Sind Sie um die 30 Jahre alt, Wiener(in), haben ein Kind oder planen eins? Falls ja, wissen wir, wie Ihr Wunschtraum aussieht: Er ist gelb oder weiß, hat einen Garten, einen sicheren Parkplatz und ist derselbe, den schon Generationen gehegt haben. Denn: Jungfamilien, wiederholen Raumplaner seit Jahren, wollen raus aus der Stadt, hinein ins Haus im Grünen. Das war so, das ist so, das wird so bleiben. Punkt.
Oder doch Fragezeichen? Denn was lange gewiss war, bröckelt. Ihren Anfang nahmen die Zweifel vor zirka vier Jahren, als in Deutschland knapp hintereinander Befragungen des Deutschen Instituts für Urbanistik, des Umweltforschungszentrums Leipzig und des Zukunftsforschers Horst W. Opaschowski zum selben Ergebnis kamen: Städter wohnen gerne in der Stadt – sogar die Jungfamilien. Sie würden, sagten die Befragten, nur wegziehen, wenn sie sich das Bleiben nicht leisten könnten. Eine Überraschung, die sich inzwischen zu einer Diskussion ausgewachsen hat, die unter dem Titel „Reurbanisierung“ läuft und einiges an Sprengkraft birgt. Im Extremfall bedeutet dies die Umkehr des Abwanderungsverhältnisses zwischen Stadt und Umland, ansonsten immerhin, dass künftig weniger Städter nach „draußen“ ziehen, oder zumindest, dass Zentren „qualitativ“ an Bedeutung gewinnen. Allerdings: „Wir stehen erst am Anfang eines möglichen europäischen Trends“, sagt Bernhard Köppen, Demografieforscher an der Uni Koblenz-Landau. „Ob die Reurbanisierung so bedeutend wird wie die Suburbanisierung, die die Städte zerrüttet hat, ist noch offen.“
Offen deshalb, weil man die Entwicklung noch nicht mit empirischen Fakten untermauern kann. Zwar gibt es vor allem in Skandinavien (Schweden, Finnland), aber auch in Deutschland einige Städte (Leipzig, Stuttgart, Hamburg, Bonn), die wachsenden Zuzug aus dem Umland verbuchen ... aber zum Beispiel Wien? Anders als Linz, Salzburg und Bregenz weist die Bundeshauptstadt ein stark negatives Binnenwanderungssaldo auf – Wiens Wachstum beruht derzeit allein auf dem Zuzug aus dem Ausland. So gingen im Vorjahr 2358 Personen an Land und Umland verloren. Zwar waren es 2004 schon mehr (nämlich 3879), andererseits wies Wien 2002 sogar schon einmal ein positives Saldo (1890) auf.
Doch die Zahlen lassen Interpretationsspielraum zu, wie Stephan Marik-Lebeck von der Statistik Austria glaubt. Während der Run ins Grüne unverändert stark sei, gebe es parallel Entwicklungen, die die These der Reurbanisierung stützen könnten. „Allerdings nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen.“ Etwa jene, die vor Jahrzehnten aus der Stadt zogen und nun wieder zurückkehren. Gemeinden wie Perchtoldsdorf, Mödling, Maria Enzersdorf, Biedermannsdorf und Wiener Neudorf (s. Grafik) verlieren bereits bei der Binnenwanderung. Für einen generellen statistischen Trend reicht das freilich nicht.
Als Zukunftsszenario leuchtet die Rückkehr der Stadt aber ein. Denn, so der Tenor der Experten: Die Gründe, die in der aktuellen Debatte dafür sprechen, sind – Statistik hin oder her – ziemlich plausibel:
Das Fernsehen ist schuld. Ein Argument, dem alle (sogar die Skeptiker unter den Wissenschaftlern) geschlossen zustimmen, ist, dass sich das Image der Stadt zum Positiven gewandelt hat. Bis in die 70er galten Städte als laut, schmutzig und kriminell, noch in den 80ern war das Haus im Grünen das Statussymbol, sagt Rudolf Scheuvens, Leiter des Fachbereichs örtliche Raumplanung der TU Wien. Und heute? Gibt man eher mit einer Wohnung in einer guten Stadtlage an.
