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Neue Grippe: Die Pandemie im Kopf

14.11.2009 | 17:56 | von Erich Kocina und Andreas Wetz (Die Presse)

Nach anfänglicher Gelassenheit warten die Österreicher nun stundenlang auf eine Impfung gegen die Schweinegrippe. Warum fürchten wir uns so vor dem H1N1 Virus? Der Versuch einer Erklärung.

Es waren 32.294 Österreicher, die 2008 an Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems starben, 19.780 verloren den Kampf gegen den Krebs. 1689 kamen beim Heimwerken, Fensterputzen oder Treppensteigen ums Leben, 679 verloren es im Straßenverkehr. Und die Grippe? Nun, selbst die Datensammler der Statistik Austria registrierten im Vorjahr – trotz einer Grippewelle, die die WHO bereits als besonders gefährlich einschätzte – nur einen einzigen Fall mit tödlichem Ausgang.

Und doch könnte man den Eindruck gewinnen, dass vom derzeit grassierenden Grippevirus, das unter der Bezeichnung H1N1 oder dem Schlagwort Schweinegrippe durch die Medien geistert, die größte Gefahr für Leib und Leben ausgeht. Rund 100.000 Menschen pilgerten schon zu den Impfstellen, Schulen werden geschlossen, Mediziner sprechen von einigen tausend Toten und der „größten Erkrankungswelle seit 1918“. Und spätestens mit dem ersten Todesfall Anfang November hat das Grippefieber die Bevölkerung auch emotional erfasst.


Gelassenheit ist dahin. Die Gelassenheit der Österreicher, die beim Ausbruch der Krankheit in Mexiko Ende April noch zu 90 Prozent angaben, keine Angst vor der näher rückenden Seuche zu haben, ist jedenfalls dahin. Selbst die Ärzte, die während der ersten Stufe der Impfaktion für das Gesundheitspersonal noch durchwegs als Impfverweigerer zu bezeichnen waren, raten inzwischen der Bevölkerung verstärkt, doch zur Impfung zu gehen.

Es ist die Unsicherheit, sind die zahlreichen ungelösten Fragen, die die Menschen im Umgang mit der Neuen Grippe nervös machen. So wie etwa im Fall von Bettina Steiner, die Ende Oktober bei ihren beiden Töchtern die klassischen Symptome – Fieber, Kopfweh, Husten – feststellte und zwischen Spitälern, Ärzten und Ambulanzen einen Hürdenlauf hinlegen musste, weil sie sich allesamt außerstande sahen, die Kinder auf die Krankheit zu testen. Erst über (nicht offizielle) Umwege fand sie schließlich heraus, dass ihre Töchter tatsächlich mit dem H1N1-Virus infiziert waren. All das zu einem Zeitpunkt, als einzelne Verdachtsfälle noch für Aufregung sorgten.

Seit Mitte dieser Woche werden in Österreich einzelne Erkrankte gar nicht mehr gezählt, die Gesundheitsbehörden sind dazu übergegangen, die Daten ausgewählter Arztpraxen einfach hochzurechnen. Aus 1000 bestätigten Fällen bundesweit wurden so allein in Wien 10.800. Zumindest am Papier. Die Pandemie ist damit offiziell in Österreich angekommen.

Aber ist das nun wirklich ein Grund, sich zu fürchten? Nicht unbedingt, denn beim größten Teil der Erkrankungen ist der Verlauf ohnehin äußerst mild. So hüpften die Töchter von Bettina Steiner nach wenigen Tagen wieder vergnügt auf dem Bett herum. Und es besteht die berechtigte Hoffnung, dass auch die Mehrheit der Bevölkerung nicht stärker als sonst unter der Schweinegrippe leiden wird.

Basis für die Annahme sind nicht die von österreichischen Sozialmedizinern und Gesundheitspolitikern gezeichneten Horrorszenarien – sogar der sonst eher zurückhaltende Gesundheitsminister Alois Stöger sprach von bis zu 2,4 Millionen Infizierten –, sondern Erkenntnisse aus einem quasi überdimensionierten Feldversuch. Seit Jahr und Tag nämlich gilt Australien, das der Nordhalbkugel im Verlauf der Jahreszeiten vereinfacht gesprochen ein halbes Jahr voraus ist, als zuverlässiger Indikator für die Schwere der nächsten Grippewelle in Europa. Mit Stichtag 9. November zählten die Behörden des 20-Millionen-Einwohner-Landes 187 Schweinegrippetote. Und das auf einem Kontinent, der wegen seiner Insellage als besonders sensibel für ansteckende Krankheiten gilt.

