Bad Goisern. Die „Ewige Wand“ hat alle Eigenschaften einer Schlüsselstelle: Sie liegt exponiert. Sie ist so schmal, dass es fast kein aneinander Vorbeikommen gibt. Sie öffnet sich wie eine Bühne, oder besser gesagt: wie ein Galerie, eine Empore. Die Ewige Wand ist nämlich ein langer, 1955 kühn aus dem Fels herausgesprengter Trail, neben dem es senkrecht so viele Meter hinunter wie hinauf geht. Auf dieser Etappe haben schon einige der 4000 Teilnehmer der Salzkammergut-Trophy, einem der härtesten Mountainbike-Rennen in den Alpen, Zeit oder Nerven liegen lassen. Man zeigt dieses Stück gern in der Sportberichterstattung, weil es so schneidig aussieht, wenn sich Athleten Verfolgungsjagden mitten im Felsen liefern.
Wie fühlt sich nun der nicht allzu mutige Freizeitradfahrer, der das erste Mal am Einstieg dieses außergewöhnlichen Streckenabschnitts steht? Die Höhenangst, die hier aufkommen könnte, wird von einem stabilen Zaun gleich einmal in Schach gehalten. Erste Meter ist man dazu geneigt, das Fahrrad noch vorsichtig zu schieben, das Bike an der Außenseite. Doch bald steigt man wieder auf und tritt langsam auf den Tunnel zu. Dahinter befindet sich noch einmal ein kürzeres ausgesetztes Stück. Nur ein paar Meter noch, dann ist wieder der Wald erreicht. Richtig mutig ist der Ottonormalbiker geworden – er parkt sich lässig am Zaun ein und macht ein paar Fotos von der Landschaft. Prächtig ist es hier: Da ruht tiefblau der Hallstättersee, dort drüben thront der Dachstein – ein UNESCO-Welterbe.
„Grüß Gott“, sagt der Kletterer und überholt den Biker mit links. Die Ewige Wand ist nämlich nicht nur in der Horizontalen, sondern auch in der Vertikalen erschlossen. 1998 wurde hier ein Klettersteig angelegt, mit Trittstiften und Stahlseil versehen. An vielen Stellen ist die Wand leicht überhängend, mitunter weist sie die Schwierigkeitsstufe C oder D auf. Diese Etappe ist die schwierigste auf den Predigtstuhl (1278 m) und Teil des Goiserer Höhenwegs, den einige für den schönsten Wanderweg des Salzkammerguts halten.
Der Start zu vielen großartigen Radtouren im Toten Gebirge erfolgt in Bad Goisern. Der traditionsreiche Ort hat sich zum Mountainbike-Zentrum im ohnehin radlastigen Salzkammergut entwickelt (rund um den Fuschlsee konzentrieren sich etwa die Rennradler). Wirte und Beherberger sind auf die Sportler eingestellt, mancher Shop erweist sich besser sortiert als in der Großstadt. Man kann sich moderne E-Bikes ausborgen und wird auch immer wieder eine Akku-Ladestation finden. Wann immer man ein Bike-Taxi braucht, das einen, müde geworden, aufsammelt – bald ist eines da.
Hochkalorisch einkehren
Anfangs folgt man unangestrengt dem Lauf einer glasklaren Traun, nach wenigen Kilometern biegt man ab, nimmt die erste von vielen Kehren. Hier wäre für die weniger Trainierten aus gruppendynamischen Gründen spätestens der Punkt erreicht, um auf ein E-Mountainbike umzusteigen. Denn gestählte Mountainbiker, wie sie in der Gegend gehäuft anzutreffen sind, warten nicht lange auf die Nachhut. Die Routen sind schließlich ausgiebig, auch was die Möglichkeiten zur Einkehr in Hütten und Gasthäusern anbelangt: Etwa die „Blaa-Almrunde“, die 49 Kilometer ins Ausseerland führt – und eben auch bei den Knödeln der besagten Alm vorbei. Oder die „Kaiser-Tour“, bei der man sich über viele Höhenmeter in den Nachbarort Bad Ischl (37 km) vorarbeitet und vielleicht die Gelegenheit nutzt, Substanzverlust mit k.u.k. Konditorwaren zu kompensieren. Die stark Motivierten nehmen sich die „WM-Strecke“ vor, eine 80-Kilometer-Runde, die sie ab Bad Goisern über Berge, Täler und Almen leitet. Inklusive einem Stopp bei der Halleralm – auf hunderte Kalorien Holzknechtnocken mit Apfelmus oder Sauerkraut. Die karstigen, steilen, aber nicht sehr hohen Berge des Toten Gebirges schenken einem ja nichts. Es gibt wenig Marscherleichterung durch sanfte Anstiege, sondern vielmehr steile Serpentinen. Und nicht immer geht es auf Forstwegen und Schotterstraßen dahin, sondern auf Singletrails neben abschüssigem Gelände.
Die größte Herausforderung für den Mountainbiker im Salzkammergut ist aber die „Dachsteinrunde“, die den mächtigen Gebirgsstock quasi umkreist und so das innere Salzkammergut mit Hallstatt und Gosau, das Ausseerland, Ramsau und das Ennstal passiert. Diese 192 Kilometer und 4900 Höhenmeter lassen sich in vier Tagesetappen bewältigen, auch der Mountainbike-Laie schafft das, denn es gibt diese Tour wiederum in drei Varianten. Je nach Schwierigkeitsgrad (blau, rot und schwarz auf der Karte) macht sie wilde, steile Schleifen, sodass der Sportler seine Dachsteinumrundung bis auf 7800 Höhenmeter steigern kann. Immer wieder treffen die Varianten zusammen, sodass sich eine konditionell gemischte Truppe aufteilen und abends an einem bestimmten Ort wieder zusammentreffen kann.
Es kann aber auch interessant sein, sich für diese Tour mehr Zeit zu lassen, weil viele Stellen im Salzkammergut viel zu schön, zu intakt oder zu idyllisch sind, um an ihnen mit dem Bike vorbeizureiten. Manchmal werden sie „Glücksplätze“ – ein Stein am Ufer, ein Bankerl im Laubwald, eine Quelle, eine Kapelle.