Warum? Weil es halt schick ist. Besonders in den USA propagierten TV-Serien („Friends“, „Chaos City“, „Sex & the City“) den städtischen Lebensstil. Wie auch die Medien, die die immer neuen Studien über die steigende Lebensqualität der Städte zitieren. Politikern ist das oft nur recht. Gilt doch Wohnen in der Stadt als ökologisch und volkswirtschaftlich korrekt. Seit Jahren ziehen Raumplaner gegen die Verhüttelung ins Feld und predigen ressourcenschonende Verdichtung. Auch die EU nahm sich des Themas an – 2007 mit der „Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt“.
Beisltour für die Karriere. Jedoch: Nicht nur Medien und Politik, auch die Arbeitgeber machen die Stadt populär. Oder vielmehr das Umland unpopulär. Moderne Arbeitsverhältnisse sind nämlich wenig günstig für Pendler. Denn: Wer nie weiß, wie lange er im Büro sitzt, wartet oft lange am Bahnhof. Und wer draußen wohnt, kann nicht „spontan“ ins Büro kommen. Zudem fördern befristete Verträge und schnellere Fluktuation am Arbeitsplatz nicht die Lust, sich an ein eigenes Haus zu binden. Die eingeforderte Flexibilität des Arbeitnehmers sei, so Stefan Siedentop vom Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung der Uni Stuttgart, schließlich auch ein Argument für berufstätige junge Eltern, in der Stadt zu bleiben – Stichwort: mehr Betreuungsangebot für ganz kleine Kinder und längere Öffnungszeiten bei Kindergärten.
Die ökonomische Attraktivität der Stadt hängt aber auch damit zusammen, dass die These, in internetgetriebenen, globalisierten Wissensökonomien sei es egal, wo man vorm Computer sitzt, überholt ist. Im Gegenteil: „Banale Dinge, wie mit Kollegen etwas trinken zu gehen, sind wichtiger geworden, weil bei so etwas Wissen generiert wird“, sagt Siedentop.
Man kann dasselbe Ergebnis übrigens auch anders argumentieren. Laut der (umstrittenen) Ansicht des US-Autors Richard Florida folgen etwa in der Kreativwirtschaft nicht die Arbeitnehmer den Unternehmen, sondern umgekehrt: die Firmen den gut qualifizierten Arbeitskräften. Die wiederum schätzen vielfältiges Nachtleben und dynamische Kunst- und Musikszene. Also die Stadt.
Alte Junge, junge Alte. Ob man für Reize der Stadt empfänglich ist, ist aber auch eine Frage des Alters und der Lebenssituation. „Nichts ist schließlich deprimierender, als nach der Scheidung im Haus des Expartners zu wohnen und rundherum tummeln sich die Pärchen“, meint der Wiener Regionalforscher Heinz Fassmann. Singles, Studenten, unverheiratete Paare, sie alle bevorzugen typischerweise die Stadt. Und sie alle stehen für Lebenszyklen, die heute tendenziell öfter auftreten bzw. länger dauern als früher.
Eine stadtaffine Zielgruppe sind theoretisch auch die „empty nesters“ (Haushalte, wo die Kinder ausgezogen sind) und die wachsende Zahl der Senioren. Für sie könnte es sich auszahlen aus Suburbia in die Stadt zurückzukehren. Immerhin wird das Leben im Grünen rasch ungemütlich, wenn man kein Auto mehr hat, oft zum Arzt muss, den Rasen nicht mehr mähen kann/will oder bloß (v.a. die empty nesters) Lust auf mehr Theater, Kultur hat. Bloß die Zielgruppe ziert sich: Ältere Menschen neigen dazu zu bleiben, wo sie sind („aging in place“) und sind auch oft viel länger mobil und aktiv, als es Stereotype glauben machen wollen. „Ob die alten Menschen künftig ihr Verhalten ändern werden, ist aber wesentlich“, sagt Köppen. Denn derzeit wird die Zuwanderung in die Städte vor allem von 18- bis 35-Jährigen getragen werden. Diese wiederum sind – als Nachkommen der zahlenmäßig starken Babyboomer – demografisch eine relativ große Gruppe. Noch. Werden diese ohne Ersatz langsam weniger, könnte aber die Reurbanisierung aufhören, bevor sie begonnen hat.
