Die trockenen Zahlen der Kriminalstatistik wurden gestern, Dienstag, auf drastische Weise greifbar: Innerhalb kurzer Zeit wurden gleich zwei spektakuläre Überfälle verübt – beim ersten auf ein Wettbüro in der Reinprechtsdorfer Straße wurde ein Mann sogar lebensgefährlich verletzt. Kurz nach sechs Uhr Früh hatten drei Männer mehrere Schüsse auf einen Mitarbeiter abgegeben, der gerade Geld zur Bank bringen wollte. Der 49–Jährige wurde mehrere Stunden lang notoperiert, die Täter entkamen mit der Beute. Wenige Stunden später wurde in Wien-Meidling ein Juwelier überfallen. Die Angestellten lösten sofort Alarm aus, die beiden Täter flüchteten ohne Beute. Der gestohlene Fluchtwagen wurde kurze Zeit später in der Nähe gefunden. Es gab keine Verletzten.
Überfälle auf Juweliere sind seit Herbst vergangenen Jahres besonders in Wien zum Problem geworden. 2011 gab es österreichweit 19 Raubüberfälle auf Juweliere, allein in Wien wurden 17 davon verübt. Im ersten Halbjahr 2012 registrierte die Polizei in der Bundeshauptstadt schon zwölf Überfälle. Einen Anstieg gibt es aber auch bei den Überfällen auf Wettbüros: Österreichweit wurden im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres 32 Taten angezeigt, heuer waren es schon 45.
1 Wie schlagen sich Raubüberfälle in der Kriminalstatistik nieder?
Am Montag veröffentlichte das Innenministerium die aktuellen Zahlen für das erste Halbjahr 2012. Von Jänner bis Juni wurden österreichweit insgesamt 214 Überfälle auf Geldinstitute, Juweliere, Tankstellen, Trafiken und Wettbüros registriert. Im Vergleichszeitraum 2011 waren es 140. In allen fünf Bereichen gab es Zuwächse (siehe auch nebenstehende Grafik). Juweliere waren heuer bereits 14 Mal Ziel von Überfällen (2011: 8), Wettbüros 45 Mal (32).
2 Überfälle auf Juweliere: Wer sind die Täter?
Beim Thema Juwelierüberfälle taucht seit einigen Jahren immer wieder der Name „Pink Panther Bande“ auf. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk von Kriminellen, das äußerst straff strukturiert und in Führungsebenen gegliedert ist. Die Mitglieder werden zumeist in Balkanstaaten rekrutiert. Neben einer „Management“-Ebene gibt es Personen, die die Tatorte ausspionieren, Überfälle logistisch vorbereiten und die Flucht planen. Die Täter selbst reisen nur für den Überfall an. Wiederum andere Bandenmitglieder beschäftigen sich mit dem Verkauf der gestohlenen Ware.
Die Gruppierung tritt weltweit auf, neben europäischen Großstädten hat die „Pink Panther Bande“ auch schon in Dubai oder in Japan zugeschlagen. Die Täter gehen bei den Überfällen professionell vor. Vor knapp zwei Wochen berieten im österreichischen Bundeskriminalamt neben heimischen Ermittlern auch Fahnder aus Deutschland, Serbien und der Schweiz über gemeinsame Maßnahmen gegen die „Pink Panther Bande“. Bei Interpol beschäftigt sich eine eigene Projektgruppe ebenfalls staatenübergreifend mit dem Kampf gegen diese Gruppe.
3 Überfälle auf Wettbüros: Wer sind in diesen Fällen die Täter?
Auch bei diesen Überfällen gibt es Serientäter, allerdings treten sie nicht so professionell auf wie die „Pink Panther Bande“. Wiener Kriminalisten gelang es im Februar diesen Jahres, drei Männer festzunehmen, die für mindestens zehn Überfälle auf Wettbüros von Dezember 2011 bis Februar 2012 verantwortlich sein sollen. Sie erbeuteten insgesamt knapp 100.000 Euro. Die Verdächtigen stammen aus Ägypten. In manchen Fällen sind aber auch Einzeltäter am Werk. Die Polizei geht davon aus, dass sich unter den Tätern auch zahlreiche Spieler befinden.
4 Welche Geschäftslagen sind besonders betroffen?
Professionell agierende Juwelierbanden schrecken nicht davor zurück, Geschäfte in noblen Innenstadtlagen oder in belebten Einkaufsstraßen zu überfallen. In Wien waren zum Beispiel Juweliere am Kohlmarkt, Graben, in der Kärntner und der Mariahilfer Straße Ziel von Überfällen. Einer der spektakulärsten Juwelierüberfälle in Wien endete mit einem Todesfall: Am 11. Mai 1998 wurde der Geschäftsführer eines noblen Innenstadt-Juweliers durch einen Kopfschuss getötet. Betroffen sind aber auch Geschäfte in Einkaufsstraßen in Außenbezirken: Beim gestrigen Coup war ein Juwelier in der Meidlinger Hauptstraße Ziel. In den Bundesländern gab es bereits Tatorte in Innsbruck, Salzburg und Klagenfurt, aber auch in Wels und der Bezirksstadt Kitzbühel.Wettbüros und Spiellokale befinden sich in Wien meist in Gürtel-Nähe oder in Außenbezirken.
5 Wie sicher sind Juweliere und Wettbüros?
In Österreich, schätzt ein Sicherheitsexperte, haben derzeit nicht mehr als zehn Prozent der Juweliere elektronische Sicherungen in ihren Geschäften. Auch bei exklusiven Adressen gebe es deutliche Mängel: So würden manche Juweliere ihre gesamten Vitrinen mit einem einzigen Schlüssel sperren. Überwachungskameras sind aber bei Juwelieren und Wettbüros mittlerweile Standard, ebenso wie Tresore, die sich erst Minuten nach Eingabe des Codes öffnen lassen. Zuletzt hat man auch verstärkt auf den Einsatz von Security-Diensten gesetzt.