Was in den letzten zwölf Monaten geschah, war der Epilog eines unglaublichen
isländischen Märchens. Zunächst schien die Geschichte von Arbeitskraft und Leistung zu handeln, doch im Prinzip ging es um Skrupellosigkeit und Überheblichkeit.
Der Zusammenbruch wurzelte im Wirtschaftswunder. Im Jahrzehnt vor dem 6. Oktober 2008 florierte das Land – eine schamlose Hochkonjunktur herrschte, wie man sie nie zuvor erlebt hatte. Im ganzen Land wurden gigantische Monsterprojekte realisiert, sämtliche Branchen boomten, und isländische Banken begannen damit, dänische Hotels und englische Firmen aufzukaufen. Island war laut OSZE-Statistiken plötzlich das zweitreichste Land der Erde – es schien, dieses Weihnachten würde nie zu Ende gehen. Wie ist dieses Wunder möglich?, fragten vereinzelte Skeptiker. Weil wir dynamisch, schlau und fleißig sind!, hieß die Antwort. In Reykjavík baute man Häuser wie die Weltmeister – heute fragt sich jeder: Wer soll darin wohnen?
Das Märchenland war ein Riesenprojekt auf Pump. Durch die überhitzte Wirtschaft war die Isländische Krone jahrelang unverschämt stark – die Maschinerie lief, Fremdwährungskredite waren günstig zu kriegen. Leider existierte der Großteil des Geldes nur auf dem Papier und in den Köpfen.
Das ging gut, so lange auf dem internationalen Markt Geld floss. Im Zuge der USA-Krise stellte sich heraus, dass die isländischen Banken kaum über Eigenkapital verfügten. Im Sommer 2008 war es so weit – Kredite wurden fällig, die erste der drei großen Staatsbanken krachte. Am 6. Oktober fielen auch die beiden anderen.
Alle warteten an diesem Tag gespannt auf die Rede des Ministerpräsidenten zur Lage der
Nation. Er sagte, der Staat würde die Banken per Notgesetzgebung übernehmen, die Sparguthaben seien gesichert. „Gott segne Island!“, waren die letzten Worte des Ministerpräsidenten, und die Isländer kriegten Gänsehaut, denn was hatte Gott plötzlich damit zu tun? Letztlich erwies sich, dass die Steuerzahler den Mist auf sich nehmen mussten. Eine Art Revolution brach los, eine Serie von Samstagskundgebungen, in denen die Demonstranten Milchpackungen auf das Parlament warfen und auf Kochtöpfen trommelten – bis die Regierung zurücktrat.
In Boomzeiten lag der Wechselkurs der Isländischen Krone zum Euro bei 1:80, auf dem Höhepunkt der Krise betrug er 1:220. Die Arbeitslosigkeit stieg von null auf 14 Prozent. Aber nicht nur Besucher profitieren – Island wurde billig –, sondern der ganze Tourismus.
Von den Einheimischen fuhr 2009 niemand ins Ausland: zu teuer. Dafür platzen die Hotels und Apartments aus allen Nähten, denn die Isländer begannen, ihr eigenes Land zu entdecken. Im Schatten der Krise erholten sich auch andere Wirtschaftszweige. Erstmals seit langer Zeit schoss Island dieses Jahr wieder 90 Finnwale. Was früher zu einem weltweiten Aufschrei geführt hätte, und zu Protestaktionen von Greenpeace, schert in diesem wahren Märchen keinen.

diepresse.com
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Amanshausers Welt: 156 Island
23.09.2009 | 15:41 | von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)
Es ist die Insel der Sagen und der Märchen. Die wahrste Geschichte handelt aber vom Wirtschaftsbankrott und der Revolution der Kochtöpfe.
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