Ferrari sind was für alte Langweiler, in Porsches sitzen reiche Schnösel mit Barbour-Jacken – wegen dieser Autos zücken die Kids von heute keine Handykamera. Anders der GT-R, der ist ein Held. Wer ihn an der Zapfsäule abstellt, hat neue Freunde, bevor der Tank voll ist.
In der virtuellen Garage der globalen Dorfjugend hat dieser Nissan spätestens seit „Need for Speed“ auf der Playstation und den „Fast and Furious“-Spektakeln im Cineplexx einen Fixplatz, wenn die Marke sonst schon nicht viel hergibt.
Der Mythos der drei Buchstaben reicht viele Jahre zurück, als eine Rebellenfraktion bei Nissan begann, den unverdächtigen Skyline zu einem Porsche-Schreck aufzumöbeln. Mehr noch als Importware waren dies die heißesten Autos für illegale Nachtrennen in Tokio. Nach Europa kamen nur wenige Exemplare als Grauimporte.
Seines Wirtskörpers Skyline hat sich der GT-R entledigt, der aktuelle basiert nicht auf einem braven Viertürer, sondern ist eine Neukonstruktion ohne Kompromisse.

Und auch wieder nicht, denn in dieses Auto, das auf der Nürburgring-Nordschleife sowohl Porsche GT3 als auch Ferrari 430 Scuderia blamiert hat (Rundenzeit: 7,38 min), kann man ohne Verrenkungen einsteigen, zur Not zwei Personen auf den Rücksitzen kauern lassen und ernsthaftes Reisegepäck im Kofferraum unterbringen. Wie dieser Spagat gelingen kann, muss zunächst ein Rätsel bleiben.
Ein animierter Roboter
Zum Design nur die Worte seines Schöpfers Shiro Nakamura: „Es ist eindeutig kein italienischer, deutscher oder amerikanischer Wagen – sondern klar made in Japan. Sehr mechanisch, wie ein animierter Roboter. Fast scheint es, als könnte man mit dem Auto ein Videospiel bestreiten.“
So ist auch ein Startknopf zu drücken, um den Sechszylinder aufzuwecken. Der V-Motor mit 3,8 Liter Hubraum veranstaltet beim Warmhusten keinen großen Krawall. Das Doppelkupplungsgetriebe bietet einen Automatikmodus, in dem man sich behutsam durch die sechs Gänge tragen lässt, jedenfalls, solange das Display kaltes Motor- und Getriebeöl anzeigt. Überhaupt lassen sich alle Befindlichkeiten des Autos grafisch hübsch darstellen, von Temperaturen, Gas- und Bremseneinsatz über Getriebeöl- und Ladedruck, Drehmomentverteilung bis zu vertikalen und lateralen Fliehkräften.
Dass es im GT-R nie langweilig wird, liegt aber wesentlich an den zwei Turboladern, die blitzartig angreifen und alles Playstation-Feeling mit der sehr physischen Realität eines bombastischen Supercars aufdoppeln. Kein Ringen um Grip hemmt den Katapultstart, der Druck der Beschleunigung hält (durch Gangwechsel ohne Zugkraftunterbrechung) länger an als bis zur nächsten Kurve.
Das gilt auch auf kalter und sogar nasser Fahrbahn, Verdienst eines äußerst raffinierten Allradantriebs. In Sekundenbruchteilen wird die Kraft über Differenziale an die richtigen Enden geschaufelt, die Elektronik gleicht dabei, neben den üblichen Parametern, auch den Lenkwinkel mit der Gierrate und den gemessenen Fliehkräften ab, mit anderen Worten: Es geht stets auf dem kürzestmöglichen Weg dorthin, wo es der Fahrer gern hätte, und zwar schon an der Grenze zur Deppensicherheit.
Die Traktion ist es auch, die den GT-R trotz seines Gewichts in Rekordzeiten um die Strecken treibt. In der Praxis bleibt damit weniger ein Spaßauto für den lustigen Drift als die Ernsthaftigkeit eines Rennwagens. Nicht „Tokyo Drift“, aber trotzdem großes Kino.
