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Obama, der überzeugte Städter

04.07.2009 | 17:57 | von THOMAS VIEREGGE (Die Presse)

Nicht erst die Wirtschaftskrise hat in den USA die Abwanderung in die Vorstädte gebremst. Im »Rostgürtel« erwägen Stadtplaner den Rückbau krisengeschüttelter Städte.

Für viele Amerikaner hat die Präsidentenfamilie trotz aller Eskapaden der Vergangenheit immer noch Vorbildcharakter. Ob sie einen Gemüsegarten anlegt, sich einen Hund zulegt, die Kinder in eine Privatschule schickt oder die Oma unter das gemeinsame Dach holt, ist Stoff für Diskussionen und Gegenstand der Nachahmung.

Die Obamas sind indessen auch mit ihrem urbanen Lebensstil zu Trendsettern geworden. Barack Obama, der erste Präsident seit Langem, der aus einer Metropole ins Weiße Haus gezogen ist, hat ein großstädtisches Flair in Washington kultiviert, wie er es aus Chicago gewohnt war. Er lädt zu Konzerten, führt Frau Michelle in ein Broadway-Theater aus, diniert in einem Restaurant in Georgetown oder besucht auch mal ein Basketballspiel.

Wie der Präsident, der als Sozialarbeiter im schwarzen Problemviertel der Chicagoer South Side begonnen hat, hat sich auch seine Entourage in Downtown Washington oder im Nobelviertel Georgetown niedergelassen. Dagegen hatten die Minister und Mitarbeiter seines Vorgängers George W. Bush in McLean und anderen Vorstädten in Virginia oder Maryland residiert.

Dies spiegelt auch einen soziologischen Trend wider: Die Abwanderung aus den Städten, die seit den 1960er-Jahren vielfach zu einer Ghettoisierung der „black inner cities“ mit hohen Kriminalitätsraten geführt hat, ist durchbrochen. Laut einer Studie der Brookings Institution erleben die Metropolen in vielen Regionen der USA ein mitunter krisenbedingtes Comeback.

Die Wirtschaftskrise und die durch den Hypothekenhype ausgelöste Krise am Immobilienmarkt hat die Tendenz zu einer Rückkehr in die Städte verstärkt. Der Zuzug in die Vorstädte, wo beinahe die Hälfte aller Amerikaner lebt, ist schwächer geworden. Dass die Shopping Malls an der Peripherie zunehmend an Attraktivität einbüßen, ist eine Folge der Krise wie auch ein Symptom eines Lebenswandels. Bessere Schulen und die größere Sicherheit bleiben indes ein Plus der Suburbs.

Krisenfest. New York, Los Angeles, Chicago verzeichnen Zuwachsraten, an der Westküste und im Nordwesten hält der Boom in Seattle oder Portland ungebrochen an, in Texas florieren Städte wie Dallas, Houston oder San Antonio. Selbst im krisengeschüttelten Mittleren Westen stehen manche Industriestädte vor einer neuen Blüte. Die ehemalige Stahlstadt Pittsburgh, vor Jahrzehnten noch abgeschrieben, ist mit der Spezialisierung auf den Bildungs- und Gesundheitsbereich Modell für einen erfolgreichen Strukturwandel. Am härtesten hat die Immobilienkrise indes Florida und Las Vegas getroffen.

„Die Städte haben sich in Krisenzeiten stets als widerstandsfähig erwiesen“, erklärt Bill Frey, Experte für urbane Entwicklung an der Brookings Institution. „Sie bieten kulturelle Vielfalt und ziehen junge Leute an. Die Immigranten, die sich ein Leben in den Suburbs nicht mehr leisten können, kehren wieder in die Städte zurück. Und der Anstieg des Benzinpreises spielt sicherlich auch eine Rolle.“ Der Trend, so glaubt der Soziologe, werde in den nächsten Jahren anhalten: „Es bricht eine neue Ära an.“

Die Politik des eingefleischten Städters Obama unterstützt diese Entwicklung. Er setzt sich für einen Ausbau der Infrastruktur und für Hochgeschwindigkeitsstrecken ein. Kein Zufall, dass er eben eine Behörde für urbane Angelegenheiten geschaffen hat.

Im krisengeschüttelten „Rostgürtel“ rund um die großen Seen erwägen Stadtplaner indessen einen Rückbau, um den Niedergang zu stoppen. In Detroit oder Flint, früheren Hochburgen der Autoindustrie, die unter massiver Abwanderung und hoher Arbeitslosigkeit leiden, breiten sich Brachflächen aus. Eine Konzentration auf den Stadtkern soll die Probleme minimieren.


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