diepresse.com

Textversion
Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

Artikel drucken

Thailand/Phuket: Cool bleiben, lächeln und verhandeln

06.11.2009 | 16:12 |  von Rainer heubeck (Die Presse)

Auf Streife zwischen Strand und Partymeile: Ein Schweizer als Volunteer bei der Touristenpolizei auf der Ferieninsel Phuket schlichtet Streitigkeiten zwischen Touristen und Thais.

Als der Tsunami kam, war Max Gmünder gerade aufgestanden. „Ich hatte den Eindruck, dass die Erde schwankt, die Beschäftigten in meinem Beautysalon riefen, das Wasser kommt – dann sind wir alle hinauf aufs Dach“, erinnert sich Max Gmünder.

Eine gute Entscheidung. Denn während sich der Schönheitssalon bis zur Decke mit Wasser füllte und Scheren, Stühle und Massageliegen wild durcheinandergeschwommen sind, blieben Max Gmünder und seine Beschäftigten unversehrt. Nach der Flutwelle hat er seinen Salon im Touristenort Patong auf der thailändischen Ferieninsel Phuket renoviert und neu eröffnet – mittlerweile ist er jedoch samt Geschäft in die Nachbarbucht Kata umgezogen. „Dort verbringen vor allem Familien mit Kindern ihren Urlaub, das ist ein anderes Publikum als in Patong.“

In Patong hat der 60-jährige Schweizer, der lange Jahre für eine große Versicherungsgesellschaft gearbeitet hat, nun aber seit acht Jahren in Thailand lebt, dennoch regelmäßig zu tun. 2005, im Jahr nach dem großen Tsunami, lernte Max Gmünder einen Amerikaner kennen, der auf Phuket als Polizeiausbildner tätig war und ein Freiwilligenprojekt bei der Touristenpolizei mitinitiierte, das auf deutsch-, dänisch- und englischsprachige Volunteers setzt. Diese stehen Urlaubern unbürokratisch zur Seite, helfen bei Problemen und schlichten Streitigkeiten.

Insgesamt zehn internationale Volunteers arbeiten für die Touristenpolizei auf Phuket, ihre Han-dynummern sind an zentralen Stellen in der Stadt plakatiert. Der einzige deutschsprachige unter den überwiegend englischsprachigen Freiwilligen ist Max Gmünder. Finanziell entschädigt wird er für seine Tätigkeit nicht. Die blaue Uniform, die er bei seinen Rundgängen und während des Bürodienstes trägt, hat er selbst bezahlt.

Dennoch ist Max Gmünder gerne Volunteer. Die Streifengänge sind ihm eine willkommene Abwechslung zu seiner Alltagstätigkeit, die vorwiegend aus der Verwaltung des Beautysalons und der Pflege seiner Homepage besteht. Zudem freut es ihn, anderen Menschen helfen zu können.

 

Flanier- und Rotlichtmeile

Die Bangla Road, eine Mischung aus Flanierstraße, Rotlichtviertel und Partymeile, ist das Zentrum des Nachtlebens in Patong. In den Seitenstraßen der Bangla Road, der Soi Eric oder der Soi Gonzo, reiht sich Bar an Bar – und der Alkohol fließt abends in Strömen. Und so manch einer trinkt dabei mehr, als ihm guttut. „Wenn es in den Bars zu Streitigkeiten kommt, hängt das so gut wie immer mit Alkohol zusammen. Manche Leute reagieren aggressiv, wenn sie zu viel getrunken haben. Da muss man dann schauen, dass man einen Weg findet, damit sie sich beruhigen – und damit auch der Barbesitzer oder die -besitzerin zufrieden ist. Meist erledigt sich die Situation, wenn man neutral und ruhig mit den Leuten spricht“, berichtet Max Gmünder, der grundsätzlich nicht allein, sondern immer mit einem Kollegen zusammen auf Streife geht.

