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"Lebensbedrohende Waffengebräuche unvermeidbar"

10.08.2009 | 14:22 |  (DiePresse.com)

livechatChefinspektor Martin Hollunder-Hollunder, Bundeseinsatztrainer der Polizei, beantwortete die Fragen der DiePresse.com-User zum Thema Polizei und Schusswaffengebrauch. Die Chat-Nachlese.

12:57 Martin Hollunder-Hollunder

Ich begrüße die Leser recht herzlich und lade Sie ein, in der nächsten Stunde Ihre Fragen zum Thema Polizeiausbildung, Einsatztraining und Schusswaffenausbildung zu stellen.

13:01 DisGruntler

die berichterstattung über polizeieinsätze scheint immer nur in zwei extreme umzuschlagen: komplett gegen die polizei oder in richtung "die habens nicht anders verdient". wie empfinden Sie eigentlich die aktuellen berichte über den fall im krems? würden Sie sich mehr zurückhaltung wünschen oder sind Sie das schon gewohnt, was derzeit passiert?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Gewohnt bin ich es nicht, und ich hoffe auch dass wir in Österreich in einem Staat leben, wo solche Fälle nicht an der Tagesordnung sind. Ich würde mir natürlich etwas weniger Spekulationen wünschen, wobei die Medien und die Bevölkerung natürlich ein Recht auf Information haben. Um genaue erhebungen durchzuführen, bitten wir, etwas Geduld zu haben.

13:02 grumpel

Angesichts steigender und immer agrressiver werdender Kriminalität und sinkendem Vertrauen in der Bevölkerung: Sehen Sie die Polizei derzeit als zu schlecht ausgerüstet an?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Nein. Grundsätzlich hat sich die Ausbildung als auch die Ausrüstung in den letzten zehn Jahren massiv verbessert.

13:03 featurecheck

Welche alternative Bewaffnung wäre für Polizisten denkbar?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Derzeit gibt es leider keinen Ersatz für eine scharfe Schusswaffe. Alternative Bewaffnungen (bzw. zusätzliche Bewaffnungen) wie zum Beispiel die Elektroimpulswaffe Taser X26 sind derzeit in Erprobung.

13:05 bbea

Wie werden österreichische Streifenpolizisten ausgebildet, um in einer Extremsituation wie der in Krems das Richtige zu tun?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

In der Grundausbildung der Sicherheitsakademie der Exekutive haben Polizeischüler mehr als 320 Stunden reines Einsatztraining zu absolvieren. In der berufsbegleitenden Fortbildung muss jeder Exekutivbeamte jährlich 20 Stunden Einsatztraining absolvieren, um die in der Grundausbildung gelernten Fähigkeiten zu erhalten und zu verbessern.

13:08 Leser

wie könnte man die ausbildung dahingehend verbessern das eventuell todesschüsse vermieden werden können?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Derzeit zielt die Aus- und Weiterbildung genau darauf ab, Verletzungen oder gar Todesfolgen für alle Beteiligten auf ein Minimum zu reduzieren. Ganz vermieden können lebensbedrohende Waffengebräuche bei keiner Exekutive dieser Welt werden. Eine Reaktion in lebensbedrohenden Notwehrsituationen von Menschen kann durch vermehrtes Training verbessert werden, wobei die genaue Reaktion vom einzelnen Individuum abhängig ist.

13:12 bluejay

Halten Sie es für sinnvoll, gewisse Polizeieinheiten, vor allem die normalen Streifen, statt mit scharfen Waffen mit mannstoppenden Tasern oder ähnlichem auszustatten?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Die Ausstattung mit der Elektroimpulswaffe Taser X26 obliegt der Dienstbehörde. Eine Mannausrüstung für jeden Exekutivbeamten halte ich derzeit für nicht sinnvoll, da der Gebrauch dieser Waffe intensiv trainiert werden muss, sowohl in der Grund- als auch in der Weiterbildung. Weiters bestünde auch eine mögliche Problematik beim Verwechseln von Waffen (zum Beispiel Taser und Schusswaffe, wenn jeder Exekutivbeamte mit beiden Waffen ausgestattet ist). Derzeit wird der Taser von der Sondereinheit Cobra sowie WEGA Wien und ovn der Einsatzgruppe für Straßenkriminalität und den Polizeianhaltezentren geführt, wobei diese Kollegen eine intensive und besondere Schulung erhalten.

13:13 Jack Bauer

Wie oft mussten sie selbst schon im Dienst zur Schusswaffe greifen?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Bis zum heutigen Tage hatte ich das Glück, nur einmal einen Warnschuss abgeben zu müssen.

13:15 se-michi

Was halten sie von der "englischen Variante" die 'normale' Polizei Schußwaffenfrei zu halten. Bei dieser Variante werden dann speziell trainierte Sonderkommandos welche bewaffnet sind, bei Einsätzen gerufen wo Schußwaffen benötigt werden. Währe diese Variante in Österreich denkbar. Es würde den 'normalen' Polizisten extrem entlasen (siehe dieser Fall). Und in Österreich wird eh nur "alle heiligen Zeiten" gebrauch von der Waffe gemacht.

