diepresse.com

Textversion
Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

Artikel drucken

Franz Josef Smrtnik: Der Asylrebell aus Kärnten

04.07.2009 | 17:57 | von Andreas Wetz (Die Presse)

Franz Josef Smrtnik, Bürgermeister von Bad Eisenkappel, ist bisher der einzige Ortschef, der das geplante Erstaufnahmezentrum Süd für Flüchtlinge will. Dafür und für die Sanierung der Gemeindekasse legt sich der Kärntner Slowene mit Bürgern, vor allem aber mit den Haider-Erben vom BZÖ an.

In Kärnten herrscht dieser Tage dicke Luft. Vor allem in der Klagenfurter Innenstadt, weil sich dort Mitglieder von Landesregierung und BZÖ über einen renitenten Ort aus den Bergen ärgern. Immerhin sehen die politischen Erben Jörg Haiders eines ihrer zentralen Wahlversprechen in Gefahr, nämlich jenes, dass in Österreichs südlichstem Bundesland sicher kein Erstaufnahmezentrum des Innenministeriums für Asylwerber entstehen wird. Für Probleme dieser Art habe man mit der „Sonderanstalt“ für Flüchtlinge auf der Saualm bereits eine Lösung gefunden, heißt es im Landhaus. Mehr brauche es nicht. Punkt.

25 Kilometer Luftlinie südöstlich, am Fuße der Karawanken, sieht das ein Mann anders. Er heißt Franz Josef Smrtnik, ist von Beruf Forst- und Landwirt und seit Frühling 2009 der erste slowenischsprachige Bürgermeister in Kärnten. Die Probleme, so Smrtnik, stünden der Gemeinde Eisenkappel-Vellach, landläufig Bad Eisenkappel genannt, nämlich bis zum Hals. Das Gemeindebudget von fünf Mio. Euro wird jährlich um 500.000 Euro überzogen. Die Zahl der Einwohner ist in den vergangenen 30 Jahren um ein Drittel auf 2500 zurückgegangen, und Arbeit gibt es fast nur noch auswärts. So kam dem 45-Jährigen vor einer Woche die Idee, sich für das vom Innenministerium ausgeschriebene Asyl-Erstaufnahmezentrum Süd zu bewerben. Immerhin lockt das Innenressort mit 130 Arbeitsplätzen, Standortgarantie für Schule und Polizeiinspektion sowie einer prognostizierten Wertschöpfung von 5,4 Millionen Euro jährlich. „Ein Angebot, zu dem eine Gemeinde wie die unsere nicht Nein sagen kann.“ Seitdem wird aus Klagenfurt scharf geschossen.

Dabei ist Bad Eisenkappel alles andere als eine liberale Bastion. Obwohl 38 Prozent der Einwohner Kärntner Slowenen sind, versteckte man hier bisher die zweisprachigen Ortsschilder in den abgelegenen Seitengräben der topografisch zerklüfteten Gemeinde. Die gut sichtbaren Ortsschilder an der Durchfahrtsstraße sind auf Deutsch. Dass mit Smrtnik ein Slowene die Bürgermeister-Stichwahl mit 15 Stimmen Vorsprung gegen den SPÖ-Kandidaten gewonnen hat, hat nur mit seinem Talent als Kommunikator zu tun. Während die Genossen vor dem Urnengang und nach dem Empfinden vieler Bürger „vom Schreibtisch aus um Stimmen kämpften“, ging der in der Region als Mitglied eines beliebten Brüderquintetts bekannte Sänger Klinken putzen. Jedes Haus in der Region soll er selbst besucht haben. Seit seinem Amtsantritt sind zumindest die Gemeindeinformationen zweisprachig.

Seine Popularität bei den Deutsch-Kärntnern sorgt in Klagenfurt vor dem Hintergrund des Vorhabens für Nervosität. BZÖ-Landesgeschäftsführer Uwe Scheuch, Du-Freund Smrtniks aus gemeinsamen Tagen in der Landwirtschaftskammer, schürte nach Bekanntwerden der Pläne antislowenische Ressentiments. Das Beispiel Eisenkappel zeige „was passiert, wenn ein Vertreter der slowenischen Einheitsliste zum Bürgermeister gewählt wird“.

Scharfe Töne. Er setzt dabei gezielt auf die deutschnational geprägte Mentalität im Ort. Erst kürzlich wurde die Geschichte rund um die Zeit der Vertreibung der Eisenkappler Juden aufgearbeitet. Und auch sonst hält hier die Gemeinschaft noch zusammen. Jener Wilderer, der vor wenigen Wochen öffentlichkeitswirksam einen Braunbären erschossen, gehäutet und geköpft hat, ist noch immer nicht gefunden. Obwohl in Gesprächen mit der Bevölkerung der Eindruck entsteht, dass sein Name längst bekannt ist.

Doch das Erstaufnahmezentrum, das zwei Kilometer und in sicherer Entfernung zum Ortskern entstehen soll, sieht nicht nur das BZÖ kritisch. „Die Mehrheit im Ort ist dagegen“, glaubt Moritz Seppi vom Gasthaus „Moritz“. Der Gastronom ist einer von wenigen im Ort, die sich namentlich zum Thema äußern wollen. Die größte Sorge innerhalb der Bevölkerung ist, dass mit dem Einzug der Flüchtlinge auch die Touristen im abgelegenen Kurort ausbleiben könnten. Eine Argumentation, die Wilhelm O?ina vom slowenischen Kulturverein „Zarja“ doch ein wenig amüsiert. „Wenn heute zwei Reisebusse gleichzeitig kommen, wissen wir nicht, wo wir die Leute unterbringen sollen.“

Trotz oder gerade wegen der angekündigten Bürgerbefragung zum Asylzentrum ist dessen Realisierung jedoch nicht gänzlich unrealistisch. Immerhin haben sich einige Eisenkappler zur Zeit des Bosnien-Krieges Anfang der 1990er regelrecht darum gerissen, Flüchtlinge gegen Entgelt bei sich aufzunehmen. Auch das Asylzentrum brächte Geld.

Der prognostizierte Geldsegen macht deshalb auch die anfangs kritische SPÖ schwach. Die Genossen, deren Stimmen Smrtnik für eine Umsetzung im Gemeinderat bräuchte, wollen ein Ja inzwischen nicht mehr kategorisch ausschließen. Fraktionsführer Gerhard Kogelnik: „Wenn die Bürger mitmachen, stellen wir uns im Fall des Falles gegen die Landespartei.“


Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech | Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum

© DiePresse.com