Der 2812 Meter hohe Piz Val Gronda trennt den Schweizer Kanton Graubünden von Tirol. Doch der mächtige Steinkegel in der Samnaungruppe markiert nicht nur geografisch die Grenze zwischen zwei Welten. Auch ideologisch steht er seit 1976 stellvertretend für einen Konflikt zwischen Tourismuswirtschaft und Umweltschützern, der angesichts weltweit steigender Temperaturen und Schneefallgrenzen immer heftiger ausgetragen werden wird: Es geht um die Erschließung des (ökologisch sensiblen) Hochgebirges für Skifahrer. In ganz Österreich gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Projekten.
„Der Druck auf die zuständigen Behörden, derartige Projekte zu genehmigen, wird immer größer“, sagt Peter Haßlacher, Leiter der Abteilung Raumordnung und Naturschutz im Österreichischen Alpenverein (ÖAV). Persönlich ist der streitbare Tiroler seit Jahren in die Auseinandersetzung um den Piz Val Gronda involviert. 34 Jahre ist es her, als Ischgl erstmals den Wunsch zur Erschließung des Berges äußerte. Seit genauso langer Zeit ist er heiß umkämpft. Gutachter widerlegen Gutachter, Argumenten folgen Gegenargumente.
Und die sprechen gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten immer deutlicher für die Expansionspläne der Skigebiete. An den Seilen ihrer Bahnen hängen nämlich nicht nur die mit Touristen gefüllten Gondeln, sondern zehntausende Arbeitsplätze. Die einfache Rechnung lautet: kein Schnee, kein Umsatz. Und je höher ein Skigebiet liegt, desto größer ist die Chance, dass das „weiße Gold“ der Alpen auch liegen bleibt, oder zumindest die Temperaturen passen, um es künstlich herzustellen.
Behörden unter Druck
Zuletzt hatten die Vorarlberger Behörden dem Druck der Wirtschaft nachgegeben. Jahrelang war das Projekt einer Gipfelbahn auf die Mittagsspitze umstritten. Nach einer Reihe negativer Beurteilungen gab es schließlich doch grünes Licht. Seit 19.Dezember 2009 läuft der Betrieb. Von diesem Zeitpunkt an durfte sich der so entstandene Verbund der Gebiete von Mellau und Damüls als „größtes Skigebiet im Bregenzer Wald“ bezeichnen.
Ein Detail, das die zweite Triebfeder der Seilbahnbetreiber zu Erweiterungen und Zusammenschlüssen aufzeigt. Nur wer Superlative bietet, sticht Konkurrenten aus. Manchmal schaukeln sich solche Entwicklungen gegenseitig auf. Beispiel Zillertal: 1999 schlossen sich Zell am Ziller und Gerlos zum „größten Skigebiet“ im Tal zusammen (Zillertal Arena), was die Konkurrenz von Mayrhofen, Finkenberg und Tux motivierte, sich ebenfalls zusammenzutun (2001). Der Titel wanderte, ehe die Arena nachzog und wieder zwei Jahre später den Bund mit Hochkrimml-Gerlosplatte besiegelte.
Weitere Zusammenschlüsse, die aus topografischen Gründen nur über hoch gelegene oder geschützte Gebirgsregionen führen, warten bereits. In Oberösterreich etwa, zwischen Hinterstoder und Vorderstoder. In Osttirol, wo sich Sillian mit Sexten (Südtirol) zu einer Skischaukel verbinden will. Oder in Kärnten, wo schon länger Projekte in der Schublade liegen, den Mölltaler Gletscher mit Sportgastein zu verbinden.
Die Seilbahnbetreiber sind in der Auseinandersetzung um unberührte Berge auf Zurückhaltung bedacht. Ihre Standesvertretung in der Wirtschaftskammer kommuniziert Zahlen, die das Ausmaß der angeblichen Umweltzerstörung ins rechte Licht rücken sollen: Selbst im dicht erschlossenen Tirol entfallen 0,6Prozent der Landesfläche auf Skigebiete, 33,9Prozent stünden unter Naturschutz.
Scharfe Kritik äußern die Betreiber gegenüber dem ÖAV, dem sie vorwerfen, in bestimmten Fällen Medien zu instrumentalisieren. Hintergrund: Projekte, die weniger als 20 Hektar Land in Anspruch nehmen, ersparen sich die Hürde der Umweltverträglichkeitsprüfung. Und reduzieren so die Einflussmöglichkeiten des Alpenvereins auf ein Minimum. Spartenobmann Ingo Karl: „Dann müssen sie auf anderen Wegen versuchen, ein Projekt zu verhindern.“ Überhaupt, so Karl, stimme der Vorwurf, die Seilbahnen wollen immer höher gelegene Regionen für sich erschließen, „nur in sehr wenigen Fällen“. Die Klimaerwärmung, das hätte eine von der Wirtschaftskammer beauftragte Studie gezeigt, sei in den nächsten zehn Jahren kein Problem.
Was Karl nicht sagt, ist, dass die von ihm zitierte Studie, die die Klimaerwärmung im Großraum Schladming zum Thema hat, nur bis 2030 so etwas wie Entwarnung gibt. Danach soll die Durchschnittstemperatur um bis zu drei Grad ansteigen.
Tirol vor der Entscheidung
Jedenfalls schrillen in vielen Wintersportorten die Alarmglocken, weil eine Erwärmung in diesem Ausmaß in tieferen Lagen auch die Produktion von Kunstschnee gefährden würde. Nicht umsonst erwacht Begehrlichkeit auf verworfene Hochgebirgsprojekte. Im Kaunertal etwa (Weißseespitze, 3518 Meter) oder in Vent, wo man ein Auge auf eine Flanke der Wildspitze (3768 Meter) geworfen hat.
Debattiert werden all die Projekte, weil im Herbst 2010 das Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogramm evaluiert wird. Eine Verordnung, die vor fünf Jahren ein relativ strenges Regelwerk aufstellte. Umweltschützer hoffen, die Regeln zu verschärfen, Seilbahnbetreiber wünschen sich das Gegenteil. Derzeit sind in Österreichs wichtigstem Wintersportbundesland sechs Neuerschließungen und zwölf Zusammenschlüsse projektiert. Schon bald könnten es deutlich mehr sein.