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

In Ländern, wo die Exekutive nicht mit Schusswaffen ausgestattet ist (zum Beispiel in England), ist dies über Jahrhunderte so gewachsen und selbst diese Länder gehen immer mehr dazu über, bewaffnete Polizeieinheiten einzusetzen. Ich kann mir das derzeit für Österreich nicht vorstellen, da auch nicht immer ein Sonderkommando sofort zum Einsatz gerufen werden kann.

13:17 Brunhilde

Sind österreichische Polizisten im Vergleich zu denen anderer europäischer Länder besser oder schlechter ausgebildet?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Im Bereich der Grundausbildung liegen wir im europäischen Schnitt ganz vorne. Im Bereich der Weiterbildung im guten Durchschnitt.

13:20 kripale

Hat ein Polizist eigentlich die Möglichkeit, einen Einsatz abzubrechen bzw vor dem Einsatz zu entscheiden, den Einsatz nicht antreten zu wollen? (zB bei Unwohlsein, psychischer Ablenkung, etc)

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Natürlich wäre es möglich, einen Eisatz abzubrechen bzw. darauf zu warten, dass der Einsatz von anderen Kollegen übernommen wird, wenn körperliche oder psychische Probleme auftreten. Mir ist kein derartiger Fall bekannt.

13:25 bbgen

Wie werden die Polizisten eigentlich geschult zu schießen? Gezielte Schüsse in die Beine/Hände oder gezielte Schüsse in den Brustbereich? Wird immer nur ein gezielter Schuss abgegeben oder wird geschult immer mehrere abzufeuern?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Grundsätzlich wird immer die Abgabe von Einzelschüssen trainiert, auch wenn diese rasch aufeinanderfolgen, da der Exekutivbeamte jeden abgegebenen Schuss auch rechtfertigen bzw. einer Verhältnismäßigkeitsprüfung unterziehen muss. In den letzten Jahren wurde bei der Ausbildung vermehrt auf das Training auf Symbolscheiben übergegangen (statt wie früher fast nur auf Täterscheiben zu zielen und zu schießen). Die Entscheidung, in welchen Bereich ein möglicher Treffer gesetzt wird, ist situationsabhängig und obliegt dem jeweiligen Exekutivbeamten.

13:28 bluejay

In den Medien sagen die Polizisten von Krems, dass sie plötzlich vor einem "großes Bedrohungsbild" gestanden sind. Was bitte soll man darunter verstehen? Ist das Polizistendeutsch?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Zum gegenständlichen Fall kann ich keine Aussagen tätigen. Aber grundsätzlich würde ich ein "großes Bedrohungsbild" als Bedrohung für das eigene Leib und Leben bezeichnen (etwa ein unmittelbar drohender oder stattfindender Angriff mit einer Stichwaffe).

13:31 Otto Baric

Ist es normal, dass Polizisten, die jemanden erschossen haben nicht sofort dazu befragt werden?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Ja, das ist normal. Die Kollegen bekommen psychologische Betreuung durch den sogenannten "peer support". Erst wenn die Kollegen in der physischen und psychischen Lage sind, die Aussagen zu tätigen, werden sie dann auch einvernommen. Dies gilt gleichermaßen für mutmaßliche Täter und Opfer.

13:37 Jack Bauer

wie sieht die psychologische standardbetreuung nach einem tödlichen schusswaffen-einsatz aus? gibt es bestimmte routinen (z.b. suspendierung vom dienst für eine bestimmte zeit)?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Die psychologische Betreuung wird den Polizisten durch vom psychologischen Dienst des BMI besonders geschulten Bediensteten angeboten. Die Kollegen entscheiden selbst, ob sie dieses Angebot annehmen. Eine Suspendierung vom Dienst (als Disziplinarmaßnahme) ist grundsätzlich nicht vorgesehen, eine Freistellung auf bestimmte Zeit ist möglich. Die Dauer einer Freistellung ist von der jeweiligen Verfassung des Exekutivbeamten abhängig.

13:41 bluejay

Wird eigentlich auch geschult, was nach einem Dienstwaffengebrauch passiert? Gibt es dafür eigentlich eine Art Standardprozedur?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Für den Vorgang der Bericherstattung gibt es ein bestimmtes Prozedere. In der Ausbildung gibt es Psychologieseminare, wo Schusswaffengebrauch und die psychischen Folgen (zum Beispiel Post-Shooting-Trauma-Syndrom) thematisiert werden, wobei man einen Beamten auf eine solche Situation aber nur bedingt vorbereiten kann. Es kommt auf den einzelnen Menschen an, wie er auf solche Situationen reagiert.

