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„Damit nicht vergessen wird, was passiert ist“

07.08.2009 | 20:53 | Von TERESA SCHAUR-WÜNSCH (Die Presse)

Krems – eine Stadt im Banne des Todesschusses auf einen 14jährigen Einbrecher. Ein Lokalaugenschein.

KREMS. Seit Donnerstag ist der Merkur-Markt in der Landersdorfer Straße in Krems wieder geöffnet. Alles geht seinen normalen Gang, und doch nicht. Gut 25 Jugendliche haben sich neben dem Eingang versammelt, vor einer Nische, in der Kerzen aufgestellt sind, in der kleine Rosenstöcke stehen und Abschiedsbriefe liegen. Es ist Mittag, die Jugendlichen haben Ferien, sie sitzen am Boden oder an den Tischen des Imbissstands und trauern um Florian P.

Auf einem Fahrradständer hocken drei 13-jährige Mädchen aus Florians Freundeskreis. „Seit wir es erfahren haben, waren wir die ganze Zeit hier“, erzählen sie. Nur zum Schlafen waren die Mädchen daheim. Sie können nicht glauben, was Florian getan hat. „Vielleicht hat ihn wer überredet,“ meinen sie, „allein wäre er doch nie auf so eine Idee gekommen.“ Immer wieder stellen sie sich die Frage: „Warum hat es so weit kommen müssen?“ Die Polizei hätte draußen warten sollen, meinen sie, hätte Verstärkung holen sollen, „aber doch nicht gleich schießen, wenn sie nichts sehen“, findet Irma. Auf ihren Unterarm hat sie mit Kugelschreiber „u-ever Flo“ geschrieben, „für immer Flo“. RIP steht dort, er ruhe in Frieden, und noch ein Kürzel: ACAP, „all cops are bastards.“ Die Jugendlichen sind wütend: wütend auf die Polizei. „Natürlich muss man beide Seiten verstehen“, meint Renate Steininger. Die Hauptschullehrerin hat einige der Jugendlichen unterrichtet und steht als einzige Erwachsene unter ihnen. „Niemand ist hier, um sie zu betreuen“, kritisiert sie. „Sie müssen die Trauerarbeit ganz alleine machen. Wenn jetzt nichts getan wird, schüren sich die Hassgefühle nur noch mehr. Dabei müssten die Schüler verzeihen lernen.“

„Traurig für Jugendliche, Polizei“

Ingeborg Rinke, seit 2007 Bürgermeisterin der 25.000-Einwohnerstadt Krems, sitzt im Empfangsraum des Magistrats und versichert, wie traurig der Fall für die Stadt sei. „Traurig für die Jugendlichen und ihre Familien, traurig aber auch die die Polizei, die sicher so gehandelt hat, wie es das Gebot der Stunde war.“ Magistratsdirektor Karl Hallbauer ergänzt: „Unsere Gedanken sind bei jenen Beamten, die damit leben müssen, dass durch ihren Einsatz jemand zu Tode gekommen ist, unabhängig davon, ob der Waffengebrauch gerechtfertigt war oder nicht.“ Er weiß, dass der Fall die Bürger spaltet: Viele sind auf Seiten der Jugendlichen, viele eher auf jener der Polizei.

Sowohl Rinke als auch Hallbauer betonen, wie sehr sich die kleine Schul- und Hochschulstadt Krems, in der zu Semesterzeiten 13.500 Schüler und Studenten leben, um ihre Jugendlichen bemüht. Als erste Stadt in Niederösterreich habe man bereits 2008 ein Konzept, den Jugendentwicklungsplan, erstellt. Es gebe präventive Jugendarbeit, Jugendzentren, Streetworker, auch um die beiden jungen Einbrecher habe man sich bemüht. Denn: „Ja, sie waren amtsbekannt.“ Doch letzendlich könne keine Stadt die Erziehungsarbeit der Eltern übernehmen, findet Rinke.

Vor dem Merkur hat sich die Zahl der Jugendlichen inzwischen verdoppelt, auch Journalisten sind jetzt da. Geplant ist ein Trauermarsch. „Damit nicht vergessen wird, was hier passiert ist“, erklärt die 24-jährige Andrea, eine Freundin von Florians älterem Bruder Kevin. Viele hoffen, dass wahr wird, was jemand mit rosa Leuchtstift auf einen Zettel geschrieben hat: „Wir wünschen dir den schönsten Platz im Paradies.“


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