Beinahe hätte Adolf Hitler am 4. Juni 1942 in der finnischen Stadt Imatra sein verdientes vorzeitiges Ende gefunden. Einen Staatsbesuch bei seinen nördlichen Verbündeten im Krieg gegen die Sowjetunion hatte sich Hitler vorgenommen. Dem Präsidenten und Oberbefehlshaber Carl Gustaf Emil Mannerheim wollte er persönlich zum 75. Geburtstag gratulieren und so das nicht ganz reibungslose Bündnis stärken. „Wetter und Sichtverhältnisse waren schlecht. Beinahe wäre die Focke-Wulf Condor mit Hitler an Bord in den Fabriksschlot der Stora-Enso-Papier- und Kartonagenwerke gekracht“, erzählt Airi Valtonen, früher Lehrerin und jetzt Fremdenführerin in der von Industrie und Tourismus geprägten Kleinstadt. „Der Pilot konnte den Crash gerade noch verhindern, und so landete Hitler unversehrt auf dem Immola-Flughafen, wo ihn Mannerheim schon mit säuerlicher Miene erwartete.“
Finnland war kein Verbündeter des Dritten Reichs aus faschistischer Überzeugung heraus, sondern hatte sich von dem Waffengang die Rückeroberung der im Winterkrieg 1939 an Stalin verlorenen Gebiete versprochen. Noch im Sommer 1944 spielte die südkarelische Stadt eine Rolle im Zweiten Weltkrieg, als ein Gefechtsverband der deutschen Luftwaffe von hier Angriffe auf sowjetische Ziele flog. Bloß ein Gedenkstein erinnert an die kriegerische Episode. Heute ist der Flugplatz in den Händen von Amateur- und Segelfliegern, die zu Rundflügen über die ausgedehnte Saimaa-Seenplatte starten – ein Naturparadies aus Seen und Wald, gesprenkelt mit einer Unzahl von Inseln und Halbinseln, Buchten und offenen Wasserflächen.
Zarenvisite
Der Name Imatra war indes schon seit dem 18.Jahrhundert über die Grenzen Finnlands hinaus bekannt. Er steht für die älteste touristische Sehenswürdigkeit des Landes, den Imatrankoski, einen reißenden Wasserfall, der mitten in der Stadt durch eine 500 Meter lange, enge Granitschlucht tost und dabei einen Höhenunterschied von mehr als 18 Meter bewältigt. Katharina die Große schaute 1772 in Imatra vorbei (das seit dem russischen Sieg gegen Schweden 1743 zum Zarenreich gehörte). Ein Jahrhundert später ließ es sich noch ein anderer Kaiser nicht nehmen, den Imatrankoski in Augenschein zu nehmen: Dom Pedro II. von Brasilien. Mit einem Graffito hat er sich in Imatra verewigt, auf einem der Felsen im Kronenpark entlang des Ufers der Schlucht, den Zar Nikolai I. 1842 hatte anlegen lassen. Von dort aus kann man das gischtende Wasser gut sehen und hören.
Die meisten Graffiti sind in kyrillischen Buchstaben, denn Imatra, bis zur Unabhängigkeit Finnlands 1917 russisches Hoheitsgebiet, war um die Jahrhundertwende (und ist heute wieder) ein beliebtes Ausflugsziel der Sankt Petersburger Oberschicht. Kaum 200 Kilometer ist die damalige Hauptstadt Russlands entfernt, näher als Helsinki, auch die Eröffnung einer Bahnlinie 1892 machte die Anreise leicht. Ein Luxushotel kam 1903 dazu, von dessen oberen Etagen man nicht nur einen Blick auf den Imatrafall hat, sondern das auch eine touristische Attraktion für sich darstellt – das Staatshotel oder „Valtionhotelli“, im damals modernen nationalromantischen Stil erbaut, der finnischen Variante des Jugendstils. Mit seinen Türmen, Erkern und Fassadendekor wirkt es eher wie ein Märchenschloss. Das nationalromantische Gesamtkunstwerk setzt sich stilgerecht im Inneren des Grandhotels fort, vom Restaurant bis in die Zimmer. Unschwer kann man sich vorstellen, wie einander hier einst russische Adelige, Künstler und Staatsmänner die Klinke in die Hand gaben. Und Selbstmörder.
Wasserfallfinsternis
„Im Finnischen haben wir die Redewendung ,Einmal einfach nach Imatra‘, wenn jemand seinem Leben auf aufsehenerregende Weise ein Ende setzen will“, gibt Airi Valtonen einen dunklen Aspekt der finnischen Seele preis. Finnland hat eine der höchsten Selbstmordraten Europas; an die 200 Menschen wählten bis dato den Tod im Mahlstrom des Imatrankoski. Das bescherte dem Schlosshotel sogar ein veritables Schlossgespenst: Eine „graue Frau“ soll durch das verwinkelte Gebäude spuken.
Wer heute nach Imatra kommt und die Stromschnellen sehen will und dies zur falschen Uhr- oder Jahreszeit tut, wird allerdings enttäuscht sein: Von der Bogenbrücke über den Fluss Vuoksi, der vom finnischen Saimaasee zum russischen Ladogasee 162 Kilometer zurücklegt, ist bloß ein trockenes Flussbett voll grauen Felsgesteins zu sehen. „Unser Wasserfall wird täglich einmal angeschaltet, für jeweils 20 Minuten, von Mitte Juni bis Mitte August“, schmunzelt Airi. 1929 wurde nämlich eine Staumauer errichtet, für das bislang leistungsfähigste finnische Wasserkraftwerk, und der Vuoksi links der Schlucht umgeleitet. Trotzdem: „Normalerweise gibt es so viel Wasser, dass die Kraftwerksbetreiber die Schleusen permanent geöffnet lassen könnten, ohne dass die Stromgewinnung beeinträchtigt würde. Aber die 20 Minuten Wasserfall pro Tag lassen sie sich gut bezahlen: 3000 Euro muss die Stadt jedesmal hinblättern!
20 Minuten, die intensiv genutzt werden: Mehr als tausend Zuschauer versammeln sich vor Beginn der Stromschnellenshow im Park und auf der Brücke, und ein örtlicher Flying-Fox-Anbieter legt abenteuerlustigen Zeitgenossen das Sitzgeschirr an, um diese im entscheidenden Augenblick über die tosende Schlucht zu schwingen. In drei Varianten: aufrecht, kopfüber oder in der Horizontalen quasi als Superman. Alle paar Jahre trauen sich auch Seiltänzer über den schäumenden Wasserfall. Eine Riesenfontäne mit Musikuntermalung: Sobald die Schleusentore geöffnet werden, ertönt aus Lautsprechern eine Orchesterdichtung von Jean Sibelius mit dem Titel „Es kocht der Strom“. 20 Minuten füllt das Musikstück nicht, und so folgt auch noch Bombastic-Rock der finnischen Bands Darude und Nightwish.
