Franz Tretzmüller kann sich noch gut erinnern an jenen schönen Sommertag in Döllersheim, 1941. Hierher, ins Herz des Waldviertels, waren die Schrecken des Weltkriegs noch nicht voll durchgedrungen, und trotzdem lag ein Hauch von Abschied in der Luft. Zum Schulschluss sagte der Oberlehrer zu ihm, dem 14-jährigen Bauernbuben aus Oberplöttbach, der jeden Tag einige Kilometer von dort in die Schule im größeren Döllersheim gegangen war: „Heute läutest du die Glocke zum letzten Mal.“
Wie Dutzende Male zuvor kletterte Franz Tretzmüller wieder auf den 800 Jahre alten Kirchturm schräg gegenüber dem Schulgebäude, schaute hinunter auf die knapp 130Häuser von Döllersheim, auf die Felderlandschaft rund um den Ort und zog die Glocke zum Schulschluss. Und sein Oberlehrer sollte recht behalten: Es war der letzte Schultag, der jemals in Döllersheim abgehalten werden sollte.
Die Wunde im Waldviertel. Heute, 68 Jahre später, steht Franz Tretzmüller neben den Ruinen der Volksschule von Döllersheim. Es ist der Allerseelentag, und wie zu jedem 2.November seit 54 Jahren hat sich auch heute wieder der „Verein der Freunde der Alten Heimat“ bei der Pfarrkirche auf dem Hügel über dem, was einmal Döllersheim war, versammelt. Denn mit Ausnahme der Kirche liegt ganz Döllersheim in Ruinen, überwuchert von dichtem Gestrüpp und Bäumen, die sich in mehreren Jahrzehnten das vormals kultivierte Land zurückerobert haben.
Döllersheim und Oberplöttbach, Großpoppen und Kleinmotten, Äpfelgschwendt und Steinberg: So heißen nur einige der insgesamt 42Ortschaften, deren Einwohner zwischen 1938 und 1942 abgesiedelt wurden, um Platz zu machen für den Truppenübungsplatz Döllersheim der deutschen Wehrmacht – der heute als „Tüpl Allentsteig“ vom österreichischen Bundesheer weiter benutzt wird.
6847Menschen mussten in vier Tranchen ihre Heimatdörfer verlassen, beginnend 1938 bei jenen Ortschaften, die in der Mitte des Areals gelegen waren. Bei vielen brauchte es dazu keinen Zwang – den ersten Absiedlern zahlte die „Deutsche Ansiedlungsgesellschaft“, die eigens eine Zweigniederlassung in Allentsteig gegründet hatte, durchaus großzügige Preise für ihre Anwesen. „Da gab es schon welche, die da ein gutes Geschäft gemacht haben“, erinnert sich der heute 82-jährige Tretzmüller, manchen wurde sogar ein neu errichtetes Haus außerhalb des Übungsareals zugesprochen.
Widerstand gegen die Absiedlung wurde nicht geduldet – obwohl die „Ansiedlungsgesellschaft“ sich zunächst bemühte, einvernehmliche Lösungen zu erzielen, wurden viele Familien, die sich weigerten, die Heimat zu verlassen, zwangsweise aus ihren Höfen abgesiedelt. „Es war eine ungeheure Frechheit und Brutalität, wie die mit uns umgesprungen sind“, erzählt eine Zeitzeugin, die mit 15Jahren ihr Elternhaus verlassen musste.
Je weiter der Krieg fortschritt, desto weniger waren die Nazis bereit zu zahlen – viele der Familien, die dem Truppenübungsplatz weichen mussten, bekamen ihre Entschädigung nur mehr in Form von gesperrten Sparbüchern – die nach dem Krieg ihren Wert verloren. Sie bekamen ihre – freilich nur noch symbolische – Entschädigung erst in den 1990er-Jahren aus dem NS-Entschädigungsfonds.
Viele glauben, dass Hitler durch die Errichtung des Truppenübungsplatzes an diesem Ort die Erinnerung an seine Familie auslöschen wollte. Maria Anna Schicklgruber, Hitlers Großmutter, liegt am Döllersheimer Friedhof begraben – in einem unmarkierten Grab, um keine Pilgerstätte für Neonazis zu schaffen. Was gelungen ist: Nur einige Gothic-Anhänger treffen sich noch gelegentlich auf dem abgelegenen Friedhof.
Die Letzten, die sich erinnern. Viele sind nicht mehr übrig von denen, die sich an die Zeit erinnern, in der hinter dem Döllersheimer Bürgerspital, heute eine überwucherte Ruine am Straßenrand, noch keine Schranken den Beginn des Truppenübungsplatzes markierten. Rund 300Menschen, die damals in den einfachen Dörfern des „Döllersheimer Landes“ gelebt haben, sind noch am Leben, der Großteil davon ist im „Verein der Freunde der Alten Heimat“ organisiert.
Dessen Aufgabe sieht der Obmann des Vereins, Bernhard Lehr – selbst nur noch Nachkomme eines Vertriebenen –, vor allem darin, das Gedenken daran aufrechtzuerhalten, dass einst eine lebendige, bewohnte Landschaft dort war, wo bis heute Soldaten und Panzer üben. Das Bundesheer leistet seinen Beitrag zum Andenken: Es erhält die alte Pfarrkirche von Döllersheim, seit 1986 ein Denkmal der Vertreibung, am Rande des Truppenübungsplatzes und stellt Militärmusik und Ehrenwachen zur jährlichen Gedenkfeier auf dem Friedhof rund um die Kirche ab.
Heute sind rund 30 der Vertriebenen gekommen. Viele von ihnen haben Kinder mitgebracht, Enkel und Urenkel, die hier die Geschichte ihrer Vorfahren kennenlernen. Viele, wie Franz Tretzmüller, haben ihr Leben jenseits des Truppenübungsplatzes neu aufgebaut, sind in ihren neuen Heimatorten verwurzelt, in die sie aus der „Alten Heimat“ hingezogen sind. Eine Rückgabe des Areals an die alten Anwohner fordert heute praktisch niemand mehr.
Der Friedhof hinter der Kirche, an dem sich die knapp 200Gäste der Gedenkfeier versammelt haben, ist heute vom Wald umwuchert. Franz Tretzmüller beschreibt, dass dort, wo heute hohe Bäume stehen, einst der Sportplatz war, und dass dort, ums Eck, die Bäckerei stand. Wenn man von dem Kirchenhügel nach unten schaut, erinnert nichts mehr an den Ort, der erst durch Plünderung nach dem Krieg dem Verfall preisgegeben worden ist.