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Kambodscha: Von Tempeln und Totenschädeln

21.11.2009 | 18:47 | von Frederik Jötten (Die Presse)

Einst bauten in Kambodscha mächtige Könige die gewaltige Tempelstadt von Angkor Wat. Heute ist das Land minenverseucht und voller Menschen mit amputierten Gliedern.

Wäre da nicht dieses Lied, nichts würde an dem lauen Abend in der Stadt Siem Reap darauf hindeuten, dass Kambodscha bitterarm ist und es überall Opfer einer grausamen Diktatur gibt. Die Straßen gesäumt von neuen Hotels, die Märkte lebendig, in der Pubstreet sitzen Menschen vor Lokalen. Die Stimmung ist locker, nichts deutet darauf hin, dass in den 70er-Jahren fast jeder vierte Kambodschaner starb – durch den Terror der Roten Khmer.

1975 hatten sich diese Ultrakommunisten an die Macht geputscht. Sie deportierten Städter, Intellektuelle und Kritiker wurden ermordet. 1,7Mio. Menschen starben. Bis heute wurde niemand zur Rechenschaft gezogen. Doch 30 Jahre nach dem Sturz der Roten Khmer bemüht sich ein von der UNO gegründetes Gericht, fünf Mörder zu verurteilen. Im ersten Prozess gegen den Folterknecht Kang Kek Leu, genannt „Duch“, halten Staatsanwaltschaft und Verteidigung ab morgen ihre Schlussplädoyers.


Billy Jean und die Beinprothese. Aber an diesem Abend in Siem Reap gemahnt nur diese Melodie an den Horror. Sie ist leise im Vergleich zu Michael Jacksons „Billy Jean“, das aus einer Bar dröhnt, und etwas schräg klingt. Sechs Männer in roten Hemden sitzen am Boden vor einem Buchladen. Der eine hat eine Flöte, ein anderer schlägt mit Klöppeln auf eine Art Zither. Es könnte irgendeine Band sein – aber wer genau schaut, sieht Leiden und Hoffnung des ganzen Landes.

Neben dem Flötenspieler lehnt eine Unterschenkelprothese, der Zitherspieler hockt auf Beinstümpfen. Sao Saruon lässt die Flöte sinken, Feierabend nach sieben Stunden Straßenmusik. Während alle die Instrumente einpacken, erzählt der 50-Jährige seine Geschichte. 1986 war er Soldat, als er bei einer Patrouille auf eine Mine trat. Er erwachte im Spital, tastete unters Laken – der Unterschenkel war amputiert. Sao zündet sich eine Zigarette an, bläst den Rauch in den Lärm. „Das“, er zeigt dorthin, wo die rechte Wade war, „hat Pol Pot getan.“


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Diktatur der Blutsäufer. Pol Pot war Chef der Roten Khmer. Sie herrschten vier Jahre lang. „Es gab kaum zu essen, wir hatten keinen Reis, nur etwas Suppe“, sagt Sao. Die Khmer wollten aus Kambodscha einen Agrarstaat machen, worauf Hunderttausende verhungerten. Jänner 1979 wurden sie durch Truppen aus Vietnam gestürzt. Danach führten sie bis 1998 einen Guerillakrieg gegen die neue Regierung. Dabei verlor Sao sein Bein. Auch seine Kollegen traten auf Minen, zehn Millionen sind im Land vergraben. Pro Monat explodieren etwa 60.

Um Siem Reap sind die Minen geräumt, in einem Korb vor den Musikern liegen Geldscheine – gespendet von Touristen. „Tourismus ist unsere einzige Chance“, sagt Sao. „Wir müssten sonst betteln.“ Er schnallt die Prothese an und verschwindet im Dunkel.

Eine Million Besucher kam 2008 nach Siem Reap. Vor zehn Jahren hatte die Provinzhauptstadt 18.000 Einwohner, heute 200.000. Dennoch blieb die Atmosphäre angenehm – lebendig, aber nie hektisch. Der Grund für die Blüte liegt fünf Kilometer außerhalb der Stadt: Erst ein 200 Meter breiter Wassergraben, eine Brücke, ein Portal – und dahinter die Türme des Tempels von Angkor Wat. Wie steinerne Blütenknospen ragen sie in den Himmel. Ein Anblick, der bewegt. Schön, groß, einzigartig. Touristen aus aller Welt reisen vor allem deshalb nach Kambodscha.

Mittelaltermegacity im Urwald. Um die Tempel war vom 9. bis 15. Jahrhundert das Zentrum einer Zivilisation, von der Europäer bis ins 19. Jh. nichts wussten. Angkor war wohl die weltgrößte Stadt ihrer Zeit, eine Million Menschen soll hier gelebt haben. Man leitete Wasser über Kanäle in riesige Reservoire. Unter anderem entstand ein See von acht mal zwei Kilometern. Es gab zwei Reisernten im Jahr, im See Tonle Sap wurde gefischt. Weniger Bauern waren nötig, das Volk zu ernähren, das schuf den Reichtum der Könige Angkors. Sie ließen mächtige Tempel bauen – bis das Reich nach 600 Jahren unterging. Warum, ist unklar. Allerdings hatten Thais 1431 Angkor vorübergehend erobert und Bewässerungssysteme zerstört, ohne die die Metropole kaum auskam.