Meine Wohnung, die Exfabrik. Und dann wäre die ganze Arbeit „umsonst“ gewesen. Die Städte haben nämlich – da stimmen die Experten überein – in den vergangenen Jahren gelernt, dass man sich als attraktiver Wohnort aktiv inszenieren muss. Ihren großen Vorteil gegenüber dem Umland (Events und echter öffentlicher Raum) spielen sie fast schon routiniert aus: Ob Enzi-Sitzen im MQ, Regenbogenparade oder Filmfestival am Rathausplatz, alles ist Werbung fürs Leben à la Wien.
Neuer ist, dass Stadtmarketing auch für Bauprojekte, z.B. die HafenCity in Hamburg, gemacht wird. Die Revitalisierung von einstigen Brachflächen wie alten Hafen- oder Industriegebieten hält Siedentop für die richtige Idee: „Investoren haben lange nicht begriffen, das die Menschen unkonventionelle Grundrisse, also Stadt pur wollen.“ Parallel dazu wird sicherheitshalber aber auch das Gegenteil geboten: suburbanes Ambiente – Einkaufszentrum inklusive. Laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts EHI werden in den nächsten vier Jahren von 51 europäischen EKZ nur noch zwei auf der grünen Wiese geplant. Gretchenfrage für Kritiker ist bei neu geschaffenem, attraktivem Wohnraum wie etwa den deutschen Townhouse-Projekten, ob die Revitalisierung nicht bloß den Sehr-gut-Verdienenden zugute kommt und manche, eben die jungen Familien, außen vor lässt. Denn: „Die Reurbanisierung scheitert wenn, dann nicht an der Nachfrage, sondern am fehlenden Angebot“, glaubt Siedentop.
Apropos Geld. Die Kosten sind jener Faktor, der über die Reurbanisierung entscheiden könnte. Steigen langfristig die Energiepreise, wird nicht nur Pendeln mit dem Auto empfindlich teurer, sondern auch das Heizen eines Hauses. Relevant ist dabei auch, wie die Politik reagiert. In Deutschland etwa wurde die „Eigenheimzulage“ schon abgeschafft. Allerdings, sagt Fassmann, sind derlei rationale Fragen bloß graue Rechenbeispiele. „Wer summiert schon alle künftigen Kosten, wenn er ins Grüne ziehen will?“ Und außerdem: „Auch in der Stadt gibt es Staus, und der Weg vom Stadtrand ins Zentrum kann ebenso weit sein wie der von der Suburbia.“
Slums der Zukunft. Was bedeutet all das fürs tradierte Vorstadtidyll? Denn ob es zu einer echten Reurbanisierung kommt oder nicht, viele Experten prophezeien der Suburbia eine schwindende Dynamik: „Was wird mit den Häusern in den Stadtrandsiedlungen aus den 70ern und 80ern passieren, wenn die Erstbesitzer ausziehen? Nicht alle sind heute noch attraktiv“, sagt TU-Professor Scheuvens. „Der suburbane Raum wird in Zukunft zur Problemzone“, so Landschaftsplaner Andreas Hacker. Überalterung und die zum Teil schlechte Verkehrsanbindung würden bestimmten Regionen hart zusetzen. Rund um Wien seien entlang der Bundesstraße B 17 bereits erste Anzeichen bemerkbar. Noch härter fällt das Urteil des Zukunftsforschers Daniel O. Maerki aus. Er bezeichnet Vororte als die „Slums der Zukunft“.
Wer dieser Tage durch Bisamberg oder Klosterneuburg fährt, wird wohl anderes assoziieren. Aber Vorort ist nicht gleich Vorort, und nicht nur Wien, sondern auch das Wiener Umland ist anders, meint Fassmann: „Anders als in den USA hat unsere Suburbia ja oft einen historischen Kern.“ Und überhaupt: Auch der „Speckgürtel“ habe seine Funktion. „Zu sagen die Stadt ist gut, das Umland schlecht, das halte ich für eine oberlehrerhafte Diskussion.“