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Wilhelminenberg abseits der Horrorschlagzeile

22.06.2012 | 18:34 | CHRISTINE IMLINGER (Die Presse)

Schön wie das Cottageviertel, aber doch nicht nur nobel. Wo Arbeiterfamilien neben Generaldirektoren mit Blick über Wien leben. Ein Ruhepol im rastlosen Ottakring: Der Wilhelminenberg heute, ein Porträt.

Wien. Der Name steht neuerdings für Grauen. Liest man vom Wilhelminenberg, geht es um Missbrauch, Gewalt, gar Prostitution von Heimkindern in den 1960er- und 70er-Jahren (siehe Artikel unten). Weit über die Grenzen Wiens hinaus kennt man den Berg im Westen der Stadt und sein herrschaftliches Schloss, das über Ottakring thront, nun als Ort erschreckender Verbrechen.

Dort, am Wilhelminenberg, ist davon heute wenig zu spüren. Der Schwerverkehr am Gürtel, das Treiben am Brunnenmarkt, das rege Leben zwischen Laufrädern und Hugo-Spritz am Yppenplatz, die Ramschläden der Thalia-, die Wettcafés der Ottakringerstraße – das, was Ottakring eben ausmacht, liegt einem dort zu Füßen. Fast ländlich muten die Einfamilienhaus- und Kleingartensiedlungen an. Das rastlose Ottakring ist weit entfernt.

Etwa 20.000 Menschen, gut ein Fünftel der 95.000 Bewohner des Sechzehnten, leben in dem Areal westlich der Maroltinger- und Sandleitengasse, nördlich des Flötzersteigs bis zur Bezirksgrenze. Dazu kommen die Bewohner der rund 1150 Kleingärten, die oft nur einen Zweitwohnsitz angemeldet haben. Klar eingrenzen könne man den Wilhelminenberg aber nicht, sagt Horst Pauer von der Bezirksvorstehung Ottakring. Er würde, sagt er, das Areal mit Maroltinger- und Sandleitengasse, Oberwiedenstraße und Rosenackerstraße und in Richtung Süden mit dem Flötzersteig, im Südwesten mit der Johann-Staud-Straße begrenzen. Die Steinhofgründe zählt er nicht dazu, die liegen im 14. Bezirk.

 

Anders, aber typisch Ottakring

Die Grenzen des Bergs sind fließend. Fest steht, es sind andere Menschen, die dort leben als im Osten Ottakrings. Auch die Bevölkerungsdichte ist eine andere als um die Brunnengasse. Die Aussicht ist besser als in der Innenstadt, die Preise aber günstiger als im noblen Cottageviertel in Währing und Döbling. Noch, schließlich haben sich die Quadratmeterpreise in wenigen Jahren verdreifacht, verfügbare Flächen sind äußerst rar. Viele Familien haben sich hier in den vergangenen Jahren niedergelassen, dafür sprechen auch die vielen Kindergärten.

„Freilich ist der Wilhelminenberg anders als der Rest des Bezirks. Man soll sich aber nicht Vorurteilen ergeben“, sagt Pauer. Das Grätzl sei mit dem Cottageviertel vergleichbar, sagt er. Die Lebensqualität, die Lage, die Aussicht, die Ruhe, selbst manche der stattlichen Häuser. Nicht aber die Bewohner. „Hier lebt der Straßenbahnfahrer neben dem Generaldirektor, neben der Kindergärtnerin, neben dem Arbeiter, um bei gängigen Klischees zu bleiben“, sagt Pauer. Vor der Kleingartensiedlung neben einer herrschaftlichen Villa dröhnt Techno aus dem Schutzhaus, aus einem Garten dringen Gesprächsfetzen in breitem Wienerisch. Davor steht ein Porsche, ein Mann fährt im Volvo vorbei.

Es ist ein ruhiges, beschauliches Leben am Berg. Auch im Schloss, vor 40 Jahren als Kinderheim Schauplatz der Verbrechen. Dort, wo heute Japaner die Aussicht fotografieren, Familien auf der Terrasse sitzen, spricht man nicht gerne über die tragische Geschichte. Schließlich ist das Schloss seit 12 Jahren ein Hotel, besonders beliebt als Ort von Traumhochzeiten. Die heutigen Betreiber des Hotels und der benachbarten Jugendherberge, die Verkehrsbüro-Gruppe, betonen, die Ereignisse machen sehr betroffen, man unterstütze die Opferschutzorganisation „die möwe“, abgesehen davon hätten die historischen Ereignisse mit dem Hotel aber nichts zu tun. Die Gäste dürften die Schlagzeilen ohnehin nicht weiter irritiert haben, die Besucherzahlen seien nicht zurückgegangen. Den Namen Wilhelminenberg abzulegen? Das sei kein Thema gewesen.

Dabei gebe es Alternativen: Gallitzinberg oder Predigtstuhl. Die Wiener sprechen heute vom Wilhelminenberg – benannt ist er nach Wilhelmine Fürstin von Montléart-Sachsen Curland, einer Gönnerin des späten 19. Jahrhunderts, die das heutige Wilhelminenspital gestiftet hat. Ihr Mann, Fürst Moritz, hat Wilhelmine einst das Schloss geschenkt. Weil sich die Gemeinde weigerte, das Areal nach seiner Liebsten zu benennen, ließ der Fürst eigenmächtig Schilder mit der Bezeichnung „Wilhelminenberg“ aufstellen. Die Ottakringer nahmen den Namen des „Engels vom Wilhelminenberg“ an. Offiziell ist der Gallitzinberg bis heute nicht umbenannt. So wurde der ursprüngliche Predigtstuhl ab 1785 genannt, seit das Gebiet dem russischen Botschafter und Wohltäter in Wien, Fürst Dmitri Michailowitsch Golizyn, gehörte.

 

Bunker, Schloss, Naturidylle

Heute sprechen selbst alteingesessene Ottakringer vom Wilhelminenberg. Der Ort des Schlosses (samt Eislaufplatz und Weihnachtsmarkt im Winter), der Biologischen Station (Konrad Lorenz Institut) vis à vis des Schlosses, des verträumten Restaurants Villa Aurora, der Heurigen mit Fernblick, des sagenumwitterten Schirach-Bunkers, der Wallfahrtskirche Starchant, der Kuffner-Sternwarte und, ganz oben, am Gipfel auf 449 Metern, der Jubiläumswarte, die dort seit 113 Jahren thront (und generalsaniert wird, ab Herbst aber wieder zugänglich sein soll).

Totenstill liegt einem dort die Stadt zu Füßen. Und doch sind es nur wenige Minuten, die Johann-Staud-Straße hinunter, in die Thaliastraße, schon fängt es einen wieder ein, das rastlose Ottakring.


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