230 Kilometer südlich: Phnom Penh, Hauptstadt, zwei Millionen Menschen, 500.000 Mopeds, ungezählte Autos und wie so oft: Stau. Auf dem Bürgersteig betteln Menschen mit fehlenden Gliedmaßen, Händler schlafen auf dem Boden. Kambodscha ist ärmer als der Sudan; die Khmer warfen es in seiner Entwicklung auf die Stufe null zurück.

Südlich des Zentrums bekommt man einen Eindruck vom Terror. Hier ist die Gedenkstätte Toul Sleng, früher eine Schule, die die Terroristen zum Gefängnis „S-21“ machten. Duch, der vor dem UN-Tribunal steht, war sein Direktor. Man erhielt es weitgehend so, wie vietnamesische Truppen es vorfanden: ein Wellblechzaun, Stacheldraht, dahinter der Betonbau, drei Stockwerke.


Felder voller Leichen. Im Hof steht ein Reck, an dem Kinder turnten, bevor die Roten Khmer kamen. Diese hingen Gefangene kopfüber daran auf, versenkten ihre Oberkörper in Wasserfässer, um Geständnisse zu erzwingen. 13.000 Menschen hausten hier während der Tyrannei. Nachts brachte man sie nach Choeung Ek, bekannt als „Killing Field“, und brachte sie um.

Sicher wird der Leiter von S-21 verurteilt werden. Zwar hat Duch abgestritten, selbst gefoltert oder getötet zu haben, jedoch bekannte er, dafür verantwortlich zu sein. Duch ist mittlerweile Christ und hat die Verwandten der Opfer um Vergebung gebeten. Allerdings sagt er, er habe auf Befehl der Führungsriege gehandelt.

Pol Pot starb 1998. Vier Mitglieder der Führung sind neben Duch angeklagt. Wie lange die um die 80 Jahre alten Leute verhandlungsfähig bleiben, ist unsicher. Die UN brauchte Jahre, bis Kambodschas Regierung dem Tribunal zustimmte. 2003 starteten Vorbereitungen, Anfang 2009 war die erste Verhandlung gegen Duch. Premier Hun Sen, seit 1985 im Amt, griff das Gericht wiederholt an und drohte, es aufzulösen, falls noch mehr Ex-Khmer angeklagt würden. Hun Sen wirkte bei Pol Pots Sturz mit, ist aber selbst ein Ex-Khmer und begnadigte einstige ranghohe Kader.

„Wir haben größere Probleme.“ Heute kommen die Blutjahre kaum noch im Schulunterricht vor. Bei den Gedenkstätten sind selten Einheimische. „Kindersterblichkeit, Arbeitslosigkeit, geringe Lebenserwartung – wir haben größere Probleme“, sagt Javuth Pheach. Der 36-jährige Fremdenführer, ein freundlicher, gebildeter Mann, steht mit Touristen im Tempel Angkor Wat. Im täglichen Existenzkampf kümmert wenige Kambodschaner das Gestern – auch nicht die Aufarbeitung der Khmer-Verbrechen: Der Prozess gegen Duch findet in der Öffentlichkeit kaum Beachtung.

Javuth machte eine von der UNO finanzierte Schulung zum Reiseführer. Der Vater, ein Soldat, und die Mutter, Köchin, hatten vorher seine Schulbildung bezahlt. Javuth zeigt auf Kinder, die Souvenirs verkaufen. „Die haben diese Chance nicht“, sagt er. „Sie werden immer von der Hand in den Mund leben.“


Die Macht des Dollars. Hinter dem Eingang warten Mädchen mit vergoldetem Kopfschmuck in bestickten Kleidern. So sahen die „Apsaras“, die Tempeltänzerinnen, aus. Im zwölften Jahrhundert sollen Hunderte im Tempel gelebt und getanzt haben, sie trugen nur ein Tuch um die Hüften. Heute lassen sich die jungen Frauen für einen Dollar mit einem Touristen fotografieren.

Javuth bleibt auf der Terrasse unterhalb der Türme stehen. Auf ihren Spitzen sind Ornamente: Blätter der geschlossenen Lotusblüte. Viele Menschen sind hier, aber sie schweigen angesichts der Schönheit. Auch die Khmer konnten sich ihr nicht entziehen: Obwohl sie Religionen auslöschen wollten und Tempel zerstörten, das hier rührten sie nicht an. Freilich hatten Eroberer und Europäer schon zuvor die meisten Kunstschätze geraubt. „Angkor ist das, was man nicht mitnehmen konnte“, sagt Javuth.

Später am Ufer des Reservoirs Shrah Srang. Kinder planschen, Familien picknicken, die untergehende Sonne spiegelt sich im Wasser. „Unser Klima ist warm, die Landschaft schön, Flüsse und Seen sind voll Fisch, die Böden fruchtbar, Naturkatastrophen gibt es nicht“, sagt Javuth. „Mit allem hatte Kambodscha Glück – außer mit der Politik.“


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