WIEN (stu/red.). Österreich steht erst am Anfang der Influenzapandemie: Die Zahl der nachgewiesenen Fälle von Neuer Grippe („Schweinegrippe“) steigt zwar massiv, die Grippewelle wird allerdings erst im Jänner 2010 ihren Höhepunkt erreichen – legt man international durchgeführte Modellrechnungen auf Österreich um.
Noch besorgniserregender als diese Modellrechnungen ist aber die neueste Analyse der medizinischen Daten von erkrankten Menschen in Mexiko (dem ersten Land, in dem die Neuen Grippe aufgetreten ist); diese Daten wurden in der aktuellen Ausgabe der britischen Medizinfachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht. Das Fazit: Junge Menschen waren unter den infizierten zwar überrepräsentiert, Senioren starben allerdings häufiger.
Die Details: Bei den Infizierten in Mexiko zeigte sich, dass 56 Prozent aus der Altersgruppe der Zehn- bis 39-Jährigen kamen. Bei der Mortalität sah es hingegen gänzlich anders aus: Über 70-Jährige zeigten ein Sterberisiko von 10,3 Prozent, 60- bis 69-Jährige eines von 5,7 Prozent, 50- bis 45-Jährige eines von 4,5 Prozent, 40- bis 49-Jährige wiesen eine Mortalität von 2,7 Prozent auf. Bei Kindern zwischen ein und neun Jahren lag dieses Risiko nur noch bei 0,3 Prozent. Bei den Zehn- bis 19-Jährigen waren es 0,2 Prozent. Unter Einjährige hatten ein Sterberisiko von 1,6 Prozent. Während diese Daten veröffentlicht wurden, warnten der Wiener Tropenmediziner Herwig Kollaritsch und der Infektiologe Christoph Wenisch bei einer Fortbildungsveranstaltung für Ärzte und Apotheker: In den Spitälern könnte es zu Engpässen kommen; vor allem wenn sich das medizinische Personal nicht impfen lässt und krankheitsbedingt ausfällt. Ein Hoffnungsschimmer: Wie die mexikanischen Behörden in ihrem Bericht festhalten, könnte die saisonale Grippeimpfung einen teilweisen Schutz vor H1N1 darstellen. Unter jenen, die sich gegen die saisonale Grippe in Mexiko impfen ließen, zeige sich offenbar eine um 35 Prozent geringere Infektionsrate bei der Neuen Grippe, hieß es in dem Bericht. Eine chronische Vorerkrankung versechsfachte allerdings die Mortalität.
Bessere Nachrichten gibt es von Fällen schweren Verlaufs in Österreich: Zwei Intensivpatienten in Salzburg ging es am Donnerstag besser. Eine Besserung ist auch bei einem 39-jährigen Patienten aus Südtirol an der Uni-Klinik Innsbruck eingetreten; er soll in Kürze aus dem künstlichen Tiefschlaf geholt werden. In Wien mussten weiter zwei Patientinnen auf Intensivstationen betreut werden; im Fall einer jungen Mutter sprachen die Ärzte im Hanuschkrankenhaus davon, dass sich eine Besserung abzeichne.
Weitere Schulen gesperrt
Während sich die Neue Grippe in immer weiteren Teilen Österreichs verbreitet, werden die Maßnahmen der Gesundheitsbehörden ausgeweitet. In der Steiermark wurde die Impfaktion so ausgedehnt, dass nun auch Kinder ab sechs Monaten bei Vertragskinderärzten immunisiert werden. In Vorarlberg, wo sich bisher rund 2000 Personen immunisieren ließen, wurden zwei weitere Schulklassen vorläufig gesperrt (Hauptschule Dornbirn-Baumgarten und Volksschule Lustenau-Kirchdorf). Geschlossen war weiterhin die gesamte Hauptschule Lustenau-Kirchdorf sowie drei weitere Klassen in Lustenauer Schulen. In Tirol gab es weitere Schließungen von Schulklassen und Kindergärten. Betroffen waren fünf Kindergärten in den Bezirken Innsbruck und Schwaz sowie 15 Schulen in den Bezirken Innsbruck, Innsbruck-Land, Schwaz, Lienz, Kufstein, Imst und Reutte.
Die Ausbreitung der Neuen Grippe sorgte neben der Schließung von Schulen vor allem für einen Andrang bei Allgemeinmedizinern bzw. Hausärzten. „Die Leute sind schon etwas beunruhigt. Ich habe viele Anfragen, aber wenige Fälle“, erklärte der Wiener Allgemeinmediziner Norbert Jachimowicz. „Die Nachfrage an Informationen zum Thema Schweinegrippe ist groß“, hieß es auch aus der Praxis des St. Pöltener Allgemeinmediziners Ingo Hanke. Es herrsche Informationsbedarf, aber keine Panik. Ähnliches berichtete der Trausdorfer Allgemeinmediziner und burgenländische Ärztekammervizepräsident Milan Kornfeind. Im Burgenland hatte es bis Donnerstag rund 3000 Impfungen gegeben.
Was tun bei Ansteckung?
In Wien werden jene, die sich impfen lassen wollen, gebeten, sich unter http://grippeimpfung.wien.at zu informieren, in welchen der 21 Impfstellen aktuell mit den kürzesten Wartezeiten zu rechnen ist. Wer bereits infiziert wurde, soll – so der Infektiologe Christoph Wenisch – sich mit Unterstützung seines Hausarztes so verhalten: Bettruhe, „soziale Distanz“, kein Fiebermittel, Oseltamivir (oder ev. Zanamivir, Anm.) möglichst früh und Antibiotika bei Bronchitis oder Pneumonie verschreiben lassen.