Dass unter Österreichs führenden Grippeexperten von bis zu 4000 Toten die Rede war, mutet vor diesem Hintergrund fast schon absurd an. Zumal Todeszahlen in diesem Zusammenhang ohnedies mit Vorsicht zu genießen sind. Selbst Untergangstheoretiker geben nämlich zu, dass die Grippe – wenn überhaupt – hauptsächlich Menschen tötet, die bereits über massive Grunderkrankungen verfügen. Die Influenza ist dann quasi nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ablesbar übrigens in der eingangs angeführten Todesstatistik der Statistik Austria, in der solche Fälle eben nicht der Grippe zugeordnet werden.

Das System Panikspirale. Doch selbst für den Fall, dass ein Worst-Case-Szenario eintreten sollte, wäre die statistische Wahrscheinlichkeit, an der Schweinegrippe zu sterben, noch immer geringer als an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder an Krebs. Warum fürchten wir uns also vor H1N1, während wir uns weiter ungesund ernähren, rauchen, zu viel Alkohol trinken und uns zu wenig bewegen? „Man spürt bei der Schweinegrippe einen zeitlichen Zusammenhang“, sagt Cornel Binder-Krieglstein, Vizepräsident des Berufsverbands der Psychologen. „Wenn ich täglich ein Schnitzel esse und keine Bewegung mache, dann sterbe ich halt irgendwann um ein paar Jahre früher“, sagt der Psychologe, „aber wenn ich jetzt auf der Straße jemandem die Hand gebe, könnte ich morgen schon erkranken“. Diese Angst wirke viel unmittelbarer.

Ein Effekt, der auch in der medialen Berichterstattung zu bemerken ist, die sich in den vergangenen Wochen verstärkt der Schweinegrippe gewidmet hat. Das Thema bringt nämlich Quote, wird bei Lesern immer stärker nachgefragt. Nach anfänglich mäßigem Interesse spielen die Zugriffszahlen für Grippeartikel auf DiePresse.com in einer Liga mit den neuesten Enthüllungen im Fall Kampusch oder dem gescheiterten Opelkauf von Magna.

Mit allen Konsequenzen, denn: Durch die Beobachtung der Medien, vor allem besonders reißerische Artikel und Beiträge, besteht die Gefahr, dass die Menschen noch ängstlicher werden und sich die Angst in einer Art Panikspirale immer weiter nach oben dreht. „Auch Medien können einen Anstoß dazu geben, dass etwas als Epidemie gesehen wird“, sagt Medienpsychologe Peter Vitouch. Sein Beispiel: die juvenile Gehirnhautentzündung, an der jährlich zwei bis drei Menschen sterben, die aber extrem selten auftritt. In der Berichterstattung darüber werde dann aber regelmäßig die Angst vor einer Epidemie an die Wand gemalt.


Marketing der Konzerne? Allein verantwortlich für den Hype sind die Massenmedien jedoch nicht, sagt eine der schärfsten Kritikerinnen der Grippehysterie. Claudia Wild, Sozialmedizinerin und Kommunikationswissenschaftlerin, ist überzeugt davon, dass die Medien bei der Schweinegrippe nämlich keine „Agenda setting“-Funktion haben. Die Leiterin des Wiener Ludwig Boltzmann Instituts für Health Technology Assessment glaubt, dass dahinter die Strategen der großen Pharmakonzerne stecken. „Schon Monate vor dem Auftauchen der Schweinegrippe, im Jänner, gab es erste Pandemieworkshops“, sagt sie, und glaubt, dass die Öffentlichkeit seit der Hysterie um die Lungenkrankheit Sars (2002/03) und die Vogelgrippe (2005/06) gebannt darauf warte, dass die lange herbeigeredete Pandemie endlich komme. Die Schweinegrippe erfülle diese Erwartungen nun. Wild ist sich sicher: „Dahinter steckt auch eine Marketingstrategie der Konzerne.“

Ob Marketinggag oder nicht, Fakt ist, dass die Grippe und die dazugehörigen Sorgen im Leben angekommen sind. Wie also damit umgehen?

