Knut ist ein Norweger wie aus dem Bilderbuch: zwei Meter, Bürstenschnitt, breite Schultern, Beine wie Baumstämme, statt Händen Tatzen. Knut Westvig ist 52, fit wie ein Eisbär und betreibt eine Agentur in Bodø, sprich Budö, der ersten größeren Stadt Norwegens über dem Polarkreis (66° 34'). Der Profi-Abenteuer mit Ex-Special-Forces-Vergangenheit in der Armee bietet in Bodø Exkursionen aufs Meer und in die Berge an. Kritisch mustert der Hüne die Ausrüstung seiner heutigen Gäste.
Knut ist einiges gewohnt. Der ehemalige „Kämpe“ führt Touristen, die täglich mit einem Hurtigruten-Schiff in Bodø anlegen – darunter viele Pensionisten –, mit seinem Powerboot hinaus auf den Nordatlantik. Meeresrafting heißt das bei Knut. Zum Beispiel zum Saltstraumen, der stärksten Meeresströmung dieses Planeten. Ebbe und Flut pressen das Meer alle sechs Stunden mit 18 bis 36 Stundenkilometern durch einen 150 Meter breiten Kanal zwischen zwei Fjorden.
Für Freizeitboote ist allein schon die Strömung gefährlich. An der engsten Stelle aber reißen bis zu zehn Meter breite und vier Meter tiefe Strudel alles, was nicht groß und kräftig genug ist, 70 Meter in die Tiefe. Knuts Boot hat natürlich die Power, um die Strudel zu befahren. Am Rand. Das Ding ist ein RIB (Rigid unflatable boat), neun Meter lang, für die Power sorgt ein 250-PS-Yamaha-Außenborder – 35 Knoten Maximalspeed. RIBs sind auch bei der Küstenwache, der Polizei, und – ja, genau – bei den Special Forces im Einsatz.
Voll geil auf Thrills
„Reichen diese Schuhe“, fragt einer der zehn neuen Gäste. „Of course not!“, schnauzt Wikinger Westvig, der die acht Österreicher für Schweizer hält, für 30 Jahre jünger als seine gewöhnliche Kost und für voll geil auf Thrills. „Ziehen Sie alles an, was Sie mithaben. Sie sind hier am Polar!“, befiehlt er. „Der Fahrtwind ist eisig. Das Spritzwasser hat vier Grad.“ Okay, die vermeintlich outdoorgestählten Schweizer zwängen sich in wasserabweisende Ganzkörperkondome und sehen aus wie Bojen mit Skibrillen und vier Stummeln.
Kaum aus dem Hafen heraus, gibt Kurt auf dem windigen Saltsfjord Gas. Der Bug steigt aus dem Wasser – ab geht der Ritt. Die vermeintlichen Schweizer klammern sich an die Rücklehnen der Vordermänner. Die Wellen: lächerlich, höchstens einen Meter hoch. Der Rumpf des RIB knallt auf die Wellen. Kurt fährt gemütlich, vielleicht 40. Wamm! Wamm! Peng! Die Schläge testen die Bandscheiben. Der Wikinger steht hinten und federt die Schläge mit seinen Beinmuskelpaketen ab. Empfehlung für Knuts nächste österreichische Gäste: Das RIB gar nicht erst besteigen, wenn man Rückenpobleme hat. Sonst vordrängen, als Erster einsteigen und hinten niederhocken, wo die Schläge nicht so hart sind. Was bei Untrainierten aber Muskelkater nach sich zieht, wenn nicht Faserrisse, das Rodeo dauert nämlich drei Stunden.
Interessante Stunden: Kurt hat nicht nur Sport studiert, sondern auch die Natur. Vor Bodø bilden die Lofoten einen Schutzwall gegen die Stürme der Nordsee. Die Inseln bestehen aus über 600 Millionen Jahre altem Urgestein, Kurt zeigt den Österreichern noch älteres: urzeitliches, 2,7 Milliarden Jahre altes vulkanisches Erstarrungsgestein auf einer Insel im Fjellvika-Fjord. Die Formen von Porphyr und Gneis, verschlungene schmale Bänder, rostrote, graurosa Schlingen, faszinieren nicht nur Geologen. Wären sie vom Boot aus erreichbar, würden die Österreicher sie anfassen wollen. Nicht greif-, aber sichtbar ist das US-Wappentier, der Weißkopfseeadler. Bodø ist berühmt für die Greife, in keiner anderen Stadt der Welt sieht man so viele Weißkopfseeadler wie hier.
Kurt kennt die Nester, und tatsächlich hockt da eine Weißkopfseeadler-Dame im herbstlich kahlen Geäst. Die Österreicher werden noch mehr Seeadler sehen: kreisend über der kleinen Insel Fjellvika-Fjord; später auf den Lofoten in Svolvaer; und ausgestopft im Luftfahrtmuseum Bodø.
Die 45.000-Einwohner-Stadt beherbergt neben zwei Hochschulen auch einen NATO-Stützpunkt. Das Museum ist der zivilen und militärischen Geschichte der Luftfahrt Norwegens gewidmet. Nicht nur Hardcorefans staunen über 35 zivile und militärische Originale, eine veritable U-2, eine Spitfire oder eine Northrop F5A aus dem Vietnamkrieg. Direktor Sven Scheiderbauer mag Gäste aus Österreich besonders gern, hat er doch im Bregenzerwald familiäre Wurzeln und ein Ferienhaus.
