Der Anteil der Unternehmensgründerinnen in Wien ist in den letzten zehn Jahren von 33 auf 39 Prozent gestiegen. Und das spricht wohl eher dagegen, dass es die Frauen wieder zurück an den Herd zieht. Sondern eher für die Suche nach flexiblen Lebensmustern, mit denen sich Beruf und Kinder besser vereinen lassen. Einer davon ist Hausfrau.


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