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130 Jahre Zweifel und Zwist: Die Geschichte der Wiener U-Bahn

11.08.2012 | 18:01 | von Siobhán Geets (Die Presse)

Wien war, was den U-Bahn-Bau betrifft, ein Nachzügler. Erst die Konkurrenz zu anderen Städten und das stete Wachstum überzeugten die Politik.

Die Geschichte der Wiener U-Bahn ist eine voller Hürden und politischer Kämpfe. Erste Planungen gab es zwar bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, wirtschaftliche Probleme und parteipolitische Dispute sorgten aber dafür, dass die erste Strecke erst 1978 eröffnet wurde.

„Wien war relativ spät dran“, sagt Stadtforscher Peter Payer, „schuld waren die konservative Haltung diverser Entscheidungsträger und die Angst der Menschen, sich unter der Erde aufzuhalten.“ Aber auch die „atmosphärische Bahn“, für die der Ingenieur Heinrich Sichrowski 1844 erste Pläne vorgelegt hatte, fand keine Investoren. Bis 1900 sollten Dutzende Ideen folgen, alle wurden wieder verworfen. Wiens späterer Bürgermeister Karl Lueger bezeichnete die Idee einer elektrischen Untergrundbahn gar als „Spielerei“. „Wir waren Planungsweltmeister“, erklärt Johann Hödl, der seit mehr als 30 Jahren bei den Wiener Linien arbeitet. In seinem Buch „Das Wiener U-Bahn-Netz“ geht er 200 Jahren Planung in der Wiener Verkehrsgeschichte nach.

Wirtschaftliche Hürden. Um die Jahrhundertwende war Wien zu einer der größten Städte Europas angewachsen. Bald sah die Politik ein, dass es eines Massenverkehrsmittels bedurfte, um die vielen Menschen zu transportieren. Zwar fuhr die Stadtbahn, sie war aber lediglich als Verbindung zwischen den Bahnhöfen konzipiert. 1910 wurde schließlich eine eigene Planungsstelle für die U-Bahn eingerichtet, das Projekt endete jedoch mit Beginn des Ersten Weltkrieges. Und als die Idee nach Kriegsende wieder aufgenommen wurde, kam die Weltwirtschaftskrise von 1929 dazwischen. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland 1938 plante Siemens wieder eine U-Bahn in „Groß-Wien“ – wiederum starb das Projekt mit dem Beginn eines Weltkriegs.


Politische Kämpfe. Kurz nach Kriegsende war das Thema plötzlich parteipolitisch besetzt: Während sich die Volkspartei für den Bau der Bahn einsetzte, interessierte sich die SPÖ vorrangig dafür, neue Wohnungen zu bauen. So kam es, dass die Sozialdemokraten die Anträge der ÖVP über Jahre immer wieder ablehnten. Erst als das viel kleinere München Mitte der 1960er (vor den Olympischen Spielen 1972) anfing, an einer U-Bahn zu bauen, erkannte auch die SPÖ, dass Wien nachziehen sollte.

1969 fingen die Bauarbeiten an, 1978 wurde die erste Strecke offiziell eröffnet: Die U1 verlief anfangs vom Karlsplatz bis zum Reumannplatz, wurde aber bald bis zum Praterstern verlängert. Aus den Strecken von Stadtbahn und Straßenbahnen entstanden wenig später U2 und U4. Hödl erklärt, wieso es bis heute keine U5 gibt: „In der ersten Euphorie über die U-Bahn sind viele Netzpläne entstanden. Die U5 war ursprünglich entlang des Gürtels geplant und sollte bis nach Nussdorf fahren. Die Pläne wurden aber verworfen.“ In den vergangenen 30 Jahren, sagt Hödl, seien im Schnitt drei Stationen pro Jahr dazugebaut worden. Und das, obwohl die Diskussion über billigere Alternativen, die Mitte des vorletzten Jahrhunderts begonnen hat, bis heute andauert.


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