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Frankreich/Großbritannien: Auftragsmord oder Familienstreit?

07.09.2012 | 18:47 | Von unserer Korrespondentin JULIA KASTEIN (LONDON) (Die Presse)

Die Hintergründe zum Mord an einer britischen Familie und einem Radfahrer in einem Wald nahe Annecy bleiben unklar. Vielleicht galt der Angriff auch dem Radler - und die Familie wurde zufällig Zeuge.

Eine ruhige Seitenstraße im wohlhabenden Londoner Vorort Claygate, eine große Fachwerk-Doppelhaushälfte im Pseudo-Tudor-Stil. Der Garten wirkt etwas unordentlich, als ob jemand nach dem Rasenmähen nicht mit Aufräumen fertig geworden wäre. Allein ein Polizist und ein improvisiertes Mahnmal vor dem Haus stören das Idyll: Hier wohnte die Familie al-Hilli, die am Mittwoch im Campingurlaub bei Annecy in Ostfrankreich Opfer eines brutalen Verbrechens wurde.

Während die französische Polizei auf der Suche nach Tätern und Motiven im Dunkeln tappt, wird in Großbritannien heftig spekuliert – besonders über die Vergangenheit des Vaters, des gebürtigen Irakers Saad al-Hilli (50). Der freischaffende Ingenieur und Berater u. a. des Luftfahrtkonzerns EADS kam als Kind nach Großbritannien, sein Vater soll bis zur Flucht aus Bagdad in den 1970ern wichtiges Mitglied der regierenden Baath-Partei gewesen sein. Saad soll im zweiten Irakkrieg 2003 von einer Sondereinheit der Polizei überwacht worden sein, berichten britische Medien unter Berufung auf einen Nachbarn, der die Ermittler bei der Observierung gesehen haben will.

 

Geheimdienstaktivitäten

Für die These, dass al-Hilli in Spionageaktivitäten verstrickt gewesen sein könnte, spreche der Umstand, dass er und seine Frau Iqbal (47) sowie seine Schwiegermutter (77) in dem BMW im Wald mit je zwei Kopfschüssen quasi exekutiert wurden. Außerdem seien britische Geheimdienstleute zum Tatort gekommen. Offizielle Bestätigungen dafür gibt es nicht, andere Nachbarn widersprachen: Al-Hilli, ein leidenschaftlicher Biker, war demnach ein hilfsbereiter Nachbar und liebevoller Vater. „Er hatte keine Feinde. Er ist kein ,Dame-König-Ass-Spion' (Anspielung auf den Roman von John Le Carré, Anm.)“, sagt der Nachbar George Aicolina.

Frankreichs Polizei verfolgt noch eine Spur: Al-Hilli soll zuletzt mit seinem jüngeren Bruder über das Familienerbe gestritten haben. Zaid al-Hilli (48) hatte sich am Donnerstag bei der britischen Polizei gemeldet und seine Unschuld beteuert, dennoch wollen die Franzosen einen Beamten nach London schicken, um ihn zu vernehmen.Der zuständige Ermittler Benoît Vinnemann wollte aber auch nicht ausschließen, dass das eigentlich Ziel der Mörder das vierte Opfer war: Sylvain Mollier (45), ein dreifacher Vater, der gerade in Vaterkarenz war; er fuhr mit dem Rad nach Hause, als er in der Nähe des BMW erschossen wurde. Mollier arbeitete in der Nuklearbranche.

 

Unbrauchbare Kinderaussagen

Die Hoffnung auf Erkenntnisse durch die überlebenden Töchter der al-Hillis wurde nicht erfüllt. Zainab (7) war angeschossen worden und liegt im künstlichen Koma. Die vierjährige Zeena, die körperlich unversehrt blieb, wurde laut Staatsanwalt Eric Maillaud befragt, lieferte aber nichts Brauchbares. „Wir müssen vorsichtig sein, wie wir mit Aussagen eines traumatisierten Mädchens umgehen.“ Es hatte sich im Auto unter der toten Mutter versteckt und wurde erst nach acht Stunden gefunden.


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