13:47 cogito_ergo_sum

Wird während der Ausbildung von Streifenpolizisten auch sichergestellt, dass diese wirklich auch damit rechnen können, in Extremsituationen von ihrer Waffe Gebrauch machen zu müssen, oder gilt das z.B. eher als "worst-case-szenario", das nur selten eintritt.

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Es wird durch die Ausbildung sichergestellt, dass Exekutivbeamte damit rechnen müssen, in Extremsituationen von ihrer Waffe Gebrauch machen zu müssen. Der größte Teil des Trainings zielt aber auch auf die Einhaltung der Verhältnismäßigkeit, der Menschenrechte und der Vermeidung von solchen Extremsituationen ab. Immer können solche Waffengebräuche aber nicht vermieden werden. Letztes Jahr (2008) waren ca. 120 Schusswaffengebräche, wobei aber nur in sechs Fällen direkt auf einen Verdächtigen Schüsse abgegeben wurden (fünf Schwerverletzte und zwei getötete Verdächtige, wobei einer bei dem Schuss auf ein Fahrzeug starb). Bei den restlichen Schüssen handelte es sich um Warnschüsse, Signalschüsse oder Schüsse gegen Gegenstände, um lebensgefährdende Waffengebräuche gegen Menschen zu verhindern.

13:52 Ziykuna

Würden sie sich von der Pollitik wünschen, mehr Zeit für die Weiterbildung der Polizisten zu bekommen oder halten sie die Zeit die dafür zu Verfügung steht für ausreichend?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Mehr Zeit für Ausbildung ist immer wünschenswert, wobei aber die Kollegen mit der derzeitigen Ausbildung professionell aus- und weitergebildet werden.

13:54 DortmundWien

Ist es erlaubt, als Polizist während des Diensts ein sehr hohes Übergewicht zu haben? Wird die Körperliche Fitness auch bei älteren Polizisten überprüft.

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Jeder Exekutivbeamte muss exekutivdienstfähig sein. Das wird von einem Amtsarzt festgestellt. Die Exekutive repräsentiert aber einen Durchschnitt der Bevölkerung und die körperlichen Voraussetzungen sind auch abhängig von der jeweiligen Tätigkeit in der Exekutive.

13:56 mezzo

Wie stehen Sie dazu, dass Mitarbeiter der Post auf den Polizeidienst umgeschult werden sollen? Erhalten diese dann auch eine Grundausbildung oder einfach nur ein Kurzvariante davon?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Das ist derzeit noch Gegenstand von Verhandlungen.

13:59 Schonmalgesperrt

Wenn man die Anzahl der Einsatzstunden aller Polizisten in Relation zur Anzahl der abgegebenen Schüsse betrachtet, auf wieviel Einsatzstunden kommt dann ein Schuß?

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

2008 wurden ca. 580.000 Verbrechen und Vergehen von der Exekutive behandelt. Dabei wurden 120 Schüsse abgegeben, sechs davon direkt auf Verdächtige.

14:04 Tradepro

Welche Ausrüstung hat ein Standardpolizist zur Verfügung? Verfügt jeder Streifenwagen über Schuss- und Stichfeste Westen? Verfügt jeder Streifenwagen über ein Nachtsichtgerät? Wenn Nein, warum nicht? Eine Schutzweste würden den Polizisten lockerer agieren lassen und ein Nachtsichtgerät gäbe ihm in der Dunkelheit einen taktischen Vorteil!

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Grundsätzlich ist jeder Streifenwagen mit zwei Schutzwesten ausgerüstet. Nachtsichtgeräte stehen nur für Sondereinheiten zur Verfügung. Die Anwendung von Nachtsichtgeräten im normalen Streifendienst scheint nicht notwendig bzw. sinnvoll. Nachtsichtgeräte zeigen zum Beispiel meist nur ein zweidimensionales Bild. Aus meiner dienstlichen Erfahrung ist die Anwendung eines Lichtmittels (zum Beispiel Taschenlampe) sinnvoller und die Funktion sicherer.

14:05 kripale

Sehr geehrter Herr Hollunder-Hollunder, seit Tagen geistern die unterschiedlichsten Theorien zur Entstehung Ihres Nachnamens durch die Medien; könnten Sie vielleicht das Geheimnis lüften? Danke!

ANTWORT VON Martin Hollunder-Hollunder:

Ein dazu von mir verfasster Leserbrief wird in der morgigen "Presse" erscheinen.

14:06 DiePresse.com.Moderator

Wir bedanken uns bei Herrn Chefinspektor Hollunder-Hollunder für den Einblick in die Ausbildung der heimischen Exekutive und bei unseren Usern für die zahlreichen und interessanten Fragen. Es würde uns freuen, Sie beim nächsten DiePresse.com-Chat begrüßen zu dürfen.

14:06 Martin Hollunder-Hollunder

Ich bedanke mich für die konstruktiven Fragen.


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