Sie laufen über Wiesen wie blütenweiße Wäsche. Und wären die Gänse nicht, es wäre ganz still hier, da der Granit allem Lärm entgegensteht und der Waldviertler auch nicht gerade als redselig gilt. So machen hinter Rapottenstein nur die Gänse gehörig Lärm, speziell dann, wenn sich Fremde dem Dorf nähern. Denn die Gans ist der bessere Wachhund. Beim Landwirt Josef Hackl leben 160 Weidegänse auf den Wiesen rund ums Haus, der Hofhund liegt vor der Tür und rührt kein Ohrwaschel.
Ihre Wachsamkeit und Schönheit schätzte man schon im Altertum. Bei Homer hält Penelope 20 Gänse in ihrer Wohnung, nicht im Stall, was folgern lässt, dass das Federvieh die Königin beschützte. In der römischen Antike wird die Gans der Göttin der Ehe, Juno, zugeschrieben, wohl weil die Graugans ein beispielhaft monogames und treues Familienleben führt. Das tut die Hausgans allerdings nicht mehr.
In der Legende veranstalteten die Gänse ein Mordsgeschrei, als der designierte Bischof von Tours sich in ihrem Stall versteckte – der bescheidene Mann hielt sich für unwürdig für das Bischofsamt. Der Heilige Martin wird gern mit einer Gans an seiner Seite dargestellt. Er ist Schutzpatron des Burgenlands, geboren 316 n. Chr. in Szombathely/Steinamanger. Alljährlich wird er mit einer Martinigans gefeiert. Wie viele heidnische Bräuche wurde auch das Ganslessen vom Christentum übernommen – die Germanen hatten die Gans zu Ehren des Gottes Thor gefuttert. Und warum wird die Gans im Herbst verzehrt? Gans einfach: Sie ist ein Zugvogel, der vor dem Flug Energie tankt und tüchtig frisst. Ein Gewohnheit, die auch die flugunfähige Hausgans nicht vergessen hat. Die Weidegänse des Nebenerwerblandwirtes Hackl zupfen am Gefieder, schnattern. Das Schnattern umschließt vielerlei Kommunikation. Gänse sind gesellig und leben nicht gern allein. Da sind einmal die ständigen Kontaktlaute, das beständige einander Zurufen. Daneben gibt es Warnrufe.
Glühwein beim Federnschleißen
Viel Zeit und Liebe verwenden Gänse zur Pflege ihres makellosen Gefieders. Die Federn der Hausgänse kamen in die Tuchent. Das Federnschleißen „war a rechtes G'lacht“, erinnert sich Helga Gangl, Altbäuerin aus Apetlon. Die Frauen saßen in der Küche beisammen, um die Federn vom Kiel zu schleißen und ins „Einschiet“ zu füllen. Dabei wurde getratscht und gesungen, dazu gab es Tee, Glühwein und Germstrudel.
Doch zuerst mussten die Fluchttiere eingefangen werden. „Dazu waren wir zu zweit, denn das war nicht leicht“, erzählt Helga Gangl. „Dann wurde der Kopf unter die Kittel gesteckt, die wir damals trugen, die Gans bei den Flügeln und Haxen festgehalten und die Bauchfedern gerupft. Ich glaub, das hat ihr nicht wehgetan, denn die Gans hat stillgehalten.“ Die gerupfte Gans lief dann bis Martini wieder auf die Weide. Nach dem Schlachten wurden die restlichen Federn geschlissen. Eine Tuchent wog bis zu sechs Kilo, war 160 cm breit, dazu gab es drei Kopfpolster. Zwei Jahre dauerte es, bis genug Federn für so eine Aussteuer beieinander waren. Damit die Motten sich nicht in Federn einnisteten, mischten die Frauen Pfeifentabak ins Bettzeug.
„Die Gans gibt Federn, Fleisch und Fett, zwei für den Magen, eins fürs Bett“, sagt ein Sprichwort – nahezu alles wurde verwendet. Das Blut wurde zu Gänseklein verarbeitet, die Sehnen zum Binden von Flachs. Zum Staubwischen nahm man die getrocknete Handschwinge. Die äußersten vier Federn eines Flügels, die Schwungfedern, waren als Schreibfedern begehrt. Dafür brauchen die Gänse nicht gerupft zu werden, da die Gans jedes Frühjahr einen Teil ihrer Federn verliert. Der Gänsekiel ist mit seiner Elastizität und Fließkraft jeder Gold- oder Stahlfeder überlegen.
Jeder Hof hatte mindestens drei Brutgänse und einen Ganter. Die Hausgans lebt im Gegensatz zur Graugans nicht mehr monogam. „Eine Folge der Domestizierung“, erklärt Katharina Hirschenhauser von der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau im Almtal. „Für die in freier Wildbahn lebende Graugans zahlt es sich aus, in eine stabile Partnerschaft zu investieren.“ Es steigert die Überlebenschance. Die umsorgten Hausgänse müssen nur noch ans Fressen und an die Fortpflanzung denken.
So sind die Ganter polygam und leisten sich einen Harem, um ihre Gene möglichst breit zu streuen. Allerdings hilft der Vater bei der Aufzucht und verteidigt alle seine Frauen gegen andere Ganter oder bei Futterstreitigkeiten. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts zählten Gänse zum Dorfbild. Allein im burgenländischen Frauenkirchen waren es 4000. Helga Gangl aus Apetlon: „Die Gänse waren das Taschengeld der Bäuerinnen. Morgens wurde hintaus die Stadltür geöffnet und die Gänse watschelten hinaus zu den Lacken und zum Bach, zu den Obstwiesen oder auf den Anger. Abends kamen sie allein wieder zurück.“ Jede Gans wusste genau, wo sie zu Hause war.
Grauschecken und Lederbraune
Mit dem Trockenlegen von Lacken, der Kanalisation der Bäche, der Umwidmung von Gemeindeweiden in Bauland, mit den Asphaltwüsten auf den Dorfplätzen ist der Lebensraum der Dorfgänse verschwunden. Mit ihnen auch die Vielfalt: Blauschimmel und Gelbschimmel, Grauschecken und Lederbraune. Die Bauern legten Wert darauf, dass sich ihre Herde von den anderen unterschied.
Im Seewinkel widmet sich der Landwirt Erich Stekovics, bekannt für seine Paprika und Paradeiser, der Zucht alte Gänserassen, die im pannonischen Raum heimisch waren. Auf Wiesen unter Maulbeerbäumen und Maschanzka-Apfelbäumen tummeln sich Ungarische Graugans, Bayerische Landgans und Lockengans, die Emeder, die Homscher und die Dipholzer Gans. „Gänse sind ästhetische, charakterstarke Tiere, sie haben Kultur“, sagt der Landwirt. Die verlorenen Geschmäcker Pannoniens aufzuspüren, ist die Philosophie Erich Stekovics'. Dazu gehört auch, dass seine Gänse saftige Kräuter und die Früchte der Bäume fressen. Mit drei Gänsen hat er vor zehn Jahren begonnen, mittlerweile ist es eine Herde von 700 Stück.