Österreicher suchen auf den Lofoten und den Vesteralen eher die Natur, Märchenlandschaften. Die steile Lofotwand, der Name für die Gesamtheit der mehr als 1000 Meter hohen Berge der Inseln, ragt mit alpin gezackten Gipfeln aus dem Atlantik. Felswände steigen senkrecht aus den Fjorden und strahlen abends bei klarem Himmel in allen Farbtönen zwischen Gelb und Rot.
Im Sommer kommen die Urlauber wegen der Mitternachtssonne und der Strände aus weißem Korallensand. Die Österreichertruppe, untypisch im November auf den Lofoten unterwegs, staunt auf der Insel Flakstadøya über einen dieser Strände bei Ramberg: Auch unter grauem Spätherbsthimmel strahlt das Wasser der Bucht in hellem Türkis. Mit Seefahrt-, Fischer- und Wikingerromantik bedienen die 25.000 Bewohner der fünf großen Lofot-Inseln nicht nur ihre Gäste, sondern auch sich selbst. Aus nostalgischen Gründen. Norwegen ist zwar immer noch eine der großen Fischereinationen. Zwar geht man vor den Lofoten in den Monaten Jänner bis März immer noch auf Kabeljaufang, wenn der Barentsseekabeljau mit sechs, sieben Jahren hier seinen Laich ablegt und ihn mit dem Golfstrom, der die Küsten eisfrei hält, nach Norden treiben lässt. Aber die Bestände sind nicht mehr, was sie waren: 147.000 Tonnen im Rekordjahr 1947. Heute beträgt der Fang etwa 15.000 Tonnen. Beteiligten sich früher 20.000 Fischer aus ganz Norwegen am Kabeljaufang, sind es jetzt nur noch 1500. Freilich genug, um den Fisch luftzutrocknen und als T?rrfisk teuer zu exportieren. 50 Gramm kosten am Flughafen Oslo 4,30 Euro.
Norwegen, um 1900 noch ein Armenhaus, wurde mit dem Offshore-Öl und -Gas sowie Strom aus Wasserkraft zu einer der reichsten Nationen. Im früheren Fischer- und Bauernstaat mit 4,6Millionen Einwohnern hat die Fischerei an Bedeutung verloren. Umso mehr ist Nostalgie angesagt: kein Hafen ohne alte Schiffe und Rorbuer, rostrote Fischerhütten, die entweder mit allem Komfort saniert oder neu errichtet werden. Auch in großen Städten wie Svolvær auf Austvågøya schläft man in Rorbuern auf Stelzen über dem Wasser, die Holzhütten bieten alpine Romantik am Nordatlantik, kombiniert mit jedem Komfort. Durch eine Klappe im Boden hängen Petrijünger ihre Angel durch ein Loch im Eis.
Apropos Fischen: Der Rekord-Seelachs, der im extrem fischreichen Salstraumen an die Angel ging, wog 22,7 Kilo – wahrscheinlich hievte Knut den Lachs für seinen Gast an Bord. Noch mehr Kick im Salstraumen organisiert Knut übrigens für erfahrene Taucher, Special-Force-Seeteufel können alles.
Die Landratten aus Österreich pilgern von einem kulinarischen Abenteuer zum anderen – geräucherter Wal, zarte Rentiermedaillons, deftiger Trockenfischeintopf. Und von einer Bilderbuchsiedlung zur anderen: per Bus auf gewundenen Straßen immer am Wasser entlang, über Brücken und durch Tunnels zwischen den Inseln, an Fjorden, Seen und Seelachs-Aquakulturen vorbei – etwa ins malerische Fischerdorf Henningsvær. 400 Einwohner treffen sich hier in der Konditorei, dem Supermarkt von Brita Malnes, 45. „Ich bin hier geboren und aus Oslo zurück, damit meine Kinder in der Natur aufwachsen.“ Oder beim Lofotmat von Siv-Hilde Lillehaug, die in winzigen Zimmern im ersten Stock ihres Hauses Fischsuppen serviert.
Vollends perfekt das Lofotenidyll dann in Nusfjord, einem 16-Einwohner-Weiler in einem engen Fjord: Rorbuer unter UNESCO-Schutz, Stockfischgestelle, überragt von Felsgiganten. Was fehlt noch im Klischee? Das Nordlicht. Und tatsächlich, es zeigt sich den Österreichern: geisterhaft grünlich schimmernd hinter den Hausbergen von Svolvær. Wie Flutlichtreflexionen aus 20 Fußballstadien hinter den Bergen.
Anreise: Flug nach Oslo, Weiterflug nach Bodø und per Hurtigruten-Fähre auf die Lofoten. Prima Reisen fliegt von Wien direkt nach Bodø. Packages: Lofoten & Vesterålen (Tysfjord, Harstad, Svolvær, Hurtigrute u. v. m., wöchentlich von 12.6. bis 24.7.2010, 1Woche/Flug/Transfer/HP/DZ-Preis p. P. 1589€. Eigener Norwegen-Katalog von Prima Reisen (Favoritenstraße 42, 1040 Wien, Tel. 01/505 02 220, www.primareisen.com). Kneissl Touristik hat die Lofoten in vielen Norwegentrips im Programm (Bäckerstraße 16, 1010 Wien, Tel. 01/512 68 66, www.kneissltouristik.at).