Besonders wichtig sei es, nicht nur die dramatischen Fälle wie die ersten Todesopfer in den Mittelpunkt zu stellen, meint Psychologe Binder-Krieglstein. Viel wichtiger seien konkrete Handlungsanleitungen, zum Beispiel Maßnahmen zur Vorbeugung einer Infektion, von der Hygiene, etwa häufigem Händewaschen, bis hin zur Impfung.


Ängste rational? Und auch Rollenvorbilder, die mit gutem Beispiel vorangingen, solle man nicht unterschätzen. Das Bild von Bundespräsident Heinz Fischer, auf dem er bei der Impfung zu sehen ist, sei eine wichtige Motivation für die Bevölkerung, auch zur Impfung zu gehen. „In der Situation der Verunsicherung wird die eigene Einstellung mit dem Verhalten anderer überprüft“, so Psychologe Binder-Krieglstein. Und paradoxerweise kann auch das Gegenteil, nämlich die Verweigerung der Impfung durch maßgebliche Personen, etwa den Gesundheitsminister, sinnvoll sein. „Das kann jenen, die sich nicht impfen lassen wollen, auch Sicherheit geben.“ Insofern sei es gut, dass man beide Varianten habe, an denen man sich orientieren könne.

Im Zweifelsfall ist es also offenbar besser, mehrere – gut begründete – Handlungsalternativen zu haben, als mit seiner Unsicherheit völlig allein gelassen zu werden. Solange die Medien ausgewogen über die verschiedenen Meinungen – etwa von Impfgegnern und -befürwortern – berichteten, helfe das bei der Bewältigung der Angst, meint Binder-Krieglstein.

Doch wie rational oder irrational ist die Angst vor der Schweinegrippe nun? Ausgerechnet die Behörden gehen hierzulande nicht immer mit gutem Beispiel voran, setzen Maßnahmen, die vor dem Hintergrund des wahren Risikos nicht unbedingt notwendig sind. Schulschließungen, zum Beispiel. Denn während die Regierung im australischen Canberra aufgrund der milden Krankheitsverläufe Schulsperren offiziell für unnötig erklärte, haben in Österreich schon zahlreiche Schulen ihren Betrieb ganz, oder zumindest in einigen Klassen, vorläufig eingestellt. Eine Richtlinie des Gesundheitsministeriums sieht vor, dass eine Schule dann geschlossen werden muss, wenn mehr als 50 Prozent der Schüler erkrankt sind. Doch in allen betroffenen Einrichtungen war man von dieser Grenze noch recht weit entfernt.

Eine freundliche Diagnose hingegen stellt der klinische Psychologe Hans Morschitzky der österreichischen Bevölkerung aus. Die nämlich, sagt der Autor des Buches „Die Angst vor Krankheit“, handle gar nicht so irrational, wie man vielleicht denke. Die Sorgen jener, die Risikogruppen wie Schwangeren, Alten oder chronisch Kranken angehören, seien durchaus berechtigt. „Wirklich irrational handeln nur jene, die die Schweinegrippe völlig verleugnen und so tun, als ob es sie nicht erwischen könne.“

Aber warum ist die Angst vor der Schweinegrippe offenkundig größer als davor, mit dem Auto zu verunglücken? Und warum trägt kein Mensch bei der Hausarbeit trotz des hohen Unfallrisikos einen Helm? „Weil wir sonst aus Angst verrückt werden würden“, glaubt Morschitzky. Er beruft sich dabei auf einen Selbstschutzmechanismus der menschlichen Psyche. Eine Funktion des Gehirns, die uns dabei hilft, mit dem latenten Risiko des täglichen Lebens umgehen zu können, ohne in ständiger Angst leben zu müssen.

Dieser Schutzmechanismus, der irgendwann alles zur Normalität werden lässt, arbeitet zuverlässig. Er hat etwa dafür gesorgt, dass die Gefahr, die von der Immunschwächekrankheit Aids ausgeht, inzwischen fast wieder unterschätzt wird: Nach vielen Jahren der Alarmierung steigt nun die Zahl der Neuinfektionen wieder. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch die Schweinegrippe schon nächstes Jahr wieder ganz weit weg ist.


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