WIEN. Ein gewöhnlicher Morgen in der Wiener City. Der Glanz am Kopfsteinpflaster erzählt noch vom Wolkenbruch der Morgenstunden. Als „Anton53“ die ersten Schritte darauf setzt, kehrt der Platzregen zurück. Die Nässe kriecht selbst unter den festen Stoff der Uniform. So begrüßt der Schwedenplatz also seine Ordnungshüter – missmutig. „Anton 53“ scheint heute nicht willkommen.
Noch nicht. Schließlich steckt das Areal noch mitten in seiner allmorgendlichen Verwandlung: Irgendwo zwischen Ausgeh- und geschäftig-seriöser Dienstleistungsmeile stehen Lieferwagen am falschen Platz, Pkw nützen die Ladezone als Kurzparkplatz. Nichts jedenfalls, was für die Augen von „Anton53“ bestimmt ist. Denn genau genommen ist „Anton53“ sogar vieräugig – neben dem Augenpaar von Revierinspektor Wilhelm Völker beobachtet auch jenes seines „Lehrlings“, des Polizeischülers Wolfgang Laminger, das rege Treiben auf dem Platz.
Völker und Laminger versehen den Außendienst der Polizeiinspektion am Laurenzerberg, „Anton 53“ ist ihr Rufname, so wie die Innere Stadt all ihre Teams auf Streife Anton getauft hat. Der City ihre Antons, der Leopoldstadt ihre Bertas, der Landstraße ihre Cäsars. Pragmatismus sticht Einfallsreichtum; im Notfall muss es schnell gehen.
Ihr Rayon erstreckt sich vom Laurenzerberg über den Franz-Josefs-Kai bis zum Neuen Markt. Laminger soll hier, nach 18 Monaten in der Polizeischule, den Arbeitsalltag eines städtischen Exekutivbeamten kennenlernen: „die Straße“ und ihre Protagonisten. Agieren darf er wie ein fertig ausgebildeter Beamter; geladene Dienstwaffe, Pfefferspray und Handschellen inklusive. Voraussetzung ist nur die Begleitung eines dienstälteren Kollegen.
Kein Fall für Heldentaten
Die Straße empfängt den Polizeischüler gleich mit einem Klassiker: Ein in der Ladezone vor einem Fast-Food-Lokal geparktes Fahrzeug behindert einen Lieferwagen. Kein Fall für Heldentaten, aber ein lehrreiches Beispiel für Formalitäten, die im Polizeialltag sitzen müssen. Während Laminger sich unter Anleitung des Inspektors mit zusammengekniffenen Augen bemüht, die richtigen Kreuze am dicht bedruckten Formular zu setzen und dabei nicht nass zu werden, steht die Besitzerin des Wagens plötzlich vor ihm. Sie versucht es mit einem vorsichtig-diplomatischen Lächeln. „Nur kurz auf der Post“ sei sie gewesen, „so lange gewartet“ habe sie dort. Der Abstecher kostet sie dann trotzdem 21 Euro, ihre charmante Mimik (oder das Beisein der „Presse“) bringt die Beamten aber immerhin so weit, extra für die Dame Geld wechseln zu gehen. „Amtshandlung zuckersüß“ sozusagen. Ein Motto für den Außendienst des Duos? Vielleicht. Denn so viel Raum für freundliche Gesten wie in dem Gespräch mit den beiden Betrunkenen, die sich mit einem Tetrapak Rotwein vor einem Supermarkt am Schwedenplatz niedergelassen haben, bleibt wohl nicht immer. „Was machen Sie hier?“, fragt Völker. „Reden, das siehst du doch. Und trinken“, antwortet der Mittdreißiger. „Sie wissen doch, dass Sie hier nicht stehen dürfen.“ „Ja, eh“, sagt der Mann und blickt durch Völker hindurch in Richtung Donaukanal. Dann ist Laminger wieder zum „Üben“ dran: Er erkundigt sich nach den Namen, funkt sie an die Inspektion. Dass es ihn Überwindung kostet, die alkoholisierte, lallende Frau mehrmals um ihre Daten zu bitten, merkt man – später wird er es „lästig“ nennen, Amtshandlungen im Beisein Betrunkener auszuführen. Daran wird er sich gewöhnen müssen. Kollege Völker, der die Nachtschwärmer und Tagtrinker seit seinem Dienstantritt vor 12 Jahren kennt, hat dies schon hinter sich. Er nimmt die Situation lockerer, vor allem, seit ihm die Frau gestanden hat, ihn in Uniform „urschön“ zu finden. Das habe ihm in dieser Gegend noch niemand gesagt.
Ist es das, was den Polizeischülern nach den Lehrstunden in Verkehrs- und Strafrecht, Sicherheitslehre sowie Handlungstraining am ehesten noch fehlt – die Sicherheit im menschlichen Umgang? „Am ehesten“, so Laminger. Eigentlich seien es aber die „Formalitäten“, die am meisten Training benötigen. Korrektheit eben. Und eigentlich redet Laminger gar nicht gerne über das, was er vielleicht noch lernen muss – lieber blickt er mit ernster Miene auf die Straße. In puncto staatstragender Ausstrahlung muss der künftige Exekutivbeamte tatsächlich nichts mehr lernen. Der Grund, den er für seine Berufswahl nennt, passt gut dazu: „Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn.“ Punkt.
Falschparker und Verbrecher
Wenig später wird Laminger doch noch gesprächiger. Er habe früher Wirtschaft studiert, sein Engagement als Landhockey-Leistungssportler führte ihn zum Sportmanagement. „Das hätte ich mir nicht ewig vorstellen können. Jetzt schaut jeder Tag anders aus. Das ist besser.“ Die Frage, ob er den häufigen Kontakt mit Menschen am Polizeiberuf schätze, bringt die Kühle ins Gespräch zurück: „Schon, aber ich halte Autofahrer nicht auf, damit ich plaudern kann.“ Das glaubt man ihm gern.
Für Wilhelm Völker ist Laminger nicht der Erste, den er in die Agenden der „Antons“ einführt. Er erzählt vom jugendlichen Tatendrang, den man zu Beginn in die Schranken weisen müsse: „Viele wollen gleich alles niederreißen, ich versuche die Verhältnismäßigkeiten weiterzugeben“. Ein Falschparker, das sei schließlich kein Schwerverbrecher. Auch das will gelernt sein.
