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Krems: "Die haben mir den Buben genommen"

13.08.2009 | 19:03 | GEORG RENNER (Die Presse)

Florian P. wurde am Donnerstag beigesetzt. Um nicht den Anschein der Befangenheit zu erwecken, führt die Ermittlungen in dem Fall das Landespolizeikommando Oberösterreich. Trotzdem regt sich von vielen Seiten Kritik.

Krems. Rund um den Sarg ist etwa ein Dutzend Kränze drapiert. Weiße Schleifen mit Aufschriften wie „Du warst unser alles“ oder „Wir vermissen Dich“ zeugen von der Trauer der Verwandten und Freunde von Florian P. Gut 100 von ihnen sind am Donnerstag in die Leichenhalle am Kremser Friedhof gekommen, um Abschied zu nehmen von dem 14-Jährigen.

„Abschied nehmen“, so heißt auch das Lied eines deutschen Sängers, das durch die schmucklose Halle klingt, während sich Jugendliche, die mit ihren Goldketten, Sportschuhen und Irokesenfrisuren noch nicht so recht in die Traueranzüge passen wollen, die Tränen aus den Augen wischen. Während junge Mädchen sich aneinander festhalten, während die Mutter des Toten sich an dem schlichten Holzsarg festklammert und schluchzt „Die haben mir den Buben weggenommen“.

 

Amnesty: „Typischer Trott“

Wer „die“ sind, weiß jeder beim Begräbnis von Florian P.: Gemeint ist die Polizei, die den 14-Jährigen in der Nacht auf vergangenen Mittwoch in der Finsternis des Kremser Merkur-Marktes erschossen hat. Er soll dort gemeinsam mit einem 17-jährigen Freund und einem 28-jährigen Rumänen eingebrochen sein, wurde von zwei Polizisten ertappt – und starb schließlich an einem Schuss in den Rücken.

Wie es genau dazu gekommen ist – etwa, ob die Beamten in Notwehr gehandelt haben –, ist derzeit Gegenstand von Ermittlungen. Ermittlungen, die das Landespolizeikommando Oberösterreich führt, um nicht den Anschein der Befangenheit zu erwecken. Trotzdem regt sich von vielen Seiten Kritik an den Ermittlungen in dem Fall.

Etwa von Amnesty International: Deren Österreich-Generalsekretär Heinz Patzelt befindet, dass die Behörden bei ihren Untersuchungen nach einem anfänglichen Schock über den Tod des 14-Jährigen in ihren „typischen Trott“ verfallen seien: „So wenig als möglich, so leise als möglich und so intransparent als möglich.“

Bedenklich sei außerdem, so Patzelt, dass die Ermittlungen von der Staatsanwaltschaft Korneuburg geleitet werden. „Man hätte damit eine Behörde außerhalb von Niederösterreich betrauen sollen, beispielsweise die neu geschaffene Korruptionsstaatsanwaltschaft.“

Kritik an den Ermittlungen kommt auch von juristischer Seite. Der Wiener Strafrechtsprofessor Helmut Fuchs findet es „verwunderlich“, dass die Staatsanwaltschaft die Beweisaufnahme in diesem Fall nicht durch ein unabhängiges Gericht vornehmen lässt. Eine solche Möglichkeit bestünde in Fällen, deren Aufklärung von besonderem öffentlichen Interesse sei. Wenn ein unabhängiger Richter die Polizisten befragt hätte, wäre das Vertrauen der Bevölkerung auf eine Klärung der Ereignisse in dem Supermarkt gewahrt geblieben, so Fuchs.

Zuletzt kritisierte auch Richard Soyer, Sprecher der Vereinigung Österreichischer Strafverteidiger, die Ermittlungen zu der Schießerei in Krems: Die Staatsanwaltschaft hätte die Polizisten selbst vernehmen sollen, damit nicht Polizisten unmittelbar auf Polizisten treffen. In den vergangenen Tagen war die Polizei unter starken Beschuss gekommen, weil der – bei dem Einsatz schwer verletzte – mutmaßliche Mittäter sofort, die beiden Polizisten erst mehrere Tage nach dem Vorfall vernommen worden waren.

 

Keine Kundgebungen in Krems

Vorwürfe, von denen beim Begräbnis und der Seelenmesse davor nichts zu hören oder zu sehen ist. Vergessen sind die Tage davor, als Freunde des Verstorbenen gemeinsam mit eigens angereisten Linksaktivisten aus Wien durch Krems zogen und lautstark die Polizei als „Mörder von Florian“ bezeichneten. In der Kirche des Kremser Stadtteils Lerchenfeld, nur wenige Schritte vom Supermarkt entfernt, wo noch immer Dutzende Kerzen und Abschiedsbotschaften an die Ereignisse der vergangenen Woche erinnern, geht es nicht um Schuldzuweisungen.

Keiner der Trauergäste hat Transparente mitgebracht, stattdessen tragen viele rote, gelbe, weiße Rosen. Der Lerchenfelder Pfarrer Günter Walter, er kannte den Toten sein ganzes kurzes Leben lang, hält eine ruhige, nüchterne Messe, ohne darauf einzugehen, wie Florian P. gestorben ist. Auf Grabreden verzichten Freunde und Familie des 14-Jährigen.

Viele Nachbarn aus dem Vorstadtbezirk Lerchenfeld begleiten sie auf Florian P.s letztem Weg. Natürlich, flüstern einige in den hinteren Reihen des Trauerzuges, dürfe man nicht vergessen, was der Bub angestellt habe. Aber das, die Ereignisse in dem Supermarkt, die Suche nach Schuldigen, spiele heute keine Rolle, sagt ein Trauergast: „Das sollen andere machen – wir sind nur hier, um Abschied zu nehmen vom Florian.“

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