Donnerstagabend, 18Uhr, und die Eni-Tankstelle in Pernitz, einer kleinen Gemeinde in Niederösterreich, wird langsam voll. Alle zehn Minuten geht die Tür auf und ein neuer Besucher kommt herein. Arbeitskleidung, große Hände, manche haben müde Gesichter. Die Männer lehnen sich an die Bar, bestellen Bier, Spritzer-Rot, Spritzer-Weiß, und tritt ein neuer Gast ein, wird der manchmal so freudig begrüßt, als käme er zum Stammtisch ins Dorfwirtshaus und nicht auf die kleine Tankstelle am Rande der Bundesstraße.
Was nicht weiter verwunderlich ist. In vielen Orten hat die Tankstelle längst die Funktion eines Dorfwirtshauses übernommen. „Hier gibt es einfach viel zu sehen. Die Leute wechseln ständig“, sagt ein Besucher, Arbeiter im Ort und seit Jahrzehnten Stammgast in der kleinen Eni-Tankstelle. Zwei bis drei Mal die Woche kommen er und seine Freunde in das renovierte Gebäude, das von Heidemarie Muhr und ihrem Mann seit 17 Jahren geführt wird. „Manche Kunden sind zwei bis drei Mal am Tag da. Trinken am Vormittag ihren Kaffee und am Abend ihr Bier“, sagt Muhr, die mit ihren blonden Haaren und der Pagenfrisur von einigen Herren im Raum gerne als „fesche Chefin“ beschrieben wird.
Auch Herbert Schrenk findet regelmäßig seinen Weg in die Tankstelle im Ort. Das Wirtshaus gegenüber, das hat er bis heute vielleicht „ein paar Mal“ besucht. Warum? Das beantworten die umstehenden Gäste schnell. „Da sind komische Leute dort“, sagt ein Gast. Andere schimpfen über die Ausländer im Ort und nehmen sich sogleich zurück, weil so verallgemeinern könne man das dann auch wieder nicht. „Es ist halt immer ungezwungen auf der Tankstelle“, sagt ein Gast. Schrenk selbst gefällt, dass er hier zu jeder Tageszeit Leute trifft, die er kennt.
Frühe Sperrstund. Frauen sind aber nur selten dabei. „Wir haben eh die fesche Chefin“, sagt ein Stammgast. Großes Gelächter. Die „Chefin“ lächelt mit. Probleme, sagt sie, hätte es nie gegeben. Vielleicht auch, weil es entgegen von Dorfwirtshäusern kaum lange Öffnungszeiten gibt. Die Eni-Tankstelle sperrt um Punkt 22 Uhr zu. Da sind zwar einige der Gäste schon heiter, aber nicht heillos besoffen.
Die kurzen Öffnungszeiten sind auch der Grund, warum es den Bautechniker Erich B. aus Wiener Neustadt regelmäßig auf die Diskont-Tankstelle Hütterer in der kleinen Gemeinde Oed verschlägt. Zwei bis drei Mal die Woche bleibt er nach der Arbeit vor dem gelben Gebäude stehen. Oft warten dann schon seine beiden Freunde Franz und Josef auf ihn. „Ich geh auf die Tankstelle, weil sie um sieben Uhr zusperrt. Da kann ich nicht versumpern“, sagt Erich, während er sich einen Spritzer und eine Wurstsemmel bestellt. Ein regelmäßiger Besuch im Wirtshaus in der Nähe? Nein, das möchte er nicht. Und auch sonst findet er die Tankstelle ziemlich praktisch. „Schauen Sie sich um“, sagt er und deutet auf die Zahnpastatuben hinter ihm. „Da kann ich auch gleich noch einkaufen gehen.“ Tanken muss er sowieso.
Stammkunden fürs Überleben. Tatsächlich sind die Stammgäste für ländliche Tankstellen ziemlich wichtig, sichern sie doch ihr Überleben. 90 Prozent ihres Umsatzes, schätzt Heidemarie Muhr, macht sie durch Stammgäste. Tanken, Lebensmittel verkaufen, Spritzer, Bier und Leberkässemmeln bereitstellen.
„Wir sind ja hier keine Durchzugsstraße.“ So etwas wie Laufkundschaft gibt es hier nicht.
Auch die Diskonttankstelle im nahen Oed lebt von ihren regelmäßigen Gästen. Die sind allerdings in den vergangenen Jahren weniger geworden. Schuld daran ist das Rauchverbot in Tankstellen-Shops. Als das gekommen ist, seien viele Gäste dauerhaft gegangen, sagt Tankstellenmitarbeiter Josef Schubert. Ein eigenes Raucherkammerl gibt es hier nämlich nicht. „Und draußen rauchen, wer macht das schon?“
Auch in der Eni-Tankstelle war das Rauchen eine Zeit lang ein Thema. Weil sie ihre Gäste nicht verlieren wollten, haben Heidemarie Muhr und ihr Mann ein eigenes Raucherkammerl eingerichtet. Jetzt wird zwar der alten Zeit – dem „kuscheligen Kammerl“ vor dem Rauchverbot und vor der Renovierung – nachgetrauert, die neue Infrastruktur (moderne Theke, ein paar Tische) aber anstandslos angenommen. Dass sie ihre Stammkunden deswegen an Dorfwirtshäuser verlieren könnte, davor fürchtet sich Heidemarie Muhr nicht. Sie glaubt ohnehin, dass Wirtshäuser das Flair von Tankstellen nicht wettmachen können. „Hier kommen und gehen die Leute. Bei uns ist halt ständig was los.“