„Manche Gäste trinken sehr viel und wollen anschließend nicht bezahlen oder nicht das bezahlen, was gefordert wird, zum Beispiel, weil ihnen Ladydrinks mitaufgeschrieben worden sind“, berichtet Max Gmünder, der in solchen Fällen so zu vermitteln versucht, dass beide Seiten ihr Gesicht wahren können. Ein Großteil der Bars in Patong, so weiß Gmünder, arbeitet ohnehin überaus korrekt.

Doch Touristen, die von Schleppern in einige bestimmte Bars gebracht werden, zahlen dort zuweilen überhöhte Preise. „In Thailand ist es wichtig, in solchen Situationen ruhig zu bleiben und keinesfalls laut oder aggressiv zu werden.“ Richtig brenzlige Situationen hat Max Gmünder bei seinen Einsätzen selten erlebt. „Bisher ist es nur zwei- oder dreimal passiert, dass ich thailändische Polizisten zur Verstärkung holen musste.“ An einen Fall erinnert sich Gmünder besonders gut. An ein Pärchen aus Australien, das hier auf Hochzeitsreise war. „Die beiden waren so betrunken, dass sie aufeinander losgegangen sind und sich geprügelt haben. Ich glaubte zuerst, ich hätte die beiden beruhigen können. Aber kaum hatte ich mich umgedreht, ging die Schlägerei weiter.“

 

Straße der Ladyboys

Eine Seitenstraße, die von der Bangla Road Richtung Norden abzweigt, trägt den Namen Soi Catoye. Sie ist das Revier von Thailands drittem Geschlecht, den Transvestiten, sprich den Ladyboys oder Katoeys. Vielen dieser grell geschminkten und knapp bekleideten Herren sieht man ihr Geschlecht auf den ersten Blick nicht an.

Immer wieder kommt es vor, dass ein Tourist, der sich auf die Suche nach nächtlichen Abenteuern begibt, später eine unliebsame Überraschung erlebt. Auch in solchen Fällen muss Max Gmünder zuweilen vermitteln. „Es kommt immer darauf an, wie ein Tourist in einer solchen Situation reagiert. Wenn man anfängt zu schimpfen und zu schreien, kommt es natürlich zur Konfrontation.“ Ein Dauerproblem, mit dem Gmünder fast jede Woche beim Bürodienst oder den Strandpatrouillen konfrontiert wird, sind vermeintlich beschädigte Jetskis. Am Strand kostet es nicht viel, sich eines der knatternden Wassersportgeräte auszuleihen und sich eine halbe Stunde lang wie Easy Rider auf dem Wasser zu fühlen.

 

No Party am Kata Beach

Doch bei der Rückgabe des Flitzers entdecken die Mitarbeiter des Verleihers sehr häufig kleine Schrammen oder Beulen und beteuern, dass dieser Schaden bislang nicht vorhanden war. „Unlängst bin ich von einem Jetski-Betreiber gerufen worden, weil drei Australier eine kleine Beschädigung am Jetski nicht bezahlen wollten. Die Australier sagten, sie waren es nicht, der Besitzer hingegen wollte 30.000 Baht, knapp 600 Euro. Nach einigem Hin und Her haben die Australier 6000 Baht bezahlt, etwa 122 Euro.“ Ein Kompromiss, der sinnvoller erscheint als ein langwieriger Rechtsstreit.

In Zürich, wo Max Gmünder herkommt, war der 60-Jährige schon seit acht Jahren nicht mehr. Das warme Phuket ist im lieber als die kalte Schweiz. „Mir gefällt die Insel sehr gut, die Landschaft, das Meer, das Klima, das Essen, die Menschen. Auf Phuket stimmt die Mischung.“ In Bangkok gefalle es ihm zwar auch, „aber nach drei, vier Tagen habe ich dort genug. Und im Norden Thailands ist es mir zu ruhig, das ist schön für einen Abstecher, aber dann brauche ich wieder etwas anderes“, erklärt Max Gmünder bevor sich auf seinen Motorroller schwingt, und von Patong aus nach Hause fährt, nach Kata, in die Nachbarbucht, weg von Party und Trubel, hin zu den Familienurlaubern.


Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

© DiePresse.com