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Pleiteinsel: Island besser heute als morgen

21.03.2009 | 16:43 | von Andrea Yvonne Leber (Die Presse)

Island hat bisher meist ein Mordsloch in die Reisekasse gebrannt. Das ist jetzt anders, speziell bei den Nebenkosten.

Aufgebracht waren sie. Die Regierung inkompetent, das Land am Abgrund, und die Ersparnisse nicht mehr sicher. Die Isländer schritten zur Tat und stürzten ihre Regierung, die in einem alten Steingebäude in Reykjavík sitzt und noch immer Alþingi heißt – wie bereits im Jahr 930 nach Christus, als die ersten Siedler dem Land eine frühzeitliche Version von Recht und Ordnung auferlegten, das älteste noch aktive Parlament gründeten, und man unter freiem Himmel debattierte.

Doch auch wenn die Zeitungen voll des Zorns sind, spüren die Besucher davon nichts. Die Freundlichkeit der Isländer gegenüber Fremden könnte in keinem größeren Gegensatz zur rauhen Natur stehen. Gastfreundlichkeit wird großgeschrieben, und gerade jetzt, nachdem viele der Inselbewohner ihre Felle haben davonschwimmen sehen, sind Besucher mehr denn je willkommen.

Isländer sparen, und Geheimtipps, wo es das billigste Bier gibt, werden heiß gehandelt. Haukur S. Magnússon, Werbegrafiker in der Inselmetropole, zieht das Belly’s of Hafnarstræti vor, „nicht Reykjavíks schönste Bar, aber mit dem preiswertesten Bier“, sagt er. „Die meisten verlangen 750 Kronen für ein Pint, bei Belly’s zahlt man aber nur 450.“ Übersetzt bedeutet das: ein Pint für rund drei Euro. Im Vorjahr hätte man noch mehr als das Doppelte gezahlt – und die Preise fallen weiter.

Ein Tipp, den fast alle Isländer beherzigen: „Spirituosen unbedingt am Flughafen im Duty-Free-Laden kaufen. Billiger wird es nicht mehr“, versichert man den Touristen, die seit dem Herbst immer zahlreicher kommen. Noch wenig auch als Winterreiseziel bekannt, etwa für Snowmobil- oder Hundeschlittentouren, profitiert das Land, in dem 320.000 Einwohner auf 80.000 Islandpferde kommen, vom warmen Golfstrom, der für angenehme Temperaturen sorgt. Trotz der Nähe zum Pol bleiben die Küsten auch im Winter eisfrei.

Reykjavík, die nördlichste Hauptstadt der Welt, deren Name rauchende Bucht heißt, eignet sich hervorragend als Ausgangspunkt, um die Insel zu erkunden. In der Minimetropole protzen Wolkenkratzer neben kleinen, traditionellen Holzhäusern in den quietschigen Grundfarben Blau, Gelb, Rot – angelehnt an die alte Tradition, Behausungen mangels Baumaterial aus angeschwemmten Hölzern zu errichten.  

Der Strokkur speit verlässlich

Reykjavík lohnt einen Mindestaufenthalt von zwei und mehr Tagen. Das Nachtleben ist bunt, extrem
lebendig und dank der Krise der Hauptposten eines etwaigen Sparprogramms für Island-Touristen – siehe Bierpreise. Danach wandert man über ausgedehnte Gletscher, klettert zur Quelle majestätischer Flüsse und bewundert die Geysire.  Wasser ist in dem geologisch noch jungen Land das Schlüsselelement – ob gefroren, als Wasserfall, aus dem Erdinneren verdampfend oder als Geysir in die Luft schießend.

Das Wort Geysir ist isländisch – der Mensch sah erstmals auf Island heißes Wasser rhythmisch aus dem Boden schießen. Der beliebteste Geysir Islands ist der „Strokkur“, der „verlässlichste der Welt“. Und wirklich, etwa alle fünf Minuten schießt eine Wasserfontäne in den Himmel, angekündigt von ungeduldigem Blubbern und Blasenbildung an der Oberfläche. So unwirklich, dass es fast wie bestellt wirkt.

Umsonst dazu gibt es den allgegenwärtigen Schwefelgeruch, der einen auch unter der Dusche und am Waschbecken begrüßt, eindrucksvoll unterstreichend, welche unterirdischen Energien auf der Insel walten – mehr natürliche Energie, als das kleine Land jemals selbst verbrauchen könnte.
Auf Island herrscht noch die Natur, die das Innere der Insel ganz für sich alleine beanspruchen kann. Niemand wohnt hier, Sandfelder, Vulkane und Gletscher prägen das Bild. Noch bis ins späte 18. Jahrhundert unerforscht, dachte man einst, dies sei die Heimat der Trolle, die hin und wieder grummelten, rumorten, rauchten und Feuer spuckten.
In dem geologisch und vulkanisch höchst aktiven Land, in dem alle vier Wochen die Erde bebt und alle vier Jahre ein Vulkan ausbricht, leben die Einwohner in erstaunlichem Einklang mit der Natur.

Die Straßen außerhalb der Städte sind nachts nicht beleuchtet, was aber niemand als Sicherheitsrisiko betrachtet. Rechts und links der Landstraßen Lava, die vor mehreren tausend Jahren erkaltet ist. An manchen Stellen ist diese Unwirklichkeit so frappant, dass man glaubt, auf dem Mond zu sein. Oder einem anderen Planeten.

Die Sterne waren nie klarer, und die absolute Schwärze um sie herum, die man in den Industrieländern wegen der Luftverschmutzung nicht mehr sieht, saugt den Blick nach oben. Besonders  beim Warten auf die Nordlichter. Stockdunkel, färbt sich nach geraumer Zeit der Himmel grau, gefolgt von silbernen Streifen, die in ein leuchtendes Blau und Grün übergehen. Ein erhabener Moment, in dem man sich wieder – oder überhaupt erstmals – als Teil der Natur fühlen kann, wie es kaum wo in Europa möglich